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About a Boy: Jetzt schau dir doch die Sterne an, verdammt!

About a Boy : Jetzt schau dir doch die Sterne an, verdammt!

Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist ist besessen von einem Song der Band Coldplay. Außerdem bedauert er die Kultur seines Heimatlandes und guckt zu viele Youtube-Videos.

Es ist Zeit für ein wenig Geringschätzigkeit. Möglicherweise handelt es sich nur um eine meiner Phasen.

Kürzlich ist mir aufgefallen, dass mich die Dinge, für die Deutschland in der Welt bekannt ist, nicht interessieren: Bier, Autos und Goethe. Bier habe ich nie getrunken, Autos sollen bloß fahren und Goethe steht auf einer Langeweile-Stufe mit Thomas Mann. Wieso werden eigentlich bloß die deutschen Idioten im Ausland berühmt?

Dinge, für die Deutschland nicht bekannt ist: Popmusik und das Drumherum. Dinge, die ich mag: Popmusik und das Drumherum.

Am Samstagabend übertrug der deutsche Spartenkanal ZDF Kultur das Konzert der Band Coldplay vom Glastonbury-Festival in England. Das ist das bekannteste Festival Europas mit knapp 140.000 Zuschauern. Die Leute schwenkten Fahnen, sie sangen laut mit, sie waren, wie man so sagt, aus dem Häuschen. Eine Stimmung, als hätten alle gleichzeitig einen Sechser im Lotto. Es gibt auch ein Video von Coldplays Auftritt bei diesem Festival im Jahr 2002. Sänger Chris Martin sagte dort "This is called Yellow" und damit war ihr Superhit "Yellow" gemeint, der aber nur in England ein Superhit war, und als er das gesagt hatte, jauchzten 100.000 Menschen. Die erste Strophe sangen sie gleich mal alleine. Sie waren, wie man so sagt, völlig aus dem Häuschen.

Ich habe mir dann zum Vergleich das Konzert von Coldplay bei Rock am Ring angesehen, dem deutschen Festivaldinosaurier. Es war nicht so, dass die Zuschauer sich verhielten wie auf Omas Beerdigung, aber ein gewisses Maß an Sittlichkeit überschritten sie nicht. Sie sangen nicht mit, sie schwenkten keine Fahnen. Sie klatschten einfach. Sie klatschten bei "Yellow" genauso wie bei all den anderen Liedern. Ich erinnere mich auch daran, dass ich mir Weihnachten 2000 das Debütalbum von Coldplay wünschte und es zu einem Spieleabend mitbrachte. Keiner wollte es hören. Als Coldplay Yellow 2000 auf dem Glastonbury-Festival spielten, flippten die Leute auch schon aus. Nicht so sehr wie 2002, aber viel viel mehr als bei Rock am Ring 2011. Das heißt, schon 2000 haben die Engländer mehr Begeisterung für Coldplay aufgebracht als die Deutschen 2011. Ich habe das überprüft. Und da war es noch nicht mal dunkel. Das ist doch beschämend. Ich will gar nicht den Auftritt von Coldplay auf einem deutschen Festival im Jahr 2000 erwähnen. Es gibt auch davon ein Video. Da stehen gