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Albumkritik: Harry Styles und sein neues Album "Harry's House"

“Harry‘s House“ : Harry Styles gießt den Sommer in Bernstein

Cocktailkirschen-Pop vom Mann der Stunde: Der 28-Jährige vermischt auf seinem dritten Soloalbum „Harry‘s House“ Stile und Traditionen auf unwiderstehliche Weise.

Diese Platte möge im Sommer bitte überall zu hören sein, an Stränden und in Bussen, sie ist nämlich so verspielt, gescheit und heiter, dass sie die Welt ein bisschen besser machen kann. „Harry’s House“ heißt sie, der 28 Jahre alte Harry Styles hat sie veröffentlicht, und der ist ja gerade so etwas wie der Mann der Stunde, jedenfalls trägt niemand sonst eine pinke Federboa und schwarz lackierte Fingernägel mit so viel Grandezza zu einem gelb karierten Tweedsakko.

Harry Styles wurde in der britischen Castingshow „The X Factor“ entdeckt. Er verbrachte die Jahre zwischen seinem 16. und 22. Geburtstag in der sensationell erfolgreichen Boyband One Direction, und auf seinem dritten Soloalbum erfindet er den Pop zwar nicht neu, aber er vermischt Stile, Zitate und Traditionen mit solcher Eleganz, dass das Ergebnis im besten Sinne überzeitlich wirkt. Die 13 Stücke muten denn auch schon jetzt wie in Bernstein gegossen an.

Der Albumtitel zitiert das 1975 erschienene Lied „Harry’s House / Centerpiece“ der von Styles verehrten Joni Mitchell. In „Daylight“ wird die Atmosphäre zu bunter und psychedelisch schimmernder Zuckerwatte verdichtet, man muss an Tame Impala denken. Eines der tollsten Stücke. „Daydreaming“, klingt, als habe es Paul McCartney für eines seiner ersten Soloalben komponiert. Styles holt sich Bläsersektionen aus dem Funk, er schmeichelt wie ein Soulsänger und lässt den Synthesizer zum Tanz aufspielen. Die Produktion ist auf eine derart lässige Weise virtuos, wie man es von Steely-Dan-Platten kennt. Zwischendurch federt Melancholie den euphorischen Cocktailkirschen-Pop ab, dann gibt es empfindsame Balladen wie die Charakterstudie „Matilda“.

 Das Cover von „Harry‘s House“.
Das Cover von „Harry‘s House“. Foto: dpa/-
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Harry Styles weiß, dass es im Pop nicht nur ums Hören geht, sondern mindestens ebenso ums Schauen und Spüren, und seine altmodische Zeitgenossenschaft hat tatsächlich etwas Vibrierendes. Das schützt ihn indes nicht davor, dass „Harry’s House“ an manchen Stellen allzu poliert ist, bisweilen gar kalkuliert anmutet. Die Sprecherstimmen in seinen Liedern sind oft vor der Zeit weise gewordene Bedenkenträger mit psychologischen Grundkenntnissen. In „Boyfriends“ etwa haftet ihm etwas Altväterliches an, „Boyfriends / Are they just pretending?“, dabei würde man doch viel lieber gesagt bekommen: Geh, wohin dein Herz dich trägt.

Macht aber nichts, sind Kleinigkeiten. Harry Styles trägt den Sommer im Herzen, darum geht es Ende Mai, und in diesem Mai erst recht.