1. Kultur

Abdulrazak Gurnah deckt blinde Flecken deutscher Geschichte auf

Der Literaturnobelpreisträger auf der Lit.Cologne : Abdulrazak Gurnah deckt blinde Flecken deutscher Geschichte auf

Der aktuelle Literaturnobelpreisträger kam zur ersten regulären Veranstaltung der Lit.Cologne seit 2019. Zwei seiner Romane sind inzwischen hierzulande wieder lieferbar.

Als Abdulrazak Gurnah zum Literaturnobelpreisträger ernannt wurde, war keins seiner Bücher gedruckt auf Deutsch lieferbar. Mittlerweile gibt es zwei: „Das verlorene Paradies“ von 1994 und das gerade erschienene „Ferne Gestade“ von 2001. Beide liegen in hohen Stapeln am Büchertisch in den Balloni Hallen im Kölner Ehrenfeld aus, in denen ein Kribbeln in der Luft liegt: Nach zwei Jahren Zwangspause feiert das Lesefest Lit.Cologne seine erste reguläre Veranstaltung seit 2019. Dass die Welt noch nicht wieder ganz in Ordnung ist, kann man daran erkennen, dass Katja Riemann, die Textausschnitte auf Deutsch hätte lesen sollen, wegen eines positiven Corona-Tests ausfällt. Doch der Mann, wegen dem (hoffentlich) die meisten Zuschauer gekommen sind, ist ja da: Der 73-jährige tansanische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah.

Im Gespräch mit Moderator und Literaturübersetzer Bernhard Robben erfährt das Publikum, dass es eigentlich ein Skandal ist, dass Gurnahs Literatur in Deutschland bisher kaum beachtet wurde. Obwohl die kurzfristig eingesprungene Schauspielerin und Hörbuchsprecherin Milena Karas nur Textausschnitte aus „Ferne Gestade“ liest, geht es im sehr ausführlichen Interviewteil (der von Robben auch noch vom Englischen ins Deutsche übersetzt wird) um das Gesamtwerk – und das hat viel mit Deutschland zu tun: In „Ferne Gestade“ flieht eine aus Sansibar stammende Figur in die DDR. Und im 2020 erschienenen „Afterlives“ erleben die Hauptpersonen die deutsche Kolonialherrschaft in Ost-Afrika.

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„Man meint hier oft, Deutschland sei in der Kolonialzeit mit einem blauen Auge davon gekommen“, leitet der Moderator eine Frage ein, „warum setzt man sich so wenig mit ihr auseinander?“ Gurnah entgegnet, dass die Traumata der beiden Weltkriege die Aufarbeitung in Deutschland wahrscheinlich bis heute überschatten würde. „Und meine Ambition war auch nicht, den Deutschen zu zeigen, wie grausam und schlimm diese Zeit war.“ Doch er macht keinen Hehl daraus, welche Verwüstungen sie in Afrika angerichtet hat – zum Beispiel der Helgoland-Sansibar-Vertrag, bei dem Deutschland Helgoland an das Vereinigte Königreich abtrat und sich dafür Kolonialgebiete in Ost-Afrika sicherte.

Abdulrazak Gurnahs Thema sind Flucht- und Migrationsgeschichten, das gewaltvolle Machtgefälle zwischen dem „globalen Norden“, der für ihn nur ein neuer sprachlicher Ausdruck für den dominanten Westen ist, und dem „globalen Süden“. Wenn er etwa über die willkürlichen Grenzziehungen der Kolonialmächte spricht, die bis heute für Verheerungen sorgen, dann scheint kurz eine emotionale Wucht durch seine sonst sehr klaren, gewählten Wortbeiträge. Später sitzt er dann wieder seelenruhig am Signiertisch im Angesicht einer riesigen Menschenschlange. In den Augen des Publikums scheint Dankbarkeit auf: Dieser Mensch kann ihnen blinde Flecken der eigenen Geschichte lehren.