Mönchengladbach: Abteiberg – Hort der Avantgarde

Mönchengladbach: Abteiberg – Hort der Avantgarde

Direktorin Susanne Titz hat seit ihrem Amtsantritt die Besucherzahlen gesteigert und das Modellhafte des Anti-Museums bewahrt. Die einmalige Architektur von Hans Hollein ist mit ein Grund für rund 20 000 regionale und internationale Besucher pro Jahr, nach Mönchengladbach zu fahren.

Als Marke der Stadt steht es im internationalen Ranking an zweiter Stelle – gleich hinter dem Fußballclub Borussia Mönchengladbach. Ein Museum ist immer noch ein Gütesiegel, auch wenn Kunst und Kultur in Zeiten knapper Kassen von Städten und Kommunen stärkeren Gegenwind erfahren. Vor 30 Jahren wurde das Museum Abteiberg eröffnet. Seitdem hat es seinen Ruf als lichtes Kunsthaus der Avantgarde festigen können. Das färbt auf die ganze Stadt ab. Nicht nur das viel gefeierte labyrinthische Raumkonzept des österreichischen Architekten Hans Hollein, sondern auch der erlesene Sammlungsbestand mit Schlüsselwerken von Künstlern wie Joseph Beuys, Sigmar Polke oder Yves Klein ist Ausdruck eines Bürgerwillens, der sich für den Fortschritt ausspricht.

Es ist vier Jahre her, dass dieser Bürgerwille bekräftigt wurde und die hoch verschuldete Stadt erneut fünf Millionen in das Gebäude steckte, um eine Generalsanierung der eigenwilligen Architektur möglich zu machen. Das waren seinerzeit hart diskutierte Ausgaben. "Doch man wird dieses Museum nie aufgeben", sagen Kulturinsider, "es ist fest in der Bürgerschaft verankert." Der Kunstberater Helge Achenbach bewertet es hoch: "Es ist einer der Leuchttürme in der NRW-Museumslandschaft, eine Ikone der Moderne."

Als Hüterin dieses Konzepts ist Susanne Titz (Jahrgang 1964) vor bald acht Jahren angetreten, das Museum weiterzuentwickeln. Die vom Neuen Aachener Kunstverein kommende Kunsthistorikern hat in schweren Zeiten die Besucherzahlen steigern können, obwohl ihr mitunter kopflastige Ausstellungsprogramme zum Vorwurf gemacht werden. 2008 zählte man 32 000 Besucher – dank der Wiedereröffnung und Gregor Schneiders Tunnelprojekt "END". 2009 kamen 36 000 Menschen, 2010 waren es nur noch 18 000 und im vergangenen Jahr wieder 23 000. Im Jahr des 30. Geburtstags rechnet die Museumsverwaltung mit den gleichen Ergebnissen wie 2011.

Die Randlage abseits der großen Kunstströme zwischen Düsseldorf, Köln und Bonn ist nicht das einzige Hemmnis, das eine noch höhere Besucherzahl unmöglich macht. Auch in der Stadt selber fehlt die Anbindung. "Das Museum liegt in der dritten Reihe", sagt Susanne Titz, "was die Kontaktaufnahme mit den Bürgern erschwert. Und wir können unseren Besuchern von weither nichts Attraktives im Umfeld anbieten, nicht einmal eine sichtbare Gastronomie." Und doch hat sich in den nächsten Wochen ein prominenter Gast aus New York angesagt. Glenn D. Lowry ist Direktor des MoMA und kommt eigens nach Mönchengladbach, um sich den kunsthistorisch bedeutenden Werkzyklus von Sigmar Polke anzusehen, den dieser für die Biennale von Venedig im Jahr 1986 schuf.

Immer wieder begrüßt Titz internationale Gäste und Künstler. Aber noch mehr muss ihr das heimische Publikum am Herzen liegen. Sie habe zwar, anders als Kasper König in Köln, keine Domplatte, die ihr die Menschen ins Haus wehe, "doch unser Publikum hat einen guten, aufgeschlossenen, lokalen und regionalen Stamm". Die Stadtsparkasse finanziert den freien Eintritt an jedem ersten Sonntag im Monat – das habe sich bewährt. "In Mönchengladbach geht man am ,Ersten Sonntag' ins Museum", sagt Titz.

Die Kernaufgabe ihres Museums sei das Sammeln, sagt Titz. "Wir sind ein öffentliches Archiv, das Kunstgeschichte aufschreibt. Das ist eine Aufgabe, die über das Ausstellen hinausreicht." Kaum ein anderes Museum hat eine vergleichbar hochwertige Sammlung konzeptueller Kunst der vergangenen 40 Jahre. Die Vorgänger von Susanne Titz haben Gerhard Richter oder Sigmar Polke früh gekauft, da waren sie noch bezahlbar. "Hier hatten die Direktoren immer die Nase vorn", sagt Titz. Was sie indes nicht vermocht haben: dafür zu sorgen, dass die Stadt Hans Holleins Museumsentwurf vollständig ausführt. Denn bereits vor 30 Jahren war klar, dass ein zweiter Bauabschnitt notwendig wäre, um die räumlichen Möglichkeiten zu größeren Präsentationen zu gewährleisten. Die Rufe nach der Erweiterung sind freilich leiser geworden – kein Wunder angesichts der desaströsen Lage der mit 1,3 Milliarden Euro hochverschuldeten Stadt Mönchengladbach.

Die wichtige Rückendeckung geben die 1500 Mitglieder des Museumsvereins, er feiert jetzt 110-jähriges Bestehen. Dies ist die historische Bürgerinitiative hinter dem städtischen Museum; sie fördert mit dem eigens gegründeten Förderkreis zum Beispiel den Erwerb ganz junger Kunst. Beflügelt wird das Museum durch die eigene Kunststiftung, mit neuen Zustiftungen verschiedener Privatsammler und durch Leihgaben und Kooperationen. Die Sammlung Etzold, die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse, die "Gäste" aus der Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann und die produktive Zusammenarbeit mit der in Mönchengladbach beheimateten Sammlung Rheingold, die im zehnten Jahr ihres Bestehens am Abteiberg eine Ausstellung ausrichtet. Ohne Kooperationen und die von einem Mönchengladbacher, Hans Fries, im Jahr 2010 zugewidmete Hans-Fries-Stiftung könnte sich das Museum nicht mehr groß bewegen angesichts eines Ausstellungsetats von 53 900 Euro und eines Ausstellungsbudgets in Höhe von 25 000 Euro pro Jahr.

Hat Susanne Titz bei allem Optimismus angesichts des runden Geburtstages nicht auch Angst vor dem finanziellen Kollaps in NRW, vor einer Schließung ihres edlen Abteiberg-Museums? "Ich sehe eine große Gefahr, dass man die Kultur opfert, ohne darüber nachzudenken, was das bedeutet. Städte würden ihre Funktion als Oberzentrum verlieren, das Land Nordrhein-Westfalen seine kulturelle Identität und Weltgeltung. Und ein Haus unseres Stellenwertes verträgt nicht noch mehr Sparen, als wir es von jeher tun."

(RP)
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