Düsseldorf: Absurdes Theater zur Krise

Düsseldorf : Absurdes Theater zur Krise

Düsseldorf holt seine Künstler auf die Bühne: Der Fotograf Stefan Schneider und der Komponist Hauschka haben mit Autor Kevin Rittberger das Stück "Puppen" entwickelt – über die bedrohliche, befreiende Kraft des Zerfalls.

Am Anfang macht die Musik noch einmal vor, wie ergreifend Kunst sein kann, wenn sie baut, erschafft, konstruktiv ist. Da kommen nacheinander Musiker auf die Bühne, eine Cellistin, dann einer, der die Brecht-Trommel schlägt, einer mit Kurt-Weill-Posaune, irgendwann Hauschka, der Komponist, der am präparierten Klavier Platz nimmt und einstimmt in dieses perpetuierende Orchesterstück, das mit jedem Spieler an Fülle gewinnt. Feierlich klingt die Musik, auch kämpferisch im Vorwärtsstampfen der Minimal Music. Man könnte sich verlieren an diesen Herzschlag, diesen Klangsog. Doch dann tut sich im Boden eine Luke auf, die Musiker treten ab, die Bühne gehört dem Wort. Damit beginnt der Zerfall.

"Musiktheatralische Installation" nennen der Stuttgarter Regisseur und Autor Kevin Rittberger und die beiden Düsseldorfer Künstler Volker Bertelmann alias Hauschka und der Fotograf und Musiker Stefan Schneider ihr Stück "Puppen", das jetzt am Düsseldorfer Schauspielhaus seine Uraufführung erlebte. Ein abstrakter, absurder, irritierender Abend ist es geworden, der mit der Musik nur gefällig beginnt. Im Mittelteil begegnet ein Mann, der nicht Gregor heißt, einer Frisörin, die keine Haare schneidet. Ein Fleischer verkauft in seinem Laden kein Fleisch. Eine Frau berichtet von der Begeisterung und dem Entsetzen, das sie erfasste, als sie Teil einer Protestmenge wird. Und es überkommt sie immer wieder Schwindel. Wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt wurden, sackt die agile Karin Pfammatter in sich zusammen, wird zur ohnmächtigen Puppe.

Die Figuren werden sich noch mehrfach begegnen, zueinander sprechen, kaum miteinander. Am Ende wird sich ein "Chor, der die Arbeit abschafft" formieren und dem Fleischer ein Schild umhängen, ihn aus seinem nichtsnutzigen Laden treiben, mit Motivationssprüchen traktieren. Man hat in Deutschland erfahren, was geschieht, wenn Menschen Schilder um den Hals tragen müssen.

Es sind hermetische Szenen, die sich da entwickeln. Manche sind komisch, weil das glänzende Ensemble Sinn dafür hat, alle schmecken bitter. Diffus ist von Zersetzung, Entleerung die Rede, wird mit manischer Ausführlichkeit über Nichtiges gesprochen, wie die Zubereitung von Senfkörnern für die Wurst. Dabei ist die Krise in diesem Stück doch schon eingetreten. Doch die Rituale eines gegen die Menschen gerichteten Systems hat sie noch nicht hinweg gefegt. Darum ist die Apokalypse so wenig zu fassen wie der Sinn der Episoden, in denen man sich nur an Sätze klammen kann, an kluge Splitter. Manchmal klingt das wie Brecht. Aber so, als sei eines seiner Lehrstücke zu Bruch gegangen und nicht wieder gekittet worden. Man fühlt sich darum nicht belehrt, nicht bevormundet, dafür der Sinnlosigkeit ausgesetzt.

Und dann fällt eine Leinwand vom Himmel, entrollt sich auf voller Bühnenbreite. Darauf sind Düsseldorfer Stadtansichten von Stefan Schneider zu sehen: eine Unterführung im Gewerbegebiet, ein Innenhof hinter dem Bahnhof, Gleise am Hafen. Es sind statische Videoaufnahmen dieser Orte. Mal weht ein Wind durchs Bild und die Figuren von der Bühne tauchen auf, ansonsten ist alles still, statisch, leer – tote Häuser, Stadt gewordene Gesellschaftsformationen. Dazu steht Stefan Schneider auf der Bühne und beschreibt lakonisch, was auf seinen Bildern zu sehen ist. Das ist eine Verdoppelung mit spannendem Effekt: Der Zuschauer ist gezwungen zu schauen, so genau, behutsam, vorurteilsfrei zu beobachten wie dieser akribische Fotograf vorn auf der Bühne.

"Puppen" ist keine Zusammenarbeit von drei Künstlern geworden, eher eine Nacheinanderarbeit. Allerdings legt Stefan Schneider rote Fäden, indem er Hauschkas Ouvertüre im zweiten Teil elegant zur Bühnenmusik verfremdet. So wird der Zuschauer angeregt, auch nach anderen Bezügen zu suchen etwa zwischen der Reihenhauszeile auf einem der Fotos und den verzweifelten Beteuerungen der Frisörin, sie habe "so schöne Haare". Der Zuschauer sitzt als Puzzler in diesem Stück, baut aus Fragmenten eigenen Sinn – benutzt seine vom Faden geschnittenen Glieder mit eigener Kraft.

(RP)