1. Herzrasen

Doku über Lindenberg: Deutschlands Chef-Rocker

Doku über Lindenberg : Deutschlands Chef-Rocker

In ihrer Reihe "Pop-Legenden" zeigt die ARD ein warmherziges Porträt des schrulligen Künstlers Udo Lindenberg, der sich dank seines Talents und seiner Unerschrockenheit ganz nach oben genuschelt hat.

Eigentlich kann es diesen Mann gar nicht geben. Er ist eine derart perfekte Karikatur eines alternden, leicht dem Wahnsinn zugeneigten Rockstars, das er eine Kunstfigur sein muss, eine Parodie auf exaltierte Spinner. Doch Udo Lindenberg (66) ist echt. Sein Hut, seine Sonnenbrille, seine Zigarre, seine Art zu reden, die Unterlippe vorzuschieben und die Wörter auszuraunen, als verrate er Staatsgeheimnisse, all das sind unabdingbare Attribute eines großen deutschen Künstlers, dem die ARD zu recht eine Folge ihrer Verehrungs-Reihe "Pop-Legenden" gewidmet hat.

Sie zeichnet die Karriere eines Mannes nach, der als Junge in der westfälischen Provinz mangels Schlagzeug auf Benzinfässer einhämmerte, dann ein viel gebuchter Jazz-Drummer wurde und schließlich die von Schlager verklebte deutsche Musikszene der Nachkriegszeit umkrempelte. Er tat das in der ihm eigenen Beiläufigkeit, er hatte keinen großen Masterplan, er hatte eben Bock drauf.

"Ich habe nie gelernt, zu singen", sagt Lindenberg in diesem Film. Eigentlich wollte er auch gar nicht singen, sondern trommeln, doch irgendwann verspürte er das Bedürfnis, sich auszudrücken, seine Gedanken zu erzählen, das Chaos zu bündeln, das in seinem Kopf herrschte. Er tat das zunächst auf Englisch, weil das coole junge Deutsche eben so machten, die nichts mehr fürchteten, als Teil von etwas so Peinlichem wie dem deutschen Musikestablishment zu werden.

Doch die Wörter trafen seine Gefühle nicht, er wagte sich an seine Muttersprache. Schnell fiel ihm auf, dass das eine "geile Sprache" ist, dass sie unendlich viele Variationsmöglichkeiten bietet, dass er damit Bilder malen kann. Lindenberg, der 1972 sein erstes deutsches Album "Daumen im Wind" herausbrachte, erschloss sich ein Publikum, das genauso eine Erweckung erlebte wie er. Deutschsprachige Musik kann cool sein, sie kann mitreißen, es gibt so etwas wie deutschen Rock, und dieser Typ mit dem Hut hat ihn erfunden.

Lässige Distanz

Er nahm den Wortwitz und die Ironie späterer Bands wie Die Ärzte oder Die Fantastischen Vier mit Refrains wie "Alles klar auf der Andrea Doria" vorweg, er schuf Kunstfiguren wie Rudi Ratlos oder Elli Pyrelli, er begegnete dem Geschäft mit einer lässigen Distanz, die ihn davor bewahrte, sich anzupassen. Er machte, was ihm einfiel, er dachte nicht über die Konsequenzen nach. "Ich habe mir eine Flasche Doppelkorn reingezogen und einfach mal angefangen", nuschelt er in einer Tonlage, als sei das etwas völlig Alltägliches.

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Die Dokumentation versucht gar nicht erst, den Eindruck zu erwecken, dass sie einem anderen Zweck dient als ihrem Protagonisten zu huldigen. Weggefährten und auch Lindenberg selbst thematisieren seinen zeitweise bedenklichen Alkoholkonsum und seinen drohenden Absturz in den für ihn kommerziell erfolglosen 90er Jahren. Doch das sind letztlich nur Nebengeräusche in einem Film, der ausführlich und mit vielen sehenswerten Archivaufnahmen eine Heldengeschichte erzählt. Die Geschichte eines sympathischen Querdenkers, der ebenso herzzerreißend von Schmerz und Liebe "(Hinterm Horizont") singen kann wie von sozialer Ungerechtigkeit ("Wozu sind Kriege da").

Freunde und Bewunderer von Peter Maffay über Jan Delay und Max Herre bis Nina Hagen liefern ihre persönlichen Ehrerbietungs-Beiträge, alte Kumpel aus dem legendären Panikorchester erzählen, wie es damals angefangen hat mit dieser einzigartigen Karriere eines deutschen Rockers, der heute, nach seinem furiosen Comeback mit dem Album "Stark wie zwei" (2008) und ausverkauften Tourneen mehr denn je der Chef im Ring ist.

Das schönste Zitat kommt von seiner Schwester Inge, die ihn sein ganzes Leben in all seinen Triumphen und Abstürzen begleitet hat und angenehm unaufgeregt über ihren berühmten Bruder spricht. "Ganz oben isser. Das ist wunderbar."