Literaturnobelpreisträgerin: Alice Munro – die würdige Preisträgerin

Literaturnobelpreisträgerin: Alice Munro – die würdige Preisträgerin

Die üblichen Spekulationsgefechte im Vorfeld fanden gestern ihr Ende: Alice Munro heißt die neue Literaturnobelpreisträgerin. Die Stärke der 82-jährigen Kanadierin sind vor allem Kurzgeschichten und Erzählungen.

Endlich wieder eine Wahl, die eine Kritik weder nötig hat noch nötig macht. Weil Alice Munro das ist, was man eine würdige Preisträgerin nennen muss. Denn für all jene, die ihre virtuosen, vor Klarheit funkelnden Geschichten und Erzählungen lesen, schmückt die 82-jährige Kanadierin schon lange der bedeutendste Lorbeer. Munro zu lesen bedeutet, der Welt in unverstellter Sprache gegenüberzutreten. Mit einer Verknappung, die nichts anderes als der Beleg dafür ist, dass die, die diese Worte gefunden hat, auch versteht, worüber sie schreibt. In ihren Geschichten — manche nur ein paar Seiten lang — muss nie mehr gesagt werden. Genau das ist ihre hohe, vielleicht unvergleichliche Kunst: das eine richtige Wort zu treffen und den einzig möglichen Satz zu finden. In dieser Wahrheit gründet der Zauber ihres Erzählens.

Das lässt sich bestenfalls halbwegs beschreiben; im Grunde muss man es vorführen — mit nur zwei Sätzen, die die Erzählung "Gesicht" intonieren: "Ich bin davon überzeugt, dass mein Vater mich nur ein einziges Mal ansah, betrachtete, besichtigte. Danach nahm er als gegeben hin, was da war." Oder der schaurig graue, abgrundtiefe Beginn von "Kinderspiel": "Ich nehme an, bei uns zu Hause wurde darüber geredet, hinterher. Wie traurig, wie schrecklich. (Meine Mutter)." Sofort ist man in diesen Geschichten gefangen, aber nicht, weil sie so sind, wie sie sind, sondern weil sie uns eine Welt vorführen, die wir zu kennen glauben. Eine Welt aus Liebe und Hass, dem Gleichklang des Alltags und der Einsamkeit; es gibt verständliche Selbstmorde und unverständliches Glück. Krankheiten kommen, manche gehen, manchmal zerstören sie auch. Dabei bleibt die Autorin fähig zum Sarkasmus wie auch zur Ironie; vor allem: sie psychologisiert nicht, sie erzählt, geduldig und genau. Und das braucht seine Zeit. Bisweilen sitzt sie an einer einzigen Erzählung ein ganzes Jahr. Sie weiß, warum. Und wir lesen es dann später, warum.

Zeit ist ohnehin nie bedeutsam gewesen für die Kanadierin, die bis zur ersten Veröffentlichung 40 Jahre alt werden musste und ihre nur 20 bis 30 Seiten zählenden Wunderwerke nach und nach unters Volk bringt. Dann kokettiert sie und bezeichnet sich — die studierte Journalistin — gern als eine "schreibende Hausfrau"; darum habe ihr stets die Zeit gefehlt.

Insgesamt ist ein gutes Dutzend Bände mit Erzählungen von ihr erschienen; sogar einen Roman hat sie geschrieben, aber der ist nicht das Beste geworden, was es von ihr zu lesen gibt. Fast hat man den Verdacht, dass sie nur einmal für alle bestätigen wollte, dass die lange Form nicht ihre Form ist. Aber da der Literaturbetrieb viel zu gefräßig ist, hat man aus der Not der überschaubaren Zahl an Erzählungen eine verlegerische Tugend gemacht und in verschiedenen Kombination sogenannte Best-of-Editionen ihrer Geschichten publiziert.

Alice Munro, in Ontario geboren und in Ontario zurückgezogen noch heute lebend, hat oft auf der Liste der Nobelpreiskandidaten gestanden. Trotz vehementer Fürsprecher wie des US-amerikanischen Romanciers Jonathan Franzen und ungeachtet ehrwürdiger Autorenvergleiche — etwa mit Tschechow — durfte man zuletzt durchaus das Gefühl haben, dass ihr Name zu oft schon Stockholms eigenwilliger Jury nahegelegt wurde.

Darüber ist sie 82 Jahre alt geworden; im vergangenen Jahr ist ihr Mann gestorben, sie selbst ist in gesundheitlich unguter Verfassung. Der Preis wird ihr kein Trost sein, wahrscheinlich nicht einmal eine Art später Genugtuung. Aber sie wird sich darüber freuen, dass mit dem Nobelpreis ihre Geschichten noch einmal einen neuen Schub bekommen könnten. Ein höchst sinnvoller Effekt. Denn was sie erzählt, ist universell und existenziell. Es gibt keinen Grund, warum Alice Munro nicht auch in der ganzen Welt ihre Leser finden sollte. Das liegt auch daran, dass sie immer nur eine Geschichte erzählen will, wie sie einmal sagte; und dann hinzufügte: "in einer altmodischen Art".

Nach fast allen bedeutenden Literaturpreisen der Welt wird sie jetzt endlich auch mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Sie ist damit die erst 13. Schriftstellerin, die in der 112-jährigen Geschichte der hohen Ehrung gewählt wurde.

Jemand hat einmal gefragt, wie es bloß kommt, dass uns all das interessiert, wenn Alice Munro es erzählt. Vielleicht, weil in den kleinen Geschichten unser ganzes Leben Platz findet. Möglicherweise ist das überraschend. Mag sein, auch tröstlich. Auf jeden Fall ist es einmalig. Vor allem: bewunderns- und lesenswert.

(RP)
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