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Köln: Applaus, Applaus!

Köln : Applaus, Applaus!

Die Kulturgeschichte des Beifalls ist voller Anekdoten: In der griechischen Mythologie wurde ein Klatscher in den Himmel erhoben, und im Frankreich des 19. Jahrhunderts konnte man den Applaus sogar käuflich erwerben.

Die Bochumer "Arbeitsgruppe für sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung", ein unbekanntes Ensemble kluger Köpfe, hat sich mit dem Applaus beschäftigt. Ihre These: Am besten überhört der Künstler ihn. Beifall besitze keine Aussagekraft, weil kaum ein Auditorium, so die Bochumer Wirklichkeitsprüfer, Ahnung von Kunst habe. Ihm fehle "der Sachverstand"; es herrsche allein der "unbändige Unterhaltungswunsch".

Ist diese Behauptung so falsch? Das Publikum jubelt nie nach einer Mozart-Sonate, die unter den Händen großer Pianisten gehaltvoll und kristallin tönt, sondern nach der aufreizenden Liszt-Etüde mit ihrem Klingeling. Künstler, die mit effektvollen Stücken starken Jubel ernten, haben ihr Ziel erreicht: am Ende vom Applaus zu Zugaben genötigt zu werden. Dann heißt es in der Kritik: "Für den gigantischen Beifall bedankte sich der Interpret mit . . ."

Andere Musiker verzweifeln am Applaus, sagen das aber nur selten. Sie hassen es, wenn das Publikum nach leisen Schlussakkorden losbrüllt, statt der Musik Zeit zum Ausatmen zu lassen. Alfred Brendel guckte immer gequält, wenn er Beifall empfing. Keith Jarrett hadert noch heute mit dem Publikum. Glenn Gould mied es irgendwann radikal: Er machte nur noch Platten.

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Trotzdem ist der Beifall unentbehrlich, denn er erhebt den Abend zum Gemeinschaftswerk. Der Künstler bekommt mehr als nur sein Brot. Zwar signalisiert Beifall, dass mancher im Publikum erwacht ist. Durch seinen Applaus verlängert es aber den Rausch vom Podium zum Akt der Gegenseitigkeit.

Leider fehlt es an Zeugnissen, um eine lückenlose Kulturgeschichte des Applauses zu schreiben. Beifall war immer etwas Selbstverständliches. In der griechischen Mythologie gab es einen Spezialisten, einen gewissen Krotos, der den singenden Musen durch sein Klatschen den Takt wies. Zeus war von ihm so begeistert, dass er ihn ans Firmament heftete, im Sternbild des Schützen. Im antiken Rom, also unterhalb des Götterhimmels, wedelte ein Begeisterter mit einem Zipfel seiner Tunika, schnippte mit dem Finger oder klatschte in die Hände. Dafür gab es ein eigenes Verb: applaudere. Es kam sogar in Schweden an; dort wird der Applaus zum Applåd.

Musik wurde oft beklatscht, zwar nicht in mittelalterlichen Klöstern zum Gregorianischen Choral, aber beim Minnesang gewiss. Im Theater des 18. Jahrhunderts wurde Applaus auch wirtschaftlich zum regulierenden Faktor: Je länger er nach einer Premiere anhielt, desto länger wurde die Aufführungsserie etwa einer Händel-Oper. Über Erfolg wurde mit den Händen entschieden, und die Intendanten handelten danach. Logisch, dass irgendwann der Beruf des Claqueurs erfunden wurde, des bezahlten Klatschers. In Paris entstand 1820 die "Assurance de succès dramatique" (Versicherung für Bühnenerfolg), eine "Applausagentur", wie sie der Musikwissenschaftler Frederik Hanssen nannte, "deren Kunden für die unterschiedlichsten Klatscharten feste Gebührensätze zu entrichten hatten". Der gemeine Beifallspender ist für sie nur ein Enthusiast, der keine Ahnung von der Wichtigkeit seiner Hände oder "Bravo"-Rufe besitzt. Zischen war jedoch gefürchtet, es war tödlich wie der Biss einer Viper.

Das bürgerliche Konzert des 19. Jahrhunderts setzte seine Rituale fix durch, doch waren sie nicht so apodiktisch, wie man sie später missverstand. Dvořák freute sich, wenn zwischen allen Sätzen seiner neuen Sinfonie geklatscht wurde. Das Konzert des 20. Jahrhunderts fand diese sofortige Gefallensspende unangemessen. Mit dem Schweigegelübde, das er erst nach dem Schlussakkord aufhebt, erweist sich der Klassikfreund als Eingeweihter im sakralen Konzertsaal. Diese unhistorische Haltung bricht nur auf, wenn volkstümliche Helden wie der Chinese Lang Lang vor einem bunt gemischten Auditorium spielen - es wähnt sich bei einem Pop-Event, da klatscht man, wann man will. Applaus ist natürlich auch eine Selbstvergewisserung des Publikums, dass das Geld für die Karten gut investiert war. Je teurer das Ticket, desto donnernder der Jubel.

In der Moderne ist der akustische Applaus nur noch ein emotionaler Faktor. Die Förderung des modernen Klassikbetriebs hat die Bedeutung des Beifalls gedimmt. Schwierige Werke werden auch gespielt, wenn das Auditorium nur verwirrt klappert. Im Pop- und Rock-Bereich wird der Applaus sowieso anders gemessen: in Download-Zahlen.

Zwischen Klassik und Pop herrschen nur scheinbar Unterschiede. Am heftigsten bejubelt jedes Publikum die Stücke, die es vom Künstler schon x-mal gehört hat - egal ob es Beethovens "Appassionata" oder Grönemeyers "Vollmond" ist. Immer gibt es das innerliche Aufjauchzen, wenn eine Komposition als vertraut identifiziert wird. Die Klassikfans halten indes diskret an sich und warten das Ende der Sonate ab, bis sie applaudieren. Die Grönemeyer-Fans fluten das Werk schon im Moment, da sie es erkennen. Sie entzünden pyrotechnische Produkte und hissen Spruchbänder.

Natürlich wirkt Applaus mitunter schäbig, wenn wir etwa an Rituale in kommunistischen Staaten denken, wo das Politbüro nach seiner 99,9-prozentigen Wiederwahl dem lämmerhaft jubelnden Volkskongress ebenfalls zuklatscht. Tonlos zwingend dagegen der Applaus von Gehörlosen: Sie wedeln mit den Händen. Noch ergreifender ein Applaus, der gar nicht beginnen will, weil die Musik so zu Herzen ging. Nach mancher "Matthäus-Passion" etwa scheinen die Hände wie gefesselt.

Manchmal ist der Beifall auch eine Befreiung: Als neulich der Countertenor Philippe Jaroussky in der Düsseldorfer Tonhalle sang, saßen im Saal 900 Kenner, die zwei Hälften lang still saßen. Ihr später Applaus atmete das Glück, diesen Abend erlebt zu haben. Bald kam es zu kollektiven Ovationen im Stehen.

"Standing ovations" werden übrigens überschätzt. Oft steht ein Zuhörer zum Jubeln auf, weil er vom Sitzen Rückenweh hat - und sein Hintermann muss sich ebenfalls erheben. Weil er nichts mehr sieht.

(RP)