Zum 100. Geburtstag von Loriot „Wenn man genau hinguckt, sieht man bei Loriot wirklich ständig Sex“

Interview | Düsseldorf/Wuppertal · Das Sexuelle wird in Loriots Sketchen und Cartoons nicht direkt dargestellt, ist aber trotzdem allgegenwärtig, sagt Literaturwissenschaftler Alexander Wagner. Ein Gespräch über Geschlechterrollen und Diversität – und die ewige Frage, ob Männer und Frauen wirklich nicht zusammenpassen.

Evelyn Hamann und Vicco von Bülow alias Loriot in einer Szene der Komödie „Ödipussi“.

Evelyn Hamann und Vicco von Bülow alias Loriot in einer Szene der Komödie „Ödipussi“.

Foto: dpa/Wolfgang Jahnke

Herr Wagner, sind die Geschlechterrollen bei Loriot mehr als Klischees? Der Mann scheitert kläglich beim Einkaufen und bei der Hausarbeit, die Frau kocht das Frühstücksei nach Gefühl, und außerdem passen Männer und Frauen laut Loriot einfach nicht zusammen…

ALEXANDER WAGNER Loriots Humor adressiert ja vor allem die Bundesrepublik der 70er und 80er Jahre. Insofern profitiert er in seinen Sketchen von damals noch deutlich weniger hinterfragten Geschlechterrollen – die er aber seinerseits immer wieder infrage stellt. Dass die Frau zu dieser Zeit zum Beispiel mehrheitlich Hausfrau ist, wird in Sketchen wie „Der Kosakenzipfel“ und „Das Jodeldiplom“ aufgegriffen, wo der Versuch, Frauen an Erwerbstätigkeit teilhaben zu lassen, ad absurdum geführt wird. Das große Thema, das sich auch in diesen Sketchen spiegelt, ist das der Kommunikationsstörung. Der berühmte Satz „Frauen und Männer passen einfach nicht zusammen“ fasst eigentlich etwas zusammen, was man grundsätzlich mit „kommunikativer Dysfunktionalität“ in den dargestellten Paarbeziehungen beschreiben könnte: Die Männer und Frauen bei Loriot reden aneinander vorbei und brauchen einen Vermittler, der dann aber oft auch an beiden vorbeiredet.

Loriot wurde schon unterstellt, er klammere Sexualität in seinem Humor aus.

WAGNER Das kann ich nicht nachvollziehen. Was stimmt, ist: Das Sexuelle wird nicht explizit dargestellt, sondern sublimiert und verdrängt. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Sketch „Eheberatung“, in dem ein Paar während der Therapiesitzung ein Bild beschreiben soll. Die Nacktheit der Frauen auf dem Bild, die Erotik der Szenerie wird von beiden völlig ignoriert. Und auf die Frage, ob sich das Paar gelegentlich küsse, sagt der Mann, es sei zeitlich immer etwas ungünstig, und die Frau: „Ich habe ja auch meinen Haushalt!“ Die Verdrängung und Zurückweisung von Körperlichkeit und Sexualität kommt hier explizit zur Sprache – und die Art und Weise, wie genau das in vielen Partnerschaften funktioniert, nämlich mit einer Flucht ins Rhetorische: Eigentlich reden sich die beiden Eheleute wie ertappte Kinder vor der Therapeutin heraus.

In diesem Sketch hat das Paar dazu deutliche nervöse Ticks, die Frau etwa macht ständig ihre Handtasche auf und zu.

WAGNER Durch die dargestellte Zwangsneurose wird deutlich, welcher Druck auf den Beiden lastet. Ein Druck, der irgendwohin muss – er wird also in sprachliche Ersatzhandlungen überführt. Oder auch in körperliche – wie bei dem Sketch „Liebe im Büro“, wo der Chef seine Sekretärin verführen will, aber mit ihr auf dem Sofa partout keine Position für das Liebesspiel findet.

Ein Klassiker für diese Verkrampftheit ist die Szene bei „Pappa ante Portas“ wo sich Loriot alias Heinrich Lohse bei dem Versuch, mit seinem Sohn ein Aufklärungsgespräch zu führen, immer weiter verheddert und am Ende sagt: „Schön, dass du mal ganz offen über alles gesprochen hast!“ Dabei wurde über gar nichts gesprochen, schon gar nicht über Sex.

