Neuss: Afrikanischer Schmelztiegel bei den Neusser Tanzwochen

Neuss: Afrikanischer Schmelztiegel bei den Neusser Tanzwochen

Was spiegelt sich nicht alles in diesen Bewegungen: pure Lebensfreude, kindliches Staunen, blanke Melancholie, tiefe Traurigkeit, stilles Glück, sanfte Zufriedenheit, lähmender Stillstand - das ganze Leben eben. Mit den zwölf Tänzern, die er vor fünf Jahren in Algerien und Burkina Faso gecastet hat, erschafft der Choreograph Hervé Koubi Bilder, die eher Aggregatzustände sind. "Ce que le Jour doit à la Nuit" (Was der Tag der Nacht schuldet) heißt die Arbeit, mit der Koubis Compagnie die nüchterne Neusser Stadthalle für rund 60 Minuten in eine Zwischenwelt aus Orient und Okzident verwandelt. Der Auftakt der 33. Internationalen Tanzwochen Neuss ist eine Demonstration dessen, was Tanz heute ist: ein Schmelztiegel aller denkbaren Stile - von Streetdance bis hin zum Tanz der Derwische.

Allerdings bedarf es dafür der Qualitäten solch exakter Tänzer, wie Koubi sie hat. Vor etwa sechs Jahren war ihre Bühne noch die Straße, Koubi hat sie bei einem Vortanzen in Algerien entdeckt, seit fünf Jahren arbeitet er mit ihnen. Aus zwölf Körpersprachen baut Koubi mit Elementen des HipHop, Modern Dance, sogar des klassischen Balletts, aus Gymnastik, Akrobatik und archaischen Tänzen eine homogene Bewegung. Er lässt seine Tänzer zu einem amorphen Gebilde verschmelzen und wahrt doch die Individualität des Einzelnen.

Fast scheint es, als ob jeder der Tänzer das macht, was die Musikcollage aus Soufi-Klängen, Bach-Musik und Kompositionen von Maxime Bodson sowie dem Hamz El Din-Kronos-Quartett ihm eingibt. Hier reckt sich ein Arm, dort ein Bein; hier räkelt sich ein Oberkörper hervor, dort gräbt sich ein Kopf durch. Aber jeder Fingerzeig, jeder Sprung, jedes Schulterzucken zeigt perfekt, was Koubi von Beginn an an seinen Tänzern begeistert hat und auch die Zuschauer in Gänze umfängt: unbedingte Hingabe an den Tanz und eine große Offenheit für jede Bewegung, die ihnen der Choreograph zuweist.

Das nächste Highlight der Tanzwochen steht schon im nächsten Monat an. Am 18. November kommt die Martha Graham Dance Company aus New York. Karten gibt es unter 02131 52699999.

(hbm)
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