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André Kaczmarczyk hat "Alice im Wunderland" neu inszeniert

Premiere : Punktlandung im Kaninchenbau

Das Düsseldorfer Schauspielhaus glänzt mit einer gelungenen Neuinszenierung von „Alice im Wunderland“. Leider ist es die vorerst letzte Premiere.

Alice ahnt nicht, dass es noch verrückter kommen wird, als sie ihren Sachverstand überprüft. „Mal sehen, ob ich weiß, was ich früher wusste: Vier mal fünf ist zwölf. London ist die Hauptstadt von Paris und Paris ist die Hauptstadt von Rom.“ Da verschiebt sich etwas mit ihr und allem Vertrauten, seit sie in den Kaninchenbau gekrochen und in ein Wunderland gelangt ist, wo es Geschenke an Nicht-Geburtstagen gibt und man ständig um seinen Kopf fürchten muss.

Bevor jedoch „Alice“, die neue Inszenierung von Schauspieler und Regisseur André Kaczmarczyk, beginnt, tritt Wilfried Schulz auf die Bühne. „Alice“ ist Düsseldorfs vorerst letzte Schauspielhaus-Premiere, bevor, so der Intendant, „auch wir in einen Kaninchenbau fallen“. Die Theater werden wegen der Corona-Pandemie ab dem 2. November in eine erneute Zwangspause geschickt, „und das ist ein großes, großes Dilemma“, sagt Schulz.

Dennoch will er die Verzagtheit aller im Haus nicht ausschließlich als Klage verstanden wissen. „Einerseits sind wir Theater mit die sichersten Orte, die man sich vorstellen kann. Andererseits sind wir ein Reflektor gesellschaftlicher Empfindsamkeiten und verstehen, dass gehandelt werden muss.“ Niemand wisse, wie jetzt alles gehe. „Wir können nur aufeinander aufpassen.“ Das schöne Bild vom Publikum im Saal, das mit Spannung auf das Spiel wartet, will sich Schulz einprägen, bis „wir uns wiedersehen“. Doch zunächst Bühne frei für einen „unterhaltsamen und nachdenklichen Abend jenseits von Corona“.

Vor diesem Hintergrund darf die Premiere von „Alice“ als unbeabsichtigte Punktlandung verstanden werden, denn auch hier hat die Heldin mit grundlegenden Erschütterungen zu kämpfen. Erfahrungen geben keine zuverlässige Orientierung mehr, Ordnungen werden umgekehrt. Die Sprache dehnt sich in Gedichten oder zieht sich auf bloße Laute zusammen, Alice beginnt um ihre Identität zu fürchten. Ihr Wunderland ist kein Schlaraffenland, in dem Milch und Honig fließen, kein Paradies für Faulenzer. In ihrem Wunderland werden einem die Worte im Mund herumgedreht und man muss unentwegt darauf pochen, dass man wer ist.

André Kaczmarczyk und Musiker Matts Johan Leenders haben „Alice“ als fantasievolles und aufregendes Musiktheater inszeniert, mit einer wunderbaren Lou Strenger in der Rolle der Alice. Grundlage ist der 1865 erschienene Klassiker „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Eine aberwitzige und bisweilen sarkastische Geschichte um das Mädchen Alice, das einem sprechenden Kaninchen in seinen Bau folgt und sich schließlich in einer Welt mit Grinsekatze, falscher Suppenschildkröte und Herzkönigin wiederfindet.

Diese auf seltsam belebende Weise unhöflichen Figuren geraten im Verlauf der Geschichte zu notwendigen Nervensägen. Sie stellen Alice vor immer neue Herausforderungen und piesacken sie mit Unfug, bis sich alle Sicherheiten des Mädchens im freien Fall befinden. „Woher kommst du? Und wohin gehst du? wird sie von der Herzkönigin gefragt. „Ich weiß es nicht mehr“, sagt Alice. „Bisher bin ich immer wieder von meinem Weg abgekommen.“ Darauf die Königin: „Ich verstehe nicht, was du mit deinem Weg meinst. Hier gehören alle Wege mir.“ Zuvor hatte die Herzkönigin abstruse Regeln für ein Krocket-Spiel angeordnet: „Der Ball ist ein Igel, der Schläger ein Vogel, Soldaten sind Tore. Und alle spielen gleichzeitig.“ Wer sich nicht an die Vorgaben hält, dem wird der Kopf abgeschlagen. Ein solches Wunderland kann einem gestohlen bleiben.

Kaczmarczyks Alice jedoch lässt sich nicht einschüchtern. Wenn die Wunderland-Bewohner versuchen, sie auszutricksen, kontert sie, indem sie den Regeln der Logik folgt. Zunächst freundlich, schließlich entschlossener, bis ihre Gegenwehr in Trotz mündet. „Ich denke nicht daran, den Mund zu halten“, schleudert sie zornig der Königin entgegen.

Im Stück begegnet Alice unentwegt ihrem Erfinder, dem Autor Lewis Carroll. Carroll war Diakon und Mathematiker, Schriftsteller und Fotograf. Ihm wird ein zweifelhaftes Interesse an jungen Mädchen nachgesagt. Kaczmarczyk hat das Sujet klug in seine Inszenierung eingebunden, indem er Carroll als listigen Conferencier auftreten lässt, der Alice durch die gesamte Geschichte begleitet, auch von ihr träumt, sie sich jedoch nicht zu eigen macht.

Es ist ein Wunderland von Grenzgängern, Spielkindern und Anti-Helden, die sich selbstzufrieden in einer Klangwelt aus Sprache und Musik tummeln, die sie um immer neue und bizarrere Wortgefechte und Rätsel erweitern. Ein fabelhaftes Ensemble treibt dies auf die Spitze und wird dafür vom Publikum mit standing ovations gefeiert.