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München: Als Hitler Kunst "entartet" nannte

München : Als Hitler Kunst "entartet" nannte

Am 19. Juli 1937 – vor 75 Jahren also – wurde in München eine Sensationsausstellung eröffnet. Sie wird wohl für immer die am besten bestückte Schau moderner deutscher Kunst bleiben. Mit über zwei Millionen Schaulustigen verzeichnete sie das höchste Besucherergebnis aller Zeiten. Die Mehrzahl der Besucher war erschienen, um sich zu empören. Dazu rief schon der Titel der Ausstellung auf: "Entartete Kunst".

Die "Prangerschau" war als Gegenstück zur tags zuvor eröffneten "Großen Deutschen Kunstausstellung" konzipiert, mit der das Münchener "Haus der Deutschen Kunst" (heute "Haus der Kunst") eingeweiht wurde. Die bot in 40 Sälen, die 1200 großzügig und übersichtlich präsentierte Plastiken, Gemälde und Grafiken von 557 Künstlern beherbergten, was die nationalsozialistischen Machthaber für gute deutsche Kunst hielten.

In den Katalog der 420 000 Besucher verzeichnenden Großen Deutschen Kunstausstellung war ein roter Handzettel eingelegt. Der verhieß Ungeheuerliches: "Gequälte Leinwand – Seelische Verwesung –Krankhafte Phantasten – Geisteskranke Nichtskönner. Besucht die Ausstellung ,Entartete Kunst'." Die wurde in den Hofgarten-Arkaden präsentiert. In neun Räumen waren rund 600 Gemälde, Plastiken und Grafiken von etwa 120 Künstlern zusammengepfercht.

Die Schau prangerte Vertreter des Impressionismus, des Dadaismus und der Neuen Sachlichkeit, die Künstler des Bauhauses und die Spielarten der Abstraktion als "Verfallskunst" an. Der Hauptangriff galt den Expressionisten. Auf Wandbeschriftungen wurde das Ausstellungsgut beschimpft. Zu Max Beckmanns "Kreuzabnahme" hieß es "Freche Verhöhnung des Gotterlebens". Jüdische Künstler wie Marc Chagall und Ludwig Meidner waren in einer eigenen "Schreckenskammer" zusammengeführt. Unter "Verhöhnung der deutschen Frau – Ideal: Kretin und Hure" firmierten Aktbilder von Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner. Gemälde von Otto Dix wurden als "Beschimpfung der deutschen Helden des Weltkriegs" abqualifiziert. Zu Werken von Paul Klee und Wassily Kandinsky hieß es "Verrückt um jeden Preis". Christoph Zuschlag, Verfasser des Standardwerks "Entartete Kunst", bezeichnet die gezielte Bestätigung des Betrachters in seinen Vorurteilen gegenüber der modernen Kunst als wichtigste Intention der Ausstellungsdramaturgie.

Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, den Auftrag erteilt, aus deutschen Museen Werke für die geplante "Schandausstellung" zu beschaffen. Zuschlag berichtet: "In einer nur zehn Tage (4. bis 14. Juli 1937) dauernden Blitzaktion, bei welcher 4000 Kilometer per Auto zurückgelegt worden sein sollen, führte die Kommission in 23 Städten und 32 Sammlungen die erste von zwei landesweiten Beschlagnahmeaktionen durch." Über die Ausstellung frohlockte Goebbels: "Verfallskunst angeschaut. Das ist das Tollste, was ich je gesehen habe. Wir nehmen nun keine Rücksicht mehr."

In seiner Eröffnungsrede zur Großen Deutschen Kunstausstellung kam Adolf Hitler ausführlich auf die "Verfallskunst" zu sprechen, unter der er moderne deutsche Kunst seit 1910, insbesondere die aus der Zeit der Weimarer Republik verstand. Er kündigte an: "Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung." Am 24. Juli 1937 gab er den "Führerbefehl". Zuschlag berichtet: "Hatte die erste, unter Zeitdruck stehende Aktion einer flüchtigen Durchsicht zum Zwecke der Requirierung von Exponaten für die Münchener Femeschau gedient, so ging es nun um die systematische Liquidierung der Moderne." Beide Aktionen zusammengerechnet, wurden in 101 Museen von 74 Städten etwa 21 000 Kunstwerke beschlagnahmt.

Die international verwertbar erscheinenden Werke wurden ausgesondert und zu Schleuderpreisen ins Ausland verkauft – dazu gehörten auch Werke von van Gogh, Gauguin und Picasso. Man kann den enormen Verlust für die deutschen Museen beklagen. Doch der Verkauf war für die Kunstwerke die Rettung. Denn der von den Nazis seinerzeit als unverwertbar eingestufte Rest wurde verbrannt.

(RP)