WAGNER Das stimmt. Der Vater beginnt die Szene mit dem Satz „Ich habe uns was Warmes gemacht“ – und löffelt dann, um ein intimes Gespräch verlegen, mit dem Jungen Königsberger Klopse. Der letzte Satz der Szene ist dann „Frauen haben auch ihr Gutes“ und man versteht aus diesem latent sexistischen Spruch, wenn man wohlwollend sein will, irgendwie auch die verdrängten Nöte dieses Mannes, der einfach nicht in der Lage ist, mit seinem eigenen Kind zu kommunizieren, wofür vermutlich bisher immer die Mutter zuständig war. In diesem Film gibt es aber noch eine andere interessante Szene, die Sex thematisiert: Frau Lohse wird als Testerin für Schokoriegel in einer Pralinenfabrik engagiert. Der Fabrikant, der sich in sie verliebt hat, füttert Frau Lohse quasi mit den Schokoriegeln – ihr wird aber ganz schlecht davon, sie schmecken ihr einfach nicht.

Und das ist auch ein Beispiel für verdrängte Sexualität?

WAGNER Eigentlich ist das die verschrobene Inszenierung eines Ehebruchs. Das Sexuelle wird dabei wieder nicht direkt dargestellt, aber es ist transformiert mit klassischen Ersatzhandlungen – nur dass die hier eben leider gar keinen Spaß machen. Wenn man mit einer psychoanalytischen Brille hinschaut, sieht man bei Loriot wirklich ständig Sex. Aber auch das entspricht ja einem Klischee der kleinbürgerlichen Welt: Das Sexuelle wird konsequent verdrängt. Wenn man aber genau hinguckt, sieht man es überall.

Der Humor von Loriot muss sich – anders als etwa der von Mario Barth oder Otto Waalkes – nicht den Vorwurf gefallen lassen, frauenfeindlich zu sein oder rassistische Elemente zu transportieren.

WAGNER Loriots Humor ist nicht auffallend diskriminierend oder sexistisch. Jemandem wie Mario Barth ist er dazu qualitativ einfach wirklich haushoch überlegen. Natürlich zeigt er eine weiße, homogene Gesellschaft. Es gibt wenige Abweichungen von klassischen binären Geschlechterrollen. Es gibt wenige junge Leute und kaum arme Menschen, sogenannte Gastarbeiter tauchen praktisch nie auf. Opa Hoppenstedt ist die einzige wichtigere Figur mit einer Behinderung und die offenbleibende Frage, ob Dicki Hoppenstedt ein Junge oder ein Mädchen ist, lässt sich vielleicht als zaghafter Hinweis auf eine Welt jenseits der Zweigeschlechtlichkeit interpretieren. Diversität ist hier also nicht sehr ausgeprägt. Was Loriot zeigt, ist ein recht klar abgegrenzter Ausschnitt der damaligen Gesellschaft der bürgerlichen Mittel- bzw. Oberschicht. Diese dargestellte Klarheit der Verhältnisse gibt es so nicht mehr und gab es auch damals nicht.

Unvergessen die Geschichte mit der Nudel (1977): Das Dream-Team Loriot/Hamann sitzt sich beim Italiener gegenüber, er will ihr nach dem Essen seine Liebe gestehen, da kleben drei Zentimeter einer Spaghetti an seiner Lippe.

Unvergessen die Geschichte mit der Nudel (1977): Das Dream-Team Loriot/Hamann sitzt sich beim Italiener gegenüber, er will ihr nach dem Essen seine Liebe gestehen, da kleben drei Zentimeter einer Spaghetti an seiner Lippe.

Foto: Screenshot: Youtube | Montage: RP

Hat Loriot also doch nicht alles richtig gemacht?

WAGNER Das Geschlechterverhältnis bei Loriot spielt sich fast nur in Hetero-Paarbeziehungen ab. Im Fokus steht die klassische kleinbürgerliche Ehe. Wenn man denn nun Kritik an Loriot äußern wollte – dann hier. Aber das wäre ein bisschen simpel. Denn innerhalb dieser Sphäre beobachtet Loriot sehr genau – und ist damit wieder zeitlos, gerade, was die Reflexion von bürgerlichen Sicherheiten und Geschlechterverhältnissen angeht. Sein Humor zeigt, wie brüchig und problembeladen sie strukturell sind. Ich würde nicht so weit gehen, Loriot zum Feministen aufzuwerten, aber er hat auf jeden Fall einen sehr differenzierten Blick.

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