Kino: Blick in die unglaubliche Provinz

Kino : Blick in die unglaubliche Provinz

Vor drei Jahren hat sich der Journalist Moritz von Uslar auf die Suche nach "des Prolls reiner Seele" begeben. 2010 erschien das Ergebnis seiner Recherche: Das Buch "Deutschboden" wurde ein Erfolg. Nun bringt es der Kölner Dokumentarfilmer André Schäfer in die Kinos.

Moritz von Uslar steht vor einer Bushaltestelle. Die Bushaltestelle steht in der brandenburgischen Provinz, mitten im Nichtsoviel. Ihre Wände sind mit Rost gesprenkelt, das Wellblechdach hält zusammen, was gerade noch zusammengehört. Das Haltestellen-"H" ist leicht windschief, die Fahrplanauskunft ein leeres Versprechen.

Moritz von Uslar, der "99-Fragen"-Interviewer, der für alle großen Magazine und Zeitungen des Landes schreibt und geschrieben hat, der sich bei Twitter "Superjournalist bei der ZEIT" und im Buch "Reporter mit Hut" nennt, blickt auf sein Handy. Berlin Mitte is calling. "Und er steht dort, wo seit der Wende kein Bus mehr gehalten hat, und wo natürlich auch jetzt kein Bus mehr kommt. Ein starkes Bild", sagt André Schäfer, Regisseur des Films "Deutschboden". Damit ende dann auch die Szene. Uslar bleibt.

Im Herbst 2010 war der Roman "Deutschboden" erschienen. Uslar hatte ihn eine "teilnehmende Beobachtung" genannt, ein aus der Soziologie stammender, sich selbst erklärender Begriff. Der Reporter sucht sich ein Forschungsgebiet, in diesem Fall die Kleinstadt Zehdenick im deutschen Osten, Landkreis Oberhavel, und möchte beobachten, am eigenen Leib erfahren, wie es dort zugeht. Uslar hoffte, "des Prolls reine Seele" ausfindig zu machen. Er wollte dorthin gehen, "wo die Leute in strahlend weißen Trainingsanzügen an Tankstellen rumstehen und ab und an einen Spuckefaden zu Boden fallen lassen".

Journalistenuntypischer Duktus

Seine Messmethode: Möglichst wenig sehen, noch weniger einordnen. "Mein Ideal, die Kür des modernen Reporters, war die, dass ich einfach nur da war, ganz ohne zu denken, ganz ohne einen Schluss zu ziehen. Was kam beim Denken schon groß heraus? Doch nur der immer selbe, uralte Mist, der alles immer nur aufs Neue vollkommen falsch verstand", schreibt der Autor im Buch.

Den journalistenuntypischen Duktus setzt Uslar konsequent um. Er stellt sich in der Kleinstadt "trinkend zur Verfügung" und findet am Tresen der Gaststätte Schröder Freunde. Darunter die Punk-Rock-Band "5 Teeth Less". Über diese Freundschaft, die Tristesse der Kleinstadt, den ewiggrauen Kratzputz der geduckten Häuser, über Arbeitslosigkeit und Alkoholismus, Nagelstudios und Asia-Imbisse, die abendlichen Treffen vor der Aral-Tankstelle und die guten Sprüche, die in dieser Umgebung entstehen, schreibt er 380 Seiten.

Knapp eine halbe Million Euro, darunter ein Großteil vom WDR und der Film- und Medienstiftung NRW, bekam nun die Kölner Filmproduktionsfirma Florianfilm zur Verfügung gestellt, um in Zehdenick auf Uslars "Deutschboden"-Spuren zu gehen. 31 Drehtage verbrachte die sechsköpfige Crew seit Anfang Mai in der Kleinstadt, eingewiesen und eingeführt durch den Autor selbst. Darüber hinaus hatte Uslar sich wenig einmischen wollen. "Es ist nicht gut, als der, der das Buch geschrieben hat, halb davor zu stehen. Da wird man schnell zum Ärgernis."

Auf der Suche nach dem wilden Osten

Es habe für ihn, den Autor, deshalb nur zwei Möglichkeiten gegeben. "Entweder ganz rein oder sehr weit raus." Nur am Rand wolle er vorkommen, ein paar Szenen quasi im Vorbeigehen begleiten. "Es ist ja ganz furchtbar, wenn Schriftsteller denken, sie wären auch Schauspieler. Dann wird's sehr scheußlich."

