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Ausstellung: Feldmann, der Facebook-Künstler

Ausstellung : Feldmann, der Facebook-Künstler

Der Düsseldorfer Maler, Fotograf und Bildhauer Hans-Peter Feldmann ist weltberühmt dafür, Alltägliches in Kunst zu verwandeln. Das beweist auch seine Werkschau, die derzeit in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen ist.

Das Handy, immer wieder muss das Handy weg. Die Dame, die in den Hamburger Deichtorhallen dafür zuständig ist, dass keiner der Besucher die Kunst abfotografiert, hat gut zutun. Es sind die Werke von Hans-Peter Feldmann, die dem modernen Social-Media-Menschen die bloße Besichtigung der Ausstellung schier unmöglich machen. Dauernd zückt er sein Smartphone, streicht sich instinktiv durch das Menü zur Kamera-Funktion. "Klick", macht das Gerät. "Keine Handys erlaubt", flüstert die Aufpasserin eindringlich.

Es ist einfach so: Jedes Bild, jede Installation vor allem, wäre ein wirklich guter Beitrag für die medialen Ausstellungsplattformen Facebook oder Twitter. Der Witz, mit dem heute Bilder und Videos millionenfach um die Welt geteilt werden, ist ein Witz, den Hans-Peter Feldmann ins Museum gebracht hat. Er malt dem barocken Öl-Anlitz von Karl Marx zwei schielende Augen, er kippt den Inhalt abgekaufter Damenhandtaschen in eine Vitrine, "Chanel"-Puder liegt neben einem Tabletten-Döschen für den unruhigen Magen, daneben ein Blackberry. Und Feldmann hängt zwei Fotos an die Wand: Eines zeigt eine puristische Badezimmerszene (gefliester Raum, Wanne, Badematte) — das andere ebenfalls (gefliester Raum, Wanne, jedoch: zerknüllte Badematte). "Vorher/Nachher" heißt das Werk, das einem an einem langweiligen Sonntag vielleicht auch Facebook-tauglich erschienen wäre. Hier aber, anerkannt von den professionellen Kunstexperten, präsentiert mit dem vollen Ernst eines Museums, ist der Gag noch größer. Die Fallhöhe macht's. Man kann sich, durch die Feldmann-Werkschau der Deichtorhallen schlendernd, ununterbrochen schlapp lachen. Und möglich ist, dass auch Feldmann grinsen würde, wenn die kompetente Ausstellungsführerin vor dem von Feldmann in den Raum gestellten Garderobenständer auf die Metaebene verweist: "Er spricht durch die Leere, durch das, was nicht da ist". Kann schon sein, dass Hans-Peter Feldmann die Leere der Menschheit mit diesem ungenutzten Garderobenständer symbolisieren wollte. Es kann aber auch sein, dass Feldmann den Ständer irgendwo rumstehen sah, auf einem seiner Flohmarkt-Spaziergänge beispielsweise, ihn mit nach Hause nahm und, als seine Frau schimpfte "Hans-Peter, das Ding kommt mir nicht in die Wohnung", achselzuckend in die Ausstellung rollen ließ. Denkbar ist das.

Feldmann, der 1941 in Düsseldorf geboren wurde und sich ab 1980 vor allem als Händler für Antiquitäten, Nippes und Trödel einen lokalen Namen machte, ist der Antikünstler. Und weil die Kunstwelt sich naturgemäß ernst nimmt, hatte sie nur zwei Möglichkeiten, mit Feldmann umzugehen: Abstoßen oder Umarmen. Die Kunstwelt entschied sich fürs Umarmen, Feldmann wird seit Jahren als einer der wichtigsten und auf die nachfolgenden Künstlergenerationen einflussreichsten Konzepter bezeichnet. Er stellte im New Yorker Guggenheim-Museum aus, auf der Documenta und der Biennale in Venedig.

Das Feldmann-Geheimnis, der Coup, der seine Kunst für die Besucher der Deichtorhallen so interessant macht, ist — man kennt das von Suchtberatungseinrichtungen — die Niedrigschwelligkeit des Angebots. Feldmann macht Kunst-Pop, er spiegelt die Oberfläche: 15 Töpfe mit Plastikblumen an der nackten Wand, ein überdimensionales, gefaltetes Papier-Boot, eine hübsch aufgearbeitete Briefmarkensammlung. Die meisten Werke haben nicht einmal einen Namen. Eines der wenigen ist "Erinnerung an meine Zeit als Kellner". Der Besucher sieht einen umgedrehten Stuhl auf einem Sockel. Alles, was auf einem Sockel steht, ist ein Kunstwerk. Oder: "Die Entfunktionalisierung des Alltagsgegenstandes regt zum Nachdenken an", sagt die Ausstellungsführerin.

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Ein Objet trouvé (französisch "gefundener Gegenstand") ist ein Kunstwerk — oder ein Teil davon — das vorher nur ein Ding war. Das Ding wurde aus dem Alltagskontext herausgelöst und dadurch zu etwas anderem. Die Beschreibung der Oberfläche einer Gesellschaft — zum Beispiel durch die Ausstellung von 300 Zeitungstitelseiten nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 — verrät häufig mehr über Gehalt, Denken und Absichten dieser Gesellschaft, als einem lieb ist. Manchmal, das hat Hans-Peter Feldmann verstanden, verrät sie aber auch einfach nichts. Sie ist dann nur witzig anzusehen. Und sie bekäme, wäre sie ein Facebook-Post, wahrscheinlich ziemlich viele Klicks.

(spol)