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Angela Richter: "Sind Sie ein Verräter, Herr Snowden?"

Kölner Regisseurin traf den Whistleblower : "Sind Sie ein Verräter, Herr Snowden?"

Die Kölner Regisseurin Angela Richter hat für ihr neues Theaterprojekt Edward Snowden in Moskau besucht. Sie traf einen Mann, der seine Lage nüchtern analysiert und bereits an einem neuen Beitrag zum Kampf gegen Überwachung arbeitet. Im Interview schildert sie ihre Eindrücke.

Es war ein bisschen wie in einem Spionagefilm: Edward Snowden trug eine Mütze und hatte den Kragen seiner Jacke aufgestellt, als er in Moskau zur vereinbarten Zeit im Hotelflur auftauchte. Die 44 Jahre alte Regisseurin Angela Richter hat ihn kürzlich dort getroffen. Der Whistleblower, der mit seinen Enthüllungen über das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten den NSA-Skandal auslöste, lebt nach seiner Flucht aus den USA in der russischen Hauptstadt. Angela Richter ist Hausregisseurin am Schauspiel Köln. Die Ehefrau des Malers Daniel Richter beschäftigt sich seit langem mit dem Thema Massenüberwachung - in Beiträgen für die Magazine "Monopol" und "Spiegel" ebenso wie in ihrer Performance "Assassinate Assange" (2012) über Wikileaks-Sprecher Julian Assange. In Moskau bat sie Edward Snowden um O-Töne für ihr Stück "Supernerds", das am 28. Mai Premiere hat. Der "transmediale Überwachungsabend" über die Bedeutung von Whistleblowern wird im Radio übertragen, im Web und im WDR-Fernsehen, das dem Spektakel einen ganzen Abend widmet.

Warum haben Sie sich des Themas Überwachung angenommen?

Angela Richter Es ist eines der interessantesten Themen unserer Zeit. Das Internet verändert den Alltag radikal - das hat es in der Geschichte der Menschheit so noch nicht gegeben. Keiner versteht es in allen Zusammenhängen. Und die Snowden-Enthüllungen haben mein Interesse noch verstärkt.

Sie haben 2012 ein Stück über Julian Assange aufgeführt und Assange im Vorfeld auch getroffen.

Richter Ich habe ein Abendessen mit ihm für 1600 Euro bei Ebay ersteigert.

Wie kam es dazu?

Richter Wikileaks brauchte Geld, die Konten waren gesperrt, deshalb haben Julian Assange und der Philosoph Slavoj Zizek acht Plätze für ein Abendessen mit sich selbst versteigert. Zizek unterstützt Wikileaks, und durch ihn wurde das Ganze ziemlich unterhaltsam, er ist ja sehr entertaining. Es gab jedenfalls keine peinlichen Schweigepausen.

Wo hat das Treffen stattgefunden?

Richter In Südlondon in einem Hotel. Es war sehr konspirativ, die Adresse haben wir erst kurz vorher in London erfahren. Es war ein Jahr, bevor Assange in die Botschaft von Ecuador gezogen ist, er lebte damals noch mit Fußfessel. Teile des Abendessens wurden gefilmt von Laura Poitras, die gerade mit dem Oscar für "Citizenfour" geehrt wurde, der Dokumentation über Edward Snowden. Sie hat damals an einem Film über Wikileaks gearbeitet.

Und Sie haben Assange bei der Gelegenheit von Ihrem Theatervorhaben erzählt?

Richter Ja. Er hat sich das angehört und zunächst nicht reagiert. Erst Wochen später meldete sich ein Assistent von ihm, da hatte ich schon gar nicht mehr damit gerechnet. Danach habe ich Assange mehrfach getroffen, zuletzt am vergangenen Wochenende.

Ist Assange so eitel und arrogant, wie er oft beschrieben wird?

Richter Diesem Vorurteil kann ich nicht folgen, und ich kann nicht fassen, dass ihm das immer noch vorgeworfen wird.

Wie wirkt er auf Sie?

Richter Er ist unverstellt. Und mittlerweile hat er einfach Angst. Er befindet sich in einer Extremsituation, aus der er nicht herauskommt. Es ist bestürzend zu sehen, wie er lebt. Und mich wundert, dass er sich psychisch immer noch hält.

Wie lebt Assange in der Botschaft?

Richter Anfangs bewohnte er ein 15-Quadratmeter-Zimmer hinten in der Botschaft. Inzwischen hat er ein größeres Zimmer, vielleicht 25 Quadratmeter. Es liegt im Hochparterre und ist sehr dunkel. Er hat im Grunde drei Jahre kein Sonnenlicht gesehen und leidet an Vitamin-D-Mangel. Außerdem an Sehstörungen. Und natürlich hat er dort auch keine Privatsphäre. Am Wochenende war ein Zahnarzt bei ihm, und der hatte nur eingeschränktes Werkzeug dabei. Er musste zum Glück nur eine kleine Bohrung vornehmen.

Was macht Assange eigentlich den ganzen Tag?

Richter Er arbeitet ständig für Wikileaks. Und er hat Anfragen von Reportern und Politikern aus der ganzen Welt. Er hat ja nicht überall einen schlechten Ruf, das ist nur in den USA und in einigen westlichen Ländern so. Er schreibt gerade an seinem dritten Buch. Und dann trifft er sich mit Anwälten, denn auch die Prozesse laufen ja weiter.

Was ist sein Beitrag zur Gegenwart?

Richter Ich glaube, er ist seiner Zeit voraus. Er ist jemand, der nicht verstanden wird. In unserer Gesellschaft ist vieles Schein. Uns wird vieles vorgespielt. Und Assange sagt die Wahrheit und ist offen. Er fragt, warum Regierungen intransparent sein dürfen, wir aber gläsern sein sollen. Er sagt: Da stimmt etwas nicht. Es löst Aggressionen aus, wenn jemand kommt und der Gesellschaft den Spiegel vorhält.