Regisseur André Schäfer hat den Dreh in Zehdenick abgeschlossen. Er klingt, als komme er gerade von einem Konzert: Aufgekratzt, euphorisch, schon jetzt wehmütig vom gerade erst Erlebten erzählend. "Am Anfang, im Mai, als wir zum ersten Mal in dem Ort ankamen, war der Kameramann ganz enttäuscht. Weil alles so viel malerischer war, als wir uns das vorgestellt hatten."

Ebenso wie Uslar wollte das Team den wilden Osten einfangen, hatte unwillkürlich die trostlosen Häuser, Straßen und Menschen im Kopf, die man aus den verwackelt aufgenommenen Nazi-Reportagen des spätabendlichen Privatsenderprogramms kennt. "Gibt es da natürlich auch. Aber größtenteils ist es eben sehr schön", sagt Schäfer.

Unheimliche Begegnung

Diese Doppelbödigkeit machte schon das Buch "Deutschboden" aus, und sie wird auch den Film prägen. Einen großen Anteil daran haben die Mitglieder von "5 Teeth Less". Einige von ihnen waren früher rechtsradikal, sind zwischendurch immer mal wieder arbeitslos gewesen und ziemlich wild tätowiert. "Die Jungs dort erfüllen jedes Klischee und brechen es dann sofort wieder", sagt Schäfer und erzählt zum Beweis eine ungeheuerliche Geschichte.

An einem Drehtag war das Team in den Stadtkern gefahren, um eines der Nagelstudios zu filmen, die laut Roman, in Zehdenick derzeit überall aus dem Boden sprießen. Man habe also vor diesem Schönheitssalon gestanden, ein bisschen rumprobiert, und auf einmal sei ein Freund der Band, der das Team nur flüchtig kannte, heran geradelt gekommen. "Ein Hammerkerl, richtige Kante. Glatze, Tätowierungen, das volle Programm", beschreibt ihn Schäfer.

Man habe sich begrüßt und der Hammerkerl habe das Filmteam einfach mitgenommen, in den Laden, in dem er sich immer die Augenbrauen zupfen lässt. Und als er dann also auf dem Behandlungsstuhl lag, dieser heroische Mann mit seinen tätowierten Beinen, habe ihn die Kosmetikerin beim Zupfen gefragt, wie denn die Jugendweihe seiner Tochter gewesen sei. Ganz schön, er habe "richtig Pippi in den Augen gehabt", antwortete der Hüne.

Keine Nacherzählung des Romans

Das war der Moment, in dem sich André Schäfer endgültig in die Kleinstadt verliebte. "Kein Mensch in Berlin, kein Mensch in ganz Westdeutschland hätte uns das filmen lassen, diesen Bruch." Mehrere solcher Szenen wird der Film, der im Herbst 2013 in die Kinos kommt, und den Schäfer auch an die Jury der Berlinale schicken will, versammeln.

Szenen, die Uslar "sofort ins Buch genommen" hätte, wenn sie ihm damals so passiert wären. "Deutschboden, der Film" wird keine Nacherzählung des Romans, sondern eine eigene "teilnehmende Beobachtung". Sie zeigt, wie eine brandenburgische Band für ihren Durchbruch kämpft, welche Rituale Männer allabendlich in bürgerlichen Gaststätten aufführen, wie man Pilze sammelt, mit welcher Ernsthaftigkeit die Techniken des Körper-Tunings (Fitness, Solarium, Waxing, Piercings, Tätowierungen und eben Augenbrauenzupfen) zu betreiben sind — und, vor allem, welche guten Typen und welche guten Gags diese Versuchsanordnung ergeben kann.

Moritz von Uslar, verrät André Schäfer dann noch, werde im Film häufiger zu sehen sein, als ursprünglich geplant. Er sei eine der tragenden Figuren. Nicht, weil der Schriftsteller sich am Ende dann doch für einen ziemlich talentierten Schauspieler gehalten habe, sondern weil er "im besten Sinne ein guter Poser ist", sagt Schäfer.

Wie er an dieser Bushaltestelle stehe, einfach so rumstehe, bisschen umher gucke, auf und ab gehe: "das kann keiner so wie er." Das sei, Uslar möge es verzeihen, wirklich filmreif.