Als die Berliner Mauer fiel

Als die Berliner Mauer fiel

Die Grenzöffnung im November 1989 war der Höhepunkt der politischen Veränderungen dieses Jahres in Mittel- und Osteuropa. Heute ist die Wiedervereinigung für manche nur noch Soli-Zuschlag, Besser-Wessi und Jammer-Ossi. Daran dachte damals niemand – Berlin war der Nabel der Welt. Die Erinnerung daran verblasst nicht.

Der Mensch ist Teil der Geschichte, und ohne Menschen würde keine Geschichte geschrieben. Das klingt so lange banal, bis man sich an die Momente in seinem Leben erinnert, in denen man selbst Teil der Geschichte war. Wobei einem die Historizität der Ereignisse oft erst später bewusst wird.

Aber an diesem 10. November 1989 in Berlin, abends an der noch real existierenden Mauer vor dem Brandenburger Tor, stellt sich die Frage nach der Geschichtsträchtigkeit des Moments nicht. 24 Stunden zuvor hat sich die Mauer geöffnet – nach dem folgenschweren Fehler von SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski über das neue DDR-Reisegesetz: "Das trifft nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich." Die Nachricht sollte eigentlich erst in der kommenden Nacht um vier Uhr über die staatliche Nachrichtenagentur ADN verbreitet werden. Aber Schabowski, der die entscheidende Sitzung des Politbüros verpasst hat, übersieht die Sperrfrist.

Ab da gibt es keine Sperren mehr – zumindest nicht mehr in den Köpfen der Menschen. Bis Mitternacht sind alle Grenzübergänge im Stadtgebiet offen. Manche verschlafen noch die abendliche Revolution, aber am Freitag setzt endgültig der große Ansturm ein. Als ich an diesem 10. November in Berlin eintreffe, steht die Stadt Kopf. Ost- und West-Deutsche singen gemeinsam: "Krenz, wir schlagen Dir die Mauer ein" – gemeint ist Egon Krenz, noch Staatsratsvorsitzender der DDR. Für ein paar Augenblicke bin ich abends oben auf der Mauer am Brandenburger Tor, ein wenig bange beim Blick in die versteinert wirkenden Gesichter der Vopos vor dem Brandenburger Tor. "Was geht bloß in denen vor?", flüstert mir eine junge Frau inmitten des Lärms ins Ohr. Da schwingt auch 24 Stunden nach Beginn des Ost-West-Tourismus die Sorge mit, die Situation könnte doch noch eskalieren. Aber die Angst ist unbegründet. Berlin ist an diesem Wochenende der friedliche Nabel der Welt.

Dass ich an diesem Wochenende in Berlin bin, verdanke ich einer glücklichen Fügung. Ich gehöre zu einer Gruppe von Touristen, die mit dem Verkehrsverein der niederrheinischen Gemeinde Kranenburg vor Ort sind. Eigentlich sollte die Fahrt schon im September stattfinden, wurde dann aber wegen der Kommunalwahlen auf das zweite November-Wochenende verschoben. Manchmal ist der Mensch nur zufällig Teil der Geschichte.

Sie so zu erleben, an diesem Ort, 28 Jahre nach dem Entstehen von Mauer und Todesstreifen, hat etwas Surreales. Wir haben uns doch längst an die Teilung gewöhnt, an Tote an der Mauer, an Zwangsumtausch und Transitverkehr. Und jetzt? Da sind die Deutschen von der einen Seite der Mauer und jene von der anderen, aber wer von wo kommt, ist irrelevant. Von den Kosten der Einheit kann noch keine Rede sein, auch nicht von denen, die sich im neuen Deutschland die Geborgenheit der alten DDR zurückgewünscht hätten. Also keine Besser-Wessis und keine Jammer-Ossis, noch keine Gewinner und Verlierer der Wiedervereinigung.

Dieser Abend kennt nur Sieger – außer denen, die in irgendeiner Kudamm-Kneipe ihre Berliner Weiße trinken, als wäre es ein Freitag wie jeder andere, und sich diesen unfassbaren Abend auf den Straßen Berlins entgehen lassen. Sie bekommen nicht mit, wie Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper (SPD) vor dem Schöneberger Rathaus sagt: "Wer gestern an den Grenzübergängen war, wird diesen Tag und diese Nacht nie mehr vergessen." Momper ist einer der umjubelten Männer an diesem Abend, ein anderer Willy Brandt, während Bundeskanzler Helmut Kohl beim Anstimmen der Nationalhymne vor der Gedächtniskirche ausgebuht wird. Geschichte hat auch ihre peinlichen Momente, geht mir in dieser Sekunde durch den Kopf. Und schon zieht es uns weiter durch Berlin. Wie Tausende andere werde ich an diesem Abend zum Dauerpendler durch eine Stadt im Ausnahmezustand.

