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Afrikanische Rhythmen für Norwegen

Afrikanische Rhythmen für Norwegen

"Haba Haba" lautet der Titel, mit dem Stella Mwangi den Song Contest gewinnen möchte. Die 24-Jährige kann bereits eine Karriere als Rapperin vorweisen. Die Songs der aus Kenia stammenden Norwegerin laufen in in US-Serien, in Afrika wurde sie zur besten Newcomerin gewählt. Die Erwartungen an sie sind hoch: 2009 feierte ihr Heimatland den Erfolg von Alexander Rybak, den erfolgreichsten Teilnehmer in der Geschichte des Song Contest. Die Sängerin tritt beim ersten Halbfinale an.

Sie möchte mit ihrer Musik ein positives Gefühl erzeugen, gute Laune machen. Mit dieser Ansage überzeugte Stella Mwangi in der nationalen Vorentscheidung 280 217 Norweger. So viele Anrufer wählten ihre kenianischstämmige Landsmännin beim nationalen Vorentscheid zur Kandidatin für den Eurovision Song Contest (ESC). Ihr englisch-swahilischer Song "Haba Haba" passt so gar nicht zu den gängigen Klischees über das Land der Fjorde und Elche. Die 24-Jährige singt zu den treibenden Beats der Power-Pop-Nummer von Optimismus und sozialem Aufstieg – der amerikanische Traum für Norwegen.

Der Text spiegelt Mwangis bewegte Biografie wider. Als Fünfjährige wanderte sie einst mit ihren Eltern von Kenia nach Norwegen aus. In der Kleinstadt Eidsvoll entdeckte sie früh die Musik und trat mit acht Jahren mit ihren Geschwistern bei Festen auf. Mit elf Jahren kam sie zum Hip-Hop, veröffentlichte später mit ihrer Gruppe "The Rise" ein erstes Album und trat 2005 vor dem ehemaligen Präsidenten Südafrikas Nelson Mandela auf. Während sie in Afrika und den USA allmählich populärer wurde – 2009 war sie als beste Newcomerin bei den Africa Music Awards nominiert und steuerte einen Song zu "Americas Next Topmodel" bei –, kam der Durchbruch in ihrem Heimatland erst mit dem ESC-Song "Haba Haba", der auf Platz eins der norwegischen Charts stieg.

Stella Mwangi vertritt beim ESC ein Land der Extreme. Dreimal gewann Norwegen den Wettbewerb und zählt somit zu den erfolgreichsten Nationen. Einen bedeutenden Anteil daran hatte Alexander Rybak. Mit seinem Song "Fairytale" gewann er 2009 den ESC für das Fünf-Millionen-Einwohner-Land mit der höchsten bisherigen Punktzahl. Am Ende der Auswertung lag er mit 387 Punkten sogar 169 Zähler vor AySel & Arash aus Aserbaidschan. Der Erfolg Rybaks soll in der Folge einen Trend zu jüngeren Teilnehmern ausgelöst haben. Der Sänger war bei seinem Auftritt 23 Jahre alt. Sehen lassen kann sich auch die Platzierung unter den besten Zehn. 19 Mal erreichten die Skandinavier in der ESC-Geschichte die Top Ten.

Doch zu den 49 Teilnahmen zählen auch weniger ruhmreiche ESC-Momente. So belegten die Norweger im Finale zehnmal den letzten Platz. Dieses Pech hatte zuletzt 2004 Knut Anders Sørum. Zum schlechten Abschneiden dürfte maßgeblich sein misslungenes Bühnenoutfit beigetragen haben. In einem zu großen silbernen Anzug und dicker Goldkette präsentierte er den Song "High" und erhielt dafür nur drei Punkte von Nachbar Schweden. Schlechter war nur Tor Endresen. 1997 bekam er für sein Lied "San Francisco" überhaupt keinen Punkt. Sein musikalischer Rückblick auf die Hippie-Zeit kam beim Publikum genau so wenig an wie sein hellgelbes Sakko.

Derartige optische Fehlgriffe sind von Stella Mwangi nicht zu erwarten. In dem nationalen Vorentscheid trat sie in einem knappen, knallroten Kostüm auf, tanzte selbstsicher über die Bühne und animierte ihr Publikum zum Mitsingen und -klatschen. In Düsseldorf trägt sie ein goldenes Kostüm der jungen norwegischen Designerin Ida Østby. Worauf sie sich schon freue, wie die Sängerin ihren Fans über den Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte.

Die immer lächelnde Mwangi profitiert sichtbar von ihrer langjährigen Bühnenerfahrung. Obwohl sie schon als Kind den ESC verfolgte, lag eine Teilnahme am Wettbewerb nicht unbedingt nahe. Als Rapperin STL trat sie bereits im Vorprogramm von US-Größen wie Talib Kweli und Busta Rhymes auf. Musikvideos zeigen sie in Limousinen, vor heruntergekommen Fabrikgebäuden und in teueren Clubs. Mit dem Song Contest hatte all das nur wenig gemein. Doch das änderte sich. "Als vergangenes Jahr der ESC in Norwegen war, war ich überrascht von der Bandbreite der Musik, die gespielt wurde. Danach habe ich mir gedacht: ,Ok, ich probiere es aus'", sagte die 24-Jährige dem Web-Magazin "ESC Insight".

Nimmt man den Zuspruch im Netz als Maßstab, müsste die 24-Jährige gut abschneiden. Das Video ihres Auftritts beim nationalen Vorentscheid wurde 1,1 Millionen Mal abgerufen – was auf Norwegen gerechnet ein Fünftel der Bevölkerung entspricht. Im kalifornischen Berkeley drehten Fans sogar ihre eigenes Video zum Song – Afro-Perücke und Choreografie inklusive. "Nach und nach" heißt ihr Titel "Haba Haba" zu Deutsch. Einen ähnlich lautenden Rat soll Mwangis Großmutter der Sängerin mit auf den Weg gegeben haben, als sie sich über die langsame Entwicklung ihrer Gesangskarriere beschwerte.

In Geduld müssen sich auch die norwegischen Fans bei der 50. Teilnahme des Landes üben. Mwangi ist nicht für das Finale gesetzt, sondern muss sich im ersten Halbfinale am 10. Mai gegen erfolgreiche Länder wie Finnland, Russland und die Türkei behaupten. Dass dies gelingt, traut sie die Sängerin nach ihrem Erfolg in Norwegen zu. Einen Monat stand "Haba Haba" auf Platz eins der Single-Charts.

(RP)