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About a Boy: Leute, hört mehr Latin Jazz

About a Boy : Leute, hört mehr Latin Jazz

Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist möchte in einer Holzhütte in der Arktis leben und besucht die erfolgloseste Facebook-Party aller Zeiten.

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p class="text">Dies ist die weltweit erste Kolumne, die Latin Jazz und Facebook zusammenbringt. Es hat mich sehr viel Mühe gekostet, und es wird Menschen geben, die sagen, die Mühe habe sich nicht gelohnt. Das ist der Preis, den Pioniere zahlen müssen.

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p class="text">Ich habe ganz schlimm Höhlenfantasien. Besser noch sollte ich sagen: Einhöhlungsfantasien. Dann denke ich daran, in eine Höhle zu ziehen, so richtig in einem Felsen wie bei den Fünf Freunden, oder in einen Raum, der diese Funktion erfüllt. So richtig zurückziehen möchte ich mich. Manchmal reicht da auch mein Zimmer, wenn ich die Vorhänge zuziehe und die Musik aufdrehe. Sehr begeistert hat mich eine Dokumentation über russische Arktisforscher. Die lassen sich in einer fensterlosen Holzhütte auf einer Eisscholle aussetzen und forschen dort Monate lang. Ich weiß gar nicht, ob sie in dieser Zeit überhaupt die Hütte verlassen. Besser geht es nicht. In einer einsamen Gegend sein und dann auch noch in einer fensterlosen Hütte sitzen. Da bin ich selbst vor den Zeugen Jehovas sicher.

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p class="text">Vor zwei Tagen war ich auf einer so genannten Facebook-Party. Laut Berichterstattung bedrohen solche Partys die Existenz unserer schönen Bundesrepublik. Eingeladen hatten der Satiriker Martin Sonneborn und seine Partei "Die Partei". Die Menschen sollten um 9.30 Uhr nach Düsseldorf kommen auf den Platz vor der Zentrale des Versicherungsunternehmens Ergo. Dieses hielt im Gebäude eine Pressekonferenz ab, es ging um die Vorfälle mit den Sex-Partys für Mitarbeiter. Martin Sonneborn war nicht da, aber der NRW-Vorsitzende seiner Partei, der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke aka Dr. Made. Er trug einen Bademantel und hielt eine osteuropäische Prostituierte im Bademantel im Arm, zumindest tat die Frau so, als sei sie eine. Das war eine gar nicht so subtile Anspielung auf die Ergo-Mitarbeitermotivation.

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p class="text"> Sonst waren allerdings nur Journalisten da, ungefähr 30, mit Notizblöcken, Fotoapparaten und Videokameras. Der über die Sex-Partys empörte Bürger war nicht da. Vielleicht hatten sich die Medien mal wieder stellvertretend für ihn empört, ohne überhaupt zu wissen, ob er sich darüber empörte. Während die Empörungsschwelle der Medien in den vergangenen Jahren immer niedriger geworden war, war es die Empörungsschwelle des Bürgers offenbar nicht. Und die Ergo, anstatt den Platz mit Panzern räumen zu lassen, hatte sogar einen Versorgungsstand mit Eis und Apfelschorle aufgebaut für die Teilnehmer der Facebook-Party. Die Polizisten langweilten sich auf der anderen Seite der Straße in der Sonne. Keine Frage, die Aktion war gefloppt.

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p class="text">Und jetzt Latin Jazz. Es gibt über 100 Kategorien beim Grammy, die eine obskurer als die andere, was dann auch die Jury irgendwann merkte und gleich mal einige abschaffte. Darunter war auch Latin Jazz. Ausgerechnet Latin Jazz, diese Musik Gottes. Die Latin-Jazz-Community war empört und vier Latin Jazzer verklagen nun sogar die National Academy of Recording Arts and Sciences, die für die Grammys verantwortlich ist. Denn sie befürchten einen Schaden für ihre Karriere, weil die Menschheit nun nicht mehr einmal im Jahr daran erinnert wird, dass es das Genre Latin Jazz noch gibt. Leute, hört mehr Latin Jazz. Rockt voll.

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p class="text">Ich möchte die Veranstalter der Facebook-Party und alle Latin Jazzer in meine Höhle einladen oder meine arktische Holzhütte. Zieht die Schuhe aus, tretet ein, nehmt euch einen Stuhl und freut euch, dass ihr hier seid. Denn in meiner Höhle war die Facebook-Party ein voller Erfolg mit 5000 Besuchern, aufgebrachten Ergo-Mitarbeitern, Straßenschlachten und so weiter. In meiner Höhle verleiht die National Acadmey of Recording Arts and Sciences auch noch jährlich den Grammy in der Kategorie Latin Jazz. Sogar als letzten und damit wichtigsten Preis des Abends. In meiner Höhle ist die Welt so, wie wir sie uns vorstellen. Bringt Freunde mit, es ist alles möglich, es ist alles schön. Hier können wir ewig...

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p class="text">… nein, können wir nicht. Ab und zu muss jemand raus in die Realität und Schokolade kaufen. In meiner Höhle gibt es leider keine Schokoladenfabrik.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne "About a Boy". Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.