1. Herzrasen

Travis im Porträt: Die Rückkehr der Sanftmütigen

Travis im Porträt : Die Rückkehr der Sanftmütigen

Sie bringen wieder Britpop in die Radios oder wollen es zumindest: Die schottische Band Travis meldet sich nach langer Pause mit einem neuen Album zurück. Darauf verbinden die vier Musiker Melancholie mit Aufbruchstimmung.

Es reichte, sie hatten genug. Nach ihrem sechsten Studioalbum "Ode To J. Smith" waren die Mitglieder von Travis fertig, leergeschrieben und leergespielt. "Du bist es irgendwann leid, morgens als erstes die Socken deiner Kollegen zu riechen", sagt Sänger Fran Healy nur halb im Scherz. "Wir haben nun alle Familien und das ist definitiv ein Moment in deinem Leben, wo du nur Vater sein und mit deiner Familie zusammen sein möchtest." Das war 2008, die Band hatte eine ausgiebige Tournee hinter sich und beschloss, eine Pause auf unbestimmte Zeit einzulegen.

Sie hatten das schon einmal getan, nach dem Album "12 Memories" (2003), das sich deutlich schlechter verkauft hatte als die Bestseller "Good Feeling" (1997), "The Man Who" (1999) und "The Invisible Band" (2001). Travis hatten sich mit romantischen, von elegischen Melodien getragenen Britpop-Songs wie "Why Does It Always Rain On Me", "Driftwood" oder "Sing" einen festen Platz in dem damals gehypten Genre geschaffen. Sie waren die gelassenen, sanftmütigen Schotten mit dem lustigen rollenden "R" in ihren Interviews. Sie kloppten sich nicht wie die Gallagher-Brüder von "Oasis" oder klopften Sprüche wie Dave Albarn von "Blur". Sie waren die Romantiker von der Insel, auf die sich alle irgendwie einigen konnten.

Doch nach den ersten drei Alben ging den Musikern in kreativer Hinsicht ein wenig die Puste aus. Hinzu kam, dass seit Mitte der Nuller-Jahre stampfende Eurodance-Beats die Charts dominierten, die eher stillen Filigrantechniker mit ihren echten Instrumenten schafften es nicht mehr wie früher, sich Gehör zu verschaffen. Seit der beschlossenen Pause im Jahr 2008 haben sich die Vier in ihr jeweiliges Zuhause zurückgezogen, Frontman und Sänger Fran Healy lebt mit seiner deutschen Frau und dem Nachwuchs in Berlin.

Sprung ins eiskalte Wasser

Er veröffentlichte 2010 das Soloalbum "Wreckorder", das auch eher Liebhabern ein Begriff ist, ansonsten verbrachten die Musiker, die sich Anfang der 90er in Glasgow kennenlernten und 1996 gemeinsam nach London zogen, die Zeit damit, Inspirationen zu sammeln. "Wir mussten erst einmal wieder ein bisschen leben. Worüber hätten wir sonst Songs schreiben sollen? Darüber, wie erschöpft man ist, wenn man jahrelang in der Welt herumtourt? Das interessiert niemanden. Zu Recht", sagt Healy. Schließlich taten sie sich mit dem schwedischen Erfolgsproduzenten Michael Hilbert zusammen, der schon den Cardigans und den Hives zu Hits verholfen hatte, und nahmen in London, New York, Norwegen und den berühmten Berliner Hansa-Studios die neuen Songs auf.

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Plötzlich spürten sie wieder den alten Pioniergeist wie in ihren Anfangsjahren, die Routine war kindlicher Neugier gewichen, wie die Band wohl heute, nach rund 17 Jahren im Geschäft, klingen könnte. Um einen besonders hohen Ton auf dem Stück "Moving" einsingen zu können, sprang Healy in das eiskalte Wasser der Nordsee, rannte dann sofort ins Studio und traf den Ton. "Ich hatte gehört, dass Adrenalin die Stimme lockert. Also dachte ich, ich versetze meinen Körper im sieben Grad kalten Wasser in eine Art Schockzustand, und danach läuft die Sache."

Trotz des zwischenzeitlichen Karriereknicks wirkt keiner der vier Musiker überambitioniert oder gestresst. Fran Healys Stimme ist klarer denn je, sie sind frisch und sehen alles andere als verlebt aus. Ihre Pausen sehen sie pragmatisch. "Man bleibt so lange weg, wie es eben dauert", sagt Bassist Dougie Payne, dessen bester Kumpel Healy ihn damals in die Band holte, obwohl er noch nie einen Bass in der Hand gehabt hatte. "Dadurch kann man den Hunger und das Verlangen wieder spüren, welches man hatte, als man ganz am Anfang stand."

Herausgekommen ist ein Album, das zwischen Melancholie und Aufbruch schwankt, das mit dem gleichen Sanftmut daherkommt, der die Band schon immer ausgezeichnet hat. Es sind nicht mehr viele Bands aus der großen Britpop-Ära üblich. Die wohl größte, Coldplay, beruft sich explizit auf Travis. "Ohne sie hätte es uns wahrscheinlich nie gegeben", sagt Sänger Chris Martin.

Es ist ein Kompliment, das Travis sicher schmeichelt. Viel wichtiger aber ist ihnen, dass sie wieder richtig Lust darauf haben, Travis zu sein.

Albumkritik:

Dass fünf Jahre zwischen dem letzten und dem neuen Album der Schotten liegen, hört man "Where You Stand" nicht an. Fran Healys Stimme ist klar wie ein Gebirgssee, die Musik ist melodiöser Britpop, der gelegentlich ins Kitschige abrutscht. Im Großen und Ganzen ist es eine gelungene, weil unprätentiöse Platte, die sich auf den talentierten Sänger und das behutsame Gitarrenspiel verlässt. Besonders eindrucksvoll zu hören ist das im Song "Warning Sign", der das größte Hitpotential besitzt.