1. Kultur

Albumkritik: "Gefühlte Wahrheiten" von Jochen Distelmeyer

„Gefühlte Wahrheiten“ : Jochen Distelmeyer erfindet die Sprache der Liebe neu

Der frühere Kopf der Band Blumfeld veröffentlicht sein neues Album „Gefühlte Wahrheiten“. Es ist weit entfernt davon, perfekt zu sein. Zum Glück.

Beim ersten Hören staunt man nur, beim zweiten Hören wünscht man sich einen Stift, um mitzuschreiben, und beim dritten Mal lächelt man, weil es so toll ist. Das neue Album von Jochen Distelmeyer heißt „Gefühlte Wahrheiten“, und es ist so anders als andere deutschsprachige Pop-Alben, dass es einen irritiert, fasziniert und euphorisiert. Da ist er wieder, der Kerl, der Sprache ernst nimmt, sie dehnt und formt, damit sie neu klingt statt ausgelutscht.

Eines der besten Lieder ist „Tanz mit mir“, das aus Versatzstücken von 1970er- und 1980er-Schlager-Zitaten gewebt zu sein scheint („Spiel mit dem Feuer“, „die Nacht ist jung“), das aber dennoch tief geht, weil Distelmeyer die Phrasen in die Gegenwart holt und ins aktuelle Fühlen. „Und als wir gingen, war uns beiden klar, was es war zwischen uns / Als unsere Blicke sich fanden zur Musik“. Hinter das Wort „Musik“ hängt er ein „Yeah“. Und dieses „Yeah“ und an anderer Stelle ein „Hey“, das ist es, das macht den Unterschied. Distelmeyer singt das so, wie Roland Kaiser und die anderen damals in der „Hitparade“ sangen: mit abgespreiztem kleinem Finger am Mikrofon und einer Hand in der Hosentasche. Er meint das ernst.

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„Gefühlte Wahrheiten“ ist das erste Distelmeyer-Album mit eigenen Texten seit 2009. Es gibt Schlager und Soul, RnB und Country, drei Lieder sind auf Englisch, die wie ein verzogenes Scharnier in der Mitte quietschen. Auch das fast zwölfminütige „Nicht einsam genug“ steht kantig gegen den Flow mit seinen Dylan- Anklängen.

Die Produktion zwinkert Distelmeyers Helden zu, Steely Dan und Prefab Sprout, und natürlich denkt man immerzu an Blumfeld, Distelmeyers Band, der der deutsche Pop mehr zu verdanken hat, als er je zurückgeben könnte.

Doch das ist das Liebenswerte an ihm, dass er keine perfekten Alben macht, dass er den Zuschreibungen nicht entsprechen mag, sondern sich treu bleibt, indem er sich verändert. Der Widerspenst schüttet sein Herz aus „auf gewelltem Papier“. Und dann fängt er an zu singen: „Mein Herz steht in Flammen“, singt er in „Hey Dear“, „und der Sog ist so groß“. So groß.