Sie meinen, seine Leistung ist es, die Wahrheit zu sagen?

Richter Auf diese Formel könnte man es bringen. Seine Wahrheit ist unbequem.

Lernten Sie Edward Snowden über Assange kennen?

Richter Im Grunde ja. Auf einer Internetkonferenz in den USA brachte mich Wikileaks mit einem Anwalt zusammen, der später der Anwalt von Edward Snowden wurde.

Wie geht es Snowden in Moskau?

Richter Am Ende der Dokumentation "Citizenfour" sah er schlecht aus und mitgenommen. Aber bei unserer Begegnung sah er richtig gut aus. Ich darf Ihnen nicht alle Details des Treffens erzählen, das ist Teil der Vereinbarung mit Snowden, der um seine Sicherheit fürchtet. Aber ich war positiv überrascht. Er leidet zwar an Heimweh, und er hatte sich gewünscht, dass ich ihm Erdnussbutter mitbringe. Aber er hat betont, dass er glücklich ist, nicht im Gefängnis zu sein. Er kann nun weiter in die Diskussion eingreifen. Er ist Herr seines eigenen Narrativs.

Er fühlt sich wohl in Moskau?

Richter Woanders wäre er eingesperrt worden, sicher auch in Deutschland. Klar, er ist das goldene Ei von Putin, seine Trophäe. Aber das ist für ihn besser, als im Gefängnis zu sitzen.

Kann sich Edward Snowden frei bewegen?

Richter Es sah so aus. Er kam alleine ins Hotel und ging alleine.

Brisantes Material besitzt er aber nicht mehr, oder?

Richter Er hat vor der Reise nach Moskau alles an die Journalisten übergeben. Davon ist erst ein Prozent veröffentlicht worden. Sie dürfen nicht vergessen: Snowden sieht sich als Patriot. Er wäre nie nach Russland gegangen und hätte Putin das Material übergeben.

Kommt denn da noch etwas?

Richter Es geht gerade erst los.

Was ist der Antrieb von Snowden?

Richter Snowden ist sehr nüchtern und ruhig. Ein hochintelligenter Mann. Er hat das alles nicht leichtfertig gemacht, sondern genau durchdacht. Er ist überzeugter Amerikaner, und er weiß, dass er Gesetze gebrochen hat. Aber er sagt: Ich musste das tun, um ein schlimmeres Verbrechen öffentlich zu machen, nämlich Verfassungsbruch.

Sieht er sich als Verräter?

Richter Genau das habe ich ihn auch gefragt.

Was hat er geantwortet?

Richter Er fragte zurück: Ist das Wort Verräter überhaupt eine Beleidigung? Es muss immer mal wieder Verräter geben, sonst gibt es keinen Fortschritt. Früher waren es vielleicht die Häretiker. Es muss Figuren geben, die sich nicht ans Gesetz halten. Für diese Leute ist es schmerzhaft, sie werden zum Paria, auch darüber macht er sich keine Illusionen.

Die Legitimation für die Massenüberwachung ist der Kampf gegen den Terror. Leuchtet Snowden das nicht ein?

Richter Er sagt, dass das System der Massenüberwachung gar nicht als Mittel im Kampf gegen den Terror geeignet ist. Es gibt viel zu viel Material, das gesammelt wird, und nicht genug Analysten, um es auszuwerten. Man sieht das ja an den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und in Boston: Die Täter standen auf Listen und zum Teil unter Beobachtung. Überwachung ist längst ein eigener Geschäftszweig geworden. Es geht um Geld, Macht und Machterhaltung. Snowden erzählte, als der 11. September passierte, habe eine Mitarbeiterin der NSA ausgerufen: "Das ist ein Geschenk." Wie zynisch! Man wirft so viele Rechte über Bord, so viele Errungenschaften der Demokratie, mit der Begründung, gegen den Terror kämpfen zu müssen. Das ist nicht einsichtig.

Werden Sie selbst überwacht?

Richter Ich gehe davon aus. Aber ich glaube an den freien Westen. Ich mache nichts Verbotenes. Ich bin nur interessiert, und das ist legal.

Sie verschlüsseln Ihre Mails nicht?

Richter Doch. Ich mache das jetzt prinzipiell, weil ich dabei ein besseres Gefühl habe.

Wie funktioniert das?

Richter Ich benutze für Mails ein Open-Source-Programm namens Thunderbird, das ein PGP vorinstalliert hat. Das ist ein Programm zur Verschlüsselung von Daten. Ich muss dem Empfänger dann einen Schlüssel geben, damit er meine Mails lesen kann. Übrigens arbeitet Edward Snowden gerade auch an so etwas.

Ja?

Richter Ja, er arbeitet an einem System, das E-Mails verschlüsselt.

Ist Snowden ein Held für Sie?

Richter Ganz klar ist er das. Er hat einen Gesetzesbruch begangen, und was er in die Welt getragen hat, sind keine guten Nachrichten. Aber es ist gut, dass wir es nun wissen, dass wir die Wahrheit kennen. Man könnte sagen, er hat uns einen Gott offenbart, von dem wir bisher nichts wussten: den Überwachungsgott. Damit müssen wir nun klarkommen. Und Konsequenzen ziehen. Dafür, dass wir Bescheid wissen, hat Snowden sein Leben weggeworfen. Ich sage im Scherz immer, ich mache Propaganda für Whistleblower. Aber mein Theater soll zum Selberdenken und Skeptisch-sein anregen. Ich bin parteiisch, aber niemand muss sich meiner Meinung anschließen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Chronologie des Falles „Edward Snowden“

(RP)