1. Herzrasen

Melissa McCarthy: Hollywoods wandelnde Antithese

Melissa McCarthy : Hollywoods wandelnde Antithese

Während viele US-Schauspielerinnen über 40 abmagern und in Botox-Mienen erstarren, zeigt gerade eine fröhliche, dicke Frau, dass es auch anders geht: Melissa McCarthy.

Diese Frau ist ein Selbstläufer. Amerikanische TV-Talker wie Ellen DeGeneres oder Jimmy Kimmel wissen, sie müssen ihr bloß einige Stichwörter zurufen, und die Sache läuft. Melissa McCarthy, 42, erzählt dann, wie sie kürzlich das Haus verließ und Gartenarbeiter sie plötzlich entsetzt anstarrten. Sie, vollbepackt mit mehreren Taschen, wusste nicht warum, sie wand sich unter dem Gewicht ihres Gepäcks, das ständig verrutschte, sie drehte sich um, weil die Männer krampfhaft nach oben zu gucken schienen.

"Dann merkte ich, dass mein Pullover wegen der blöden Taschen bis unter die Brust und meine Hose bis auf die Knöchel gerutscht war. Alles, was sie sahen, war ich in fleischfarbener Schlankmach-Unterwäsche. Ich habe dann zugesehen, dass ich möglichst schnell zum Auto komme." Das Publikum johlt, wenn McCarthy solche Geschichten erzählt. Sie tut das nicht aufgekratzt, sondern ganz ruhig, trocken, sie lässt die Bilder wirken, die bei jedem im Kopf entstehen, sie muss das nicht weiter ausführen.

Es ist ein typischer McCarthy-Witz, ein Witz auf ihre Kosten. Sie ist dick, das ist unübersehbar, und daraus bezieht sie einen Großteil ihrer Komik. Bei einer schlanken Frau hätten die Arbeiter begeistert gepfiffen, bei ihr ist es peinlich, also komisch.

Sie besetzt eine Nische

Es ist eine Masche, die bislang großartig funktioniert. Sie war die lustige Dicke in der TV-Serie "Gilmore Girls", sie war die lustige Dicke in dem Blockbuster "Brautalarm" (für ihre Nebenrolle erhielt sie eine Oscar-Nominierung), sie war die lustige Dicke in der Komödie "Voll abgezockt" und sie ist es derzeit in dem Frauen-Buddy-Cop-Film "Taffe Mädels" an der Seite von Sandra Bullock. In "Hangover 3" ist sie auch noch dabei und überzeugt seit 2010 in den USA Publikum und Kritiker mit der Sitcom "Mike & Molly", die dienstags um 22.15 Uhr auf Pro Sieben zu sehen ist.

Kurzum: Melissa McCarthy ist derzeit Hollywoods Darling, jedes Studio will sie, ihr werden Filme regelrecht auf den Leib geschrieben. Sie ist die wandelnde Antithese zum grassierenden Schlankheits- und Schönheitswahn, der Kolleginnen wie Nicole Kidman oder Meg Ryan zu maskenhaften Wesen hat erstarren lassen. Zudem besetzt sie eine Nische. Kandidatinnen für die Rolle der schönen Heldin gibt es genug, sie ist die abseitige, die verrückte, die verpeilte. Es scheint, als giere das ebenfalls nicht perfekte Publikum nach einer Figur, deren offensichtliche Defizite nicht kaschiert, sondern ins Szene gesetzt und thematisiert werden.

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McCarthy, Farmerstochter aus dem ländlichen Illinois, seit 2001 mit ihrem Kollegen Ben Falcone verheiratet und Mütter zweier Töchter, ist den Amerikanern derart ans Herz gewachsen, dass sie einen Kritiker tagelang mit Häme und Beschimpfungen überzogen, weil er sich abfällig über ihre Figur geäußert hatte. Rex Reed wird nie wieder schreiben, sie sehe aus wie ein "Traktor" und ein "fettes Nilpferd", ebenso wenig wie irgendein anderer Autor im englischen Sprachraum.

Erfolgsstory mit Schönheitsfehler

Aktuell deutet vieles daraufhin, dass "Taffe Mädels" ein weiterer Publikums-Hit wird, in den USA hat der Film am ersten Wochenende schon 40 Millionen Dollar eingespielt. Sie sei einfach nur glücklich, sagt McCarthy. "Ich habe Jahre damit verbracht, vernünftige Arbeit zu finden. Umso dankbarer bin ich, dass ich nun an diesem Punkt bin." Mit dem Kritiker Reed habe sie Mitleid, weil der offenbar "in Hass schwimme". Sie lache sich jeden Tag halb tot mit ihrem Mann und genieße es, die Kinder aufwachsen zu sehen.

Doch die glitzernde Erfolgsstory hat einen Schönheitsfehler: So ertragreich die Masche "lustige Dicke" zurzeit ist, sie wird nicht ewig funktionieren. Melissa McCarthy weiß das. Deshalb hat sie mit ihrem Mann ein Drehbruch zu einem Film entwickelt, der nicht auf den nächsten "Mir-rutscht-die-Hose-über-den-dicken-Bauch"-Gag setzt. "Tammy" soll das Werk heißen, McCarthy spielt unter der Regie ihres Gatten eine Frau, die ihren Job verliert, ihren Mann beim Fremdgehen erwischt und schließlich mit ihrer alkoholkranken Großmutter im Auto loszieht, um all dem zu entkommen.

Sollte ihr damit der Ausbruch aus dem Rollen-Korsett gelingen, kann sie eine ganz Große werden, eine Charaktermimin, die dem Schönheitsideal den Mittelfinger gezeigt hat. Klappt es nicht, wird sie zwar nicht ins Bodenlose fallen, aber eben die tollpatschige Übergewichtige bleiben, eine Rolle, die ihr sicher keine andauernde Erfüllung bringen wird. McCarthy, auch das macht sie sympathisch, verbreitet nämlich nicht das Märchen, sich dick ganz toll zu finden. "Manchmal wünschte ich mir, eine Wunder würde geschehen, und ich hätte Kleidergröße 36." Dann allerdings wäre sie nur eine von vielen. Genau davon hat das Publikum offenbar genug.