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Berlin: Anselm Kiefers Hang zum Rhein

Berlin : Anselm Kiefers Hang zum Rhein

Der Künstler hat eines seiner früheren Motive wieder aufgegriffen.

Wenn Anselm Kiefer, der 68-jährige, nahe Paris lebende deutsche Künstler, sich mit dem Rhein befasst, steht ihm der Sinn nach Höherem als einer Bootsfahrt. Der Rhein – das sind für ihn das Rheingold der Nibelungen, die Rheintöchter aus Richard Wagners Musikdrama, die Sage von der schönen Loreley, die den Männern zum Verderben wird, Heinrich Heines ironische Fassung dieses Stoffs und schließlich die Rhein-Dichtungen Hölderlins und Schlegels.

Nach mehr als 30 Jahren hat sich Kiefer nun wieder diesem mythen- und geschichtsbeladenen Strom zugewandt, indem er Holzschnitte von damals zu neuen Rhein-Collagen verarbeitete. Zu sehen sind sie teils in der Ausstellung "De l'Allemagne" im Pariser Louvre, teils in der Berliner Galerie Bastian.

Man merkt ihnen an, dass der Rhein für Kiefer nicht nur ein Strom der Gedanken ist, sondern auch ein Ort, mit dem ihn etwas verbindet. Kiefer ist in der Nähe des Rheins aufgewachsen, und wenn er als Junge zum Fluss ging, kam er an gesprengten Bunkern der Siegfried-Linie vorbei. In den 70er Jahren schnitt er eine Reihe dieser Bunker in Holz. Heute existieren die Bauwerke nur noch in der Erinnerung. "Die Deutschen sind Meister im Zustopfen der leeren Räume", sagt Kiefer anklagend, "im Verschwindenlassen der Spuren der Vergangenheit, die niemals vergangen ist."

So dient seine neuerliche Beschäftigung mit dem Thema dazu, dem Vergessen entgegenzuwirken. Seine teilweise mehr als drei mal drei Meter messenden Holzschnitte lassen den Rhein gespenstisch erscheinen, als Schicksalsstrom, der immer auch die Vorstellung von Bunkern transportiert. "Mit ihren dicken Mauern, mit ihrer Fülle an Beton erdrücken sie den Innenraum eher, als dass sie ihn schützen", so Kiefer. "Sie sind mehr als umbauter Raum. Sie sind in ihrer pervertierten Überanstrengung, ihrer Ekstase die Aufhebung ihrer selbst. Sie haben für mich in ihrer Überanstrengung etwas Mystisches."

Der Rhein und seine Bunker als etwas Mystisches – das passt ins Konzept der Ausstellung "Über Deutschland" im Louvre. Die Schau ist ins Gerede gekommen, weil sie allein das Bild eines romantischen, zum Irrationalen neigenden Deutschlands vermittelt, ähnlich wie Madame de Stael (1766–1817), die Autorin des bis heute viel zitierten Buchs "De l'Allemagne", von dem die Ausstellung den Titel lieh. Anselm Kiefer hat sich mit diesem irrationalen Deutschland immer wieder auseinandergesetzt. Leicht vergisst man dabei, dass Deutschland auch das Land des Aufklärers Immanuel Kant ist.

Ausstellung in der Galerie Bastian bis zum 14. September, im Louvre bis zum 24. Juni

(RP)