Buch-Rezension: Hetzjagd im Schatten der Apokalypse

Buch-Rezension : Hetzjagd im Schatten der Apokalypse

In Dan Bronws heiß ersehntem neuen Thriller "Inferno" gerät sein Held Robert Langdon in eine Verschwörung, die ihn erneut an kulturhistorische Orte führt. Der Grundplot ist spannend, doch verschwendet der Autor zu viel Zeilen für Nebensächliches.

Es sind düstere Visionen, die den verwirrten Professor plagen. Albträume, die immer wieder auftauchen, und die er sich nicht erklären kann. "Eine verschleierte Frau. Robert Langdon starrte sie über einen Fluss hinweg an, dessen Fluten rot waren von Blut". Er sieht Menschen in entsetzlichen Qualen, und er hört immer wieder den flehenden Satz der mysteriösen Fremden. "Suche, und du wirst finden."

Dan Browns neuer Roman "Inferno" beginnt, wie es sich für den Bestsellerautor gehört: verwirrend. Sein Held, der Harvard-Professor Robert Langdon, wacht in einem Krankenhaus in Florenz auf. Er hat keine Ahnung, wie er dort hingekommen ist, die Erinnerung an die letzten zwei Tage ist verschwunden, an seinem Kopf klafft eine Wunde. In seinem halbwachen Zustand sieht er ständig die düsteren Bilder vom Fluss. Er ahnt, dass er in eine teuflische Verschwörung verwickelt ist, er wird "übermannt von einem unmittelbaren, instinktiven Gefühl von Gefahr … nicht nur für sich selbst … sondern für jeden Menschen auf der Welt."

Es geht also nicht mehr nur um das Aufdecken kirchlicher Vertuschungen wie in den Vorgänger-Romanen "Der DaVinci Code" oder "Illuminati", sondern um das große Ganze. Die Menschheit, die Welt, das Überleben der intelligentesten Spezies, die es doch schafft wie keine andere, sich zielsicher selbst zu zerstören.

Bevor Robert Langdon allerdings dahinter kommt, dass ein fanatisches Wissenschaftsgenie die Weltbevölkerung zu zwei Dritteln ausrotten will, um den übrig gebliebenen Menschen das Überleben auf dem ressourcenknappen Planeten zu sichern, gerät er im Krankenhaus an die mysteriöse Ärztin Sienna Brooks, dessen Kollege vor den Augen der beiden von einer Attentäterin erschossen wird. Die beiden schaffen es, zu fliehen und hetzen von nun atemlos durch Florenz, gejagt von einer paramilitärischen Einsatztruppe, der italienischen Polizei und der unbekannten Mörderin.

Brooks übergibt Langdon eine Art Metallzylinder, den sie in seiner Jackentasche entdeckt hatte. Darin befindet sich ein Laserpointer, der ein Bild an die Wand wirft: La Mappa dell'Inferno, die "Karte der Hölle" des italienischen Künstlers Sandro Botticelli. Sie zeigt sich windende Körper in unvorstellbaren Qualen, und sie scheinen mit Langdons Albträumen in Zusammenhang zu stehen. Das Bild ist ein Tribut an das Meisterwerk eines anderen italienischen Meisters, Dante. "Inferno" heißt der erste Teil seiner "Göttlichen Komödie".

Das Bild enthält eine geheime Botschaft, die auf die bevorstehende Katastrophe hinweist, und es beginnt eine Schnitzeljagd zu historischen Plätzen der Kulturgeschichte wie dem Palazzo Vecchio in Florenz, dem Markusdom in Venedig und der Hagia Sophia in Istanbul, in denen sich jeweils ein weiterer Mosaikstein des Rätsels befindet, das ihnen ein unbekannter Fanatiker offenbar aufgeben hat. Alle Hinweise beziehen sich auf Dantes Inferno, und ihr Gegner, der sich als der Schweizer Genforscher Bertrand Zobrist entpuppt, möchte eben ein solches Inferno heraufbeschwören, um die Menschheit zu dezimieren und vor einem Kollaps durch Überbevölkerung zu bewahren.

Die gesamte Handlung spielt sich in zwei Tagen ab, und wie Brown es schafft, den Leser immer wieder auf falsche Fährten zu führen und die Mystik der europäischen Kulturgeschichte mit philosophisch-biologischen Fragen zur Zukunft der Menschheit zu verweben, ist stellenweise atemberaubend. In seinem Suspense-Thriller wechseln die einzelnen Figuren, denen Langdon im Lauf der Geschichte begegnet, so oft die Seiten, das man sich als Leser automatisch selbst in Verschwörungstheorien ergeht und als stiller Komplize des gutmütigen Professors jede Person in diesem komplexen Konstrukt in Frage stellt.

Leider verlässt sich Brown nicht auf seine spannende Hetzjagd im Schatten der drohenden Apokalypse, sondern beschreibt seitenlang hübsche, aber die Handlung letztlich nur bremsende Details alter Gebäude oder unternimmt historische Exkurse, die zwar auf eine profunde Recherche schließen lassen, der Geschichte aber kein bisschen weiterhelfen.

Es hätte also keine 682 Seiten gebraucht, um diese verschlungene, höchst originelle Story zu erzählen. Dennoch ist "Inferno" in weiten Teilen ein klassischer "Page-Turner", ein in seiner Doppelbödigkeit fesselnder Roman, der dem Autor vermutlich einen weiteren Triumph auf dem globalen Buchmarkt bescheren wird. Allein in Deutschland lag die Startauflage bei 700.000 Exemplaren.

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