Natürlich behält SPD-Politiker Momper recht. Der Mauerfall liegt jetzt mehr als 21 Jahre zurück, aber er entzieht sich niemals der Erinnerung. Er markiert ja nicht nur das Ende der Mauer, sondern er krönt auch die politischen Veränderungen des Jahres 1989 in Mittel- und Osteuropa: Polen hat den ersten nicht-kommunistischen Regierungschef nach dem Krieg, in der Tschechoslowakei ist der Bürgerrechtler Václav Havel zum Präsidenten gewählt worden. Die Grenzen zwischen Ungarn und Österreich sind offen, der umjubelte Auftritt von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag liegt gerade mal sechs Wochen zurück. So viel Umwälzung binnen eines Jahres ist einmalig. Da verblasst in der Erinnerung so manches andere Ereignis des Jahres 1989: In Japan wird der erste Gameboy verkauft, in Deutschland dürfen die Läden donnerstags länger als bis 18.30 Uhr öffnen, die Exxon Valdez löst vor Alaska eine Ölpest aus. Selbst so eine Tragödie wie die Ermordung des Deutsche-Bank-Chefs Alfred von Herrhausen gerät später zeitlich aus dem Blickfeld.

Das Phänomen Mauerfall ist so überwältigend, dass es alles überlagert. Wer hätte daran geglaubt fünf Monate zuvor, als das DDR-Regime unter Erich Honecker seine Zustimmung zu dem Blutbad an chinesischen Studenten auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking bekundete? Bestimmt nicht die Mittsechzigerin, die am Sonntagvormittag, also drei Tage nach der Grenzöffnung, mit Hunderten anderen durch das frische Loch in der Mauer am Potsdamer Platz drängt, mich ohne Zögern umarmt und mir mit zitternder Stimme verrät: "Daran habe ich wirklich nicht mehr geglaubt." In diesem Moment braucht es keine wildfremden Menschen neben uns, die sich in die Arme fallen, keine knallenden Sektkorken – wenn ich jemals wirklich ein Gefühl dafür gehabt habe, wie groß die Sehnsucht nach Freiheit auf der anderen Seite der Mauer war, dann hat ihn mir diese Frau vermittelt. So manche TV-Dokumentation, die ich in den Jahren danach gesehen habe, trug irgendwie das Gesicht dieser Ost-Berlinerin.

Nachher hat Walter Momper eingeräumt, dass er seit Ende Oktober von den Plänen der DDR-Führung zur Grenzöffnung gewusst habe. Er ist derjenige, der anordnet, dass es für die Ost-Berliner 100 Mark Begrüßungsgeld gibt. Riesige Schlangen bilden sich vor den Bankfilialen, in denen das Geld ausgegeben wird. Das sind Momente, in denen man an die Zeit nach dem Krieg denkt: Haben sich so auch die Deutschen 1948 nach der Währungsreform gefühlt? Sind in den Jahren des Aufschwungs danach die Steppkes auch so über den Kudamm gezogen und haben im KaDeWe das Nudel-Angebot bestaunt? Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben dafür, dass es uns Westdeutschen über Jahrzehnte so viel besser ging? Mehr als zwei Jahrzehnte später sind solche Fragen nicht mehr zeitgemäß. Es bleibt die Erinnerung an fast 200 Menschen, die umkamen bei dem Versuch, von Ost nach West zu flüchten.

Unweit des damaligen provisorischen Grenzübergangs am Potsdamer Platz steht heute das Sony-Center. Ein 800 Millionen Euro teurer Bau, ein Sinnbild des modernen, wiedervereinigten Berlin. Für junge Menschen, die den Platz in seinem früheren Aussehen nicht einmal aus TV-Bildern kennen, ist es kaum vorstellbar, dass hier einst eine Industriebrache lag. Und sie werden in der Hauptstadt auch nie ein mulmiges Gefühl haben wie ich 2005. Damals stand ich gegenüber vom Palast der Republik und erinnerte mich unwillkürlich 27 Jahre zurück, an die Zeit als Zehntklässler auf Klassenfahrt, für einen Tag in Ost-Berlin, als ich an gleicher Stelle darauf bedacht war, in diesem fremden, unheimlichen, anderen Deutschland nur nicht aufzufallen. Nicht mal der Mauerfall hat dieses Gefühl ausgelöscht.

Online Die Serie im Internet unter www.rp-online.de/panorama

(RP)
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