Lieder unseres Lebens: Still Fighting It (Ben Folds)

Lieder unseres Lebens : Still Fighting It (Ben Folds)

Bochum (RPO). Unser Gastautor Lukas Heinser schreibt, warum ein Song von Ben Folds für den Popsommer 2001 stand – und was an jenem 11. September passierte.

Bochum (RPO). Unser Gastautor Lukas Heinser schreibt, warum ein Song von Ben Folds für den Popsommer 2001 stand — und was an jenem 11. September passierte.

Zu den großen Tragödien meines popkulturellen Lebens gehört der Umstand, dass ich im Spätherbst 1999 auf ein Konzert bei den gerade zu meiner Lieblingsband ernannten Ben Folds Five verzichtete - weil ich mich mit 16 Jahren noch zu jung für einen Ausflug nach Köln fühlte und dachte: "Die werden schon noch wiederkommen." Ein Jahr später hatte sich die Band aufgelöst.

Das Jahr 2001 wird bei den Musik-Historikern der Zukunft vermutlich als das Pop-Jahr des frühen 21. Jahrhunderts gehandelt werden. Auch im Indie-Bereich war einfach alles Pop: "Shining Light" von Ash, "Sing" von Travis, "So Why So Sad" von den Manic Street Preachers, "Have A Nice Day" von den Stereophonics, "One More Time" von Daft Punk, "Imitation Of Life" von R.E.M., die ihr neues Album am gleichen Tag wie Depeche Mode veröffentlichten. Selbst die Ingolstädter Indie-Band Slut landete mit "It Was Easier", der Pop-Blaupausen-Single aus ihrem ansonsten recht komplexen Konzeptalbum "Lookbook", einen kleinen Radiohit.

Der Sommer war nicht immer trocken, aber doch insgesamt sorgenfrei. Für meine Mitschüler und mich waren es die letzten Sommerferien unserer Schullaufbahn, das galt es noch einmal richtig zu genießen: Am Rhein sitzen, Bier trinken und natürlich Musik hören ohne Ende.

Ben Folds hatte schon bei der Auflösung von Ben Folds Five im Vorjahr ein Soloalbum angekündigt, das ich jetzt sehnsüchtig erwartete. Begeistert lernte ich vorher schon mal das Tracklisting von "Rockin‘ The Suburbs" auswendig, schnitt im Internet die gleichnamige Single mit und markierte mir das Release-Date mit einem riesigen Ausrufezeichen in meinem Wandkalender: 11. September 2001.

Ich kam aber sogar schon früher in den Genuss des Albums, da ich als Mitarbeiter eines Internetmagazins für Musikbesprechungen ein Rezensionsexemplar zugeschickt bekam, das von da an nicht mehr aus meinem Discman wich. Nach ungefähr drei Durchgängen stand der Song "Still Fighting It" als mein Favorit fest: Allein die ersten Zeilen "Good morning, son / I am a bird / Wearing a brown polyester shirt" waren so irre, dass sie später in nahezu jeder Rezension zitiert wurden. Und auch wenn man in der Literatur wie in der Musik Sprecher und Autor nie für ein und dieselbe Person halten sollte, war bei "Still Fighting It" klar, dass Folds hier direkt zu seinem zweijährigen Sohn Louis sang.

"Still Fighting It" war das Konzentrat des ganzen Albums, vielleicht sogar der ganzen Popsaison 2001: Melancholisch, aber kein Stück hoffnungslos, immer mit einem Augenzwinkern und ein paar Lebensweisheiten für Poesiealben und Schultische. Alles zusammengefasst im Refrain: "Everybody knows it sucks to grow up / But everybody does".

Und dann kam der Veröffentlichungstag, der 11. September 2001. Ich hatte zu meiner mittäglichen Tiefkühlpizza mal wieder "Rockin‘ The Suburbs" durchgehört. Die letzten Töne waren gerade verklungen, als meine Mutter von der Arbeit nach Hause kam und sagte, im Radio hätte es geheißen, das World Trade Center stehe in Flammen. Wir schalteten den Fernseher ein und sahen live, wie Geschichte passierte.

Am Abend dieses 11. Septembers 2001 war ich verwirrt, erschrocken, in Angst. Als ich ins Bett ging, legte ich "Rockin‘ The Suburbs" in meinen Discman, hörte "Still Fighting It" und war wieder für ein paar Momente beruhigt. Am nächsten Tag hieß es im Fernsehen, die Welt werde nie mehr so sein wie zuvor - was einerseits stimmte, anderseits großer Quatsch war. Aufwachsen war immer noch doof und Ben Folds immer noch groß. Doch der große Pop war vorbei. Als Band des Jahres 2001 gingen die Strokes in die Geschichtsbücher ein, auf ihrem nächsten Album sangen Travis gegen den Irak-Krieg, Ash und die Stereophonics versanken in der Bedeutungslosigkeit.

"Still Fighting It" ist geblieben, ich kann das ganze Album vorwärts und rückwärts auswendig. Louis Folds wird dieses Jahr elf Jahre alt und wenn er nach seinem Vater kommt, spielt er schon fleißig Klavier. The years go on and we‘re still fighting it.

*Lukas Heinser ist der Chef von Bildblog. Außerdem schreibt er auf seinem eigenen Blog Coffeeandtv.