Roman (Folge 70) Als der Wagen nicht kam

Das war ein schwerer Schlag, denn abgesehen von der Sorge um das Schicksal der beiden Freunde erhob sich jetzt die Frage, wie viel von den Plänen den Kommunisten mitgeteilt worden war und ob es der Gestapo gelingen würde, die Fäden zu Kreisau und Stauffenberg aufzudecken.

Daneben bestand die Gefahr, dass die Verhafteten selber durch Tortur oder die damals, wohl unbegründet, als wirksam angesehenen Wahrheitsdrogen zu Aussagen gebracht werden könnten. Darin liegt nicht der Schatten eines Vorwurfs, denn wir sind immer überzeugt gewesen, dass mit den unmenschlichen Quälereien der Gestapo jede gewünschte Aussage erpresst werden konnte. Auch das Misslingen des Kontakts mit den Kommunisten kann man Leber und Reichwein nicht vorwerfen. Wir sind alle mit dem Schritt einverstanden gewesen nach gründlicher Überlegung. Nur hatten wir irrig nicht hinreichend in Rechnung gestellt, wie verderbt die Gestapo die Menschen gemacht hatte. Jedenfalls war eine drohende Gefahr entstanden, denn wenn eine totalitäre Polizei ein Glied einer Verschwörungskette in der Hand hat, so ist es wahrscheinlich, dass sie Glied für Glied an der Kette entlangtastet, bis sie sich der ganzen Kette bemächtigt hat. Hierfür genügt schon die Feststellung der Personen, mit denen die Verdächtigen Umgang hatten, und deren Beschattung. Man kann sich daher nur wundern und es ist ein Beweis für die Überschätzung der Tüchtigkeit der Gestapo, besonders aber für die Geschicklichkeit und Standhaftigkeit unserer Freunde, dass in den zwei Wochen bis zum 20. Juli niemand sonst verhaftet worden ist. Es mag auch sein, dass die Gestapo nach richtiger kriminalistischer Methode zugewartet hat, um nicht durch Verhaftungen Einzelner die Übrigen vorzeitig zu warnen. Anhaltspunkte dafür sind mir nicht bekannt geworden. Jedenfalls trieb die von der Gestapo aus drohende Gefahr zum schnellen Handeln, ganz abgesehen von der Rettung der beiden Verhafteten, denen baldiger und sicherer Tod bevorstand. Stauffenberg handelte dementsprechend.

Aus dieser Hochspannung ist mir der Abend des 14. Juli – ich glaube, es war ein Freitag – in schicksalsschwerer Erinnerung. Lukaschek war aus Breslau wieder einmal da, um zu sehen, wie die Dinge standen. Außerdem kamen Yorck und Stauffenberg auf die Nachricht von Lukascheks Anwesenheit. Stauffenberg umriss die Lage, ihre Gefahren und die Notwendigkeit zum schnellen Handeln. Dann ging das Gespräch auf die sittliche Berechtigung der Anwendung von Gewalt über und deren Möglichkeiten. Stauffenberg war ernster als sonst, aber gelassen und sicher. Niemand hätte bei seiner äußeren Unbefangenheit ahnen können, vor welcher geschichtlichen Tat er stand. Er war eben durch und durch Soldat. Als er fortging, wurde der Atem des Schicksals spürbar bei den letzten Worten, die ich von ihm hören sollte: „Es bleibt also nichts übrig, als ihn umzubringen.“ Von unserm Hause fuhr er zum Bahnhof, um in den Schlafwagenzug nach Wolfsschanze zu steigen, wo er am nächsten Tag die Tat vollziehen wollte, was dann unterblieb, weil Himmler, den er gleichzeitig miterledigen wollte, nicht erschienen war. Von den Einzelheiten der Planung – wer, wie, wann – ist an dem Abend mit keinem Wort die Rede gewesen. Wir wussten nur, dass Stauffenberg den von der Wehrmacht geplanten Schlag nunmehr starten werde. Ich bin überzeugt, dass Stauffenberg sich in dem Gespräch die innere Rechtfertigung suchen und hierfür geistigen Beistand haben wollte. Dass Stauffenberg keine Einzelheiten von sich gab, entsprach militärischer Vernunft und den Regeln, die eine solche Tat ihrer Art nach verlangt, wo alles auf strenger Geheimhaltung beruht. Als Stauffenberg fortgegangen war, haben wir kein weiteres Wort über die Art seines Vorhabens verloren, weil das der Kreisauer Übung von Diskretion und Zurückhaltung widersprochen hätte. Ich weiß nicht, ob Yorck über die Einzelheiten Bescheid gewusst hat, möchte es aber auf Grund seiner engen Freundschaft mit Stauffenberg wohl annehmen. Auch wenn ich mit Stauffenberg dienstlich zusammentraf oder ich ihm sonst begegnete, hat er nie über seine Pläne gesprochen, abgesehen von kurzen Mitteilungen, die für uns von Interesse sein konnten. Kein Dritter hätte merken können, dass zwischen uns eine innere Beziehung bestand. Er wusste über Yorck, dass ich wusste, und ich wusste, dass er wusste.

Typisch für dieses Verhältnis war folgender Vorgang. Eines Abends fuhr ich zusammen mit dem Oberst Meichsner, dem Leiter der Standortstaffel des Wehrmachtführungsstabs, im Schlafwagenzug zu irgendeiner Besprechung in das Führerhauptquartier, das sich damals in Berchtesgaden befand. Im Zuge trafen wir Stauffenberg, der noch kein Bett hatte und dann das zweite Bett in meinem Abteil bekam. Nach der Abfahrt zog er zwei Flaschen Burgunder aus seinem Koffer und sagte, mit deren Hilfe wollten wir uns jetzt mal mit Meichsner unterhalten. Er holte Meichsner aus dem Nebenabteil, der auch bereitwillig kam auf das Stichwort Burgunder. Dann entwickelte sich ein Gespräch über die Lage und die täglich schlimmer werdenden Zustände. Stauffenberg machte mehrfach Andeutungen, so gehe es doch nicht weiter, es müsse etwas geschehen, worauf Meichsner jedoch nicht einging. Das Gespräch verlief so, dass es, auf Tonband aufgenommen, zum Galgen geführt hätte, aber nur wegen Defaitismus. Es ging nicht über die Art der von Offizieren vielfach unter vier Augen geführten Unterhaltungen hinaus, da es keine konkreten Dinge berührte. Wenn man aber wusste, worum es ging, war klar zu erkennen, dass Stauffenberg versuchte, Meichsner zum Mithandeln zu bringen, und dass Meichsner nicht recht wollte. Schließlich sagte Stauffenberg, er möge doch nächste Woche zu Brückelmeyer kommen, was Meichsner mit Arbeitsüberlastung ablehnte. Dadurch wurde klar, dass Meichsner nicht, oder nicht mehr, mittun wollte; bei Brückelmeyer, der wegen antinationalsozialistischer Haltung aus dem Auswärtigen Amt entlassen worden war, wurden nämlich Fäden gegen Hitler gesponnen. Ich kannte ihn gut von Kattowitz her, hatte aber keine Verbindung mehr mit ihm, wusste aber bei Nennung seines Namens sofort, worum es ging. Als Meichsner dann zu Bett gegangen war, sagte Stauffenberg mir: „Es ist klar, er will nicht.“

(Fortsetzung folgt)

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