Düsseldorf Abendessen mit einer Leiche

Düsseldorf · In seiner ersten Inszenierung für das Düsseldorfer Schauspielhaus zeigt Hausregisseur Nurkan Erpulat die schwarze Komödie "Herr Kolpert" von David Gieselmann. Sein Ensemble spielt mit großer Freude an der deftigen Farce, nur die Slapstick-Einlagen wirken etwas unbeholfen.

Nichts ist komischer als Verlegenheit. Darum gedeihen Komödien so vortrefflich in verkrampften Situationen wie dieser: Zwei Paare treffen sich zum Abendessen, man kennt einander nur flüchtig, hat wenig gemein. Schon die Ankunft geht schief. Edith und Bastian ziehen an der Tür umständlich die Schuhe aus, haben türkische Klebe-Süßigkeiten mitgebracht. Die bleiben Gastgeber Ralf sofort im Hals stecken, und seine Freundin Sarah kann mit ihrer modischen Getränkeauswahl von Bionade bis Club-Mate nicht landen.

Die Paare stammen aus unterschiedlichen Schichten. Sie verstehen sich nicht. Sie achten einander auch nicht. Also ist es bald vorbei mit der Höflichkeit. Dabei ist Herr Kolpert ja noch gar nicht auf den Teppich gekippt – die Leiche, die Leben ins Spiel bringen wird. Denn ist ein Mensch erst umgebracht, können die Überlebenden sich weiteres Moralgeheuchel schenken.

David Gieselmanns "Herr Kolpert" ist eine deftige Gesellschaftssatire über die Flüchtigkeit ziviler Konventionen und den verdrängten Hass höflicher Durchschnittsbürger. Vor zehn Jahren wurde das Stück des Kölner Autors viel gespielt, auch an ausländischen Bühnen. Nun holt Düsseldorf den ollen Kolpert wieder aus der Truhe, doch wirkt die Inszenierung kein bisschen angestaubt. Natürlich erinnert die Geschichte über zwei Paare, die im Streit ihre gute Erziehung vergessen und sich mit ehrlichen Aggressionen begegnen, an Yasmina Rezas Erfolgskomödie "Der Gott des Gemetzels". Die ist gerade in einer Verfilmung von Roman Polanski auch im Kino zu erleben. Gieselmanns Variante ist plumper, weniger gesellschaftsanalytisch, psychologisch weniger fein gebaut, dafür grotesker. Bei ihm fällt nicht nur ein Handy in die Blumenvase, wird nicht nur verbal gefochten, bei ihm ziehen die Figuren tatsächlich das Messer und das Blut spritzt.

Es ist also nicht verwunderlich, dass der neue Düsseldorfer Hausregisseur Nurkan Erpulat für seine erste Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus auf das grell Überzogene, Slapstickhafte der Vorlage setzt. Er bringt mit viel Schwung eine wüste Farce auf die Bühne – doch mischt er eben geschickt auch Gesellschaftskritik in den makabren Tumult. So lässt er das gediegene Gastgeber-Paar anfangs auf die Düsseldorfer Skyline blicken und zur großen Heiterkeit des Publikums mit den Smalltalk-Floskeln und hübschem Upperclass-Zynismus vom "New York am Rhein" schwärmen.

Und er macht aus Edith und Bastian Migranten. Das gibt den Bösartigkeiten zwischen den Paaren noch die Schärfe des Ausländerhasses, der ja meist nur eine Spielart des Klassenhasses ist. Ralf und Sarah halten sich für das gebildetere, coolere Paar, das in Retro-Möbeln lebt, weil es schick ist, nicht weil sie noch übrig sind. Die beiden halten sich sogar für so überlegen, dass sie Herr über Leben und Tod spielen können. Doch für diesen nihilistischen Größenwahn interessiert sich Erpulat weniger. Für ihn ist der gemeuchelte Herr Kolpert nicht Beleg für die Abgebrühtheit der "Generation Latte macchiato", sondern schlicht Spielball in einer schwarzen Komödie.

Die nimmt unter anderem auch Anleihen bei Hitchcocks Kammer-Thriller "Cocktail für eine Leiche". So liegt Herr Kolpert anfangs vermeintlich in einer Truhe wie die Leiche bei Hitchcock. Das hat Erpulat wohl ermuntert, mit weiteren Zitaten zu spielen. So lässt er mal ein Seil durchs Wohnzimmer fliegen – lautet doch der englische Titel des Hitchcock-Klassikers "Robe" – der Strick. Später verpasst er seinen Darstellern Übelkeitsschübe wie sie auch eine Figur im "Gott des Gemetzels" überkommt. Erpulat inszeniert mit spürbarer Lust an der Überzeichnung, und so gelingen ihm bissige Momente, wenn er etwa erst das Türenschlagen in Bühnenkomödien à la Feydeau in den Wahnsinn steigert, später eine Figur wie im Horrorfilm hinter diesen Türen auf eine Wand aus Gartenzwergen stößt (Bühne: Kathrin Frosch).

Dazu hat Erpulat ein spielfreudiges, ausgewogenes Ensemble, in dem mal die energische Sesede Terziyan ein zorniges Solo hat, dann Christoph Schechinger die kleinteilige Pizzabestellung versemmelt oder Philipp Denzel als jähzorniger Pingel mit Gastarbeiter-Schnäuzer und Stefanie Rösner als zynische Zicke sich einen Duschen-Ringkampf liefern. Klassisch komödiantisch auch, wie Marian Kindermann als ahnungsloser Pizzabote in das zerrüttete Quartett tritt und bald um sein Leben bibbern muss.

Allerdings gelingt Erpulat noch nicht ganz das Timing, das perfekte Komödien brauchen. Wenn sich etwa Edith und Bastian anfangs umständlich aus den Kleidern schälen und ihr Pralinenkarton hin- und hergereicht wird oder die beiden Paare später endlos lange brauchen, um ihre Pizzabelag-Abbestellungen durchzugeben, dann wirkt das etwas unbeholfen. Diese Szenen sind einfach zu lang. Dauerslapstick ermüdet. Und eine Komödie, die ihre eigenen Mittel ironisiert, kippt leicht ins Alberne. Doch je makabrer die Handlung, desto überzeugend-überzogener das Spiel.

Am Ende wird alles von der Bühne gekehrt. Die kleinen Morde unter Freunden stürzen die Überlebenden keineswegs in schwere Gewissenskonflikte. Dass dies für eine Gesellschaft gefährliche Folgen hat, fasst Erpulat in ein drastisches Schlussbild. Ein Stilbruch kurz vor Ende, der etwas kindisch radikal wirkt. Da will der Regisseur dann doch zu viel hineinlegen in ein Stück, das am Ende nicht viel zu sagen hat.

"Herr Kolpert" ist nicht mehr als eine schwarze Groteske. Die aber inszeniert Erpulat mit schöner Drastik.

(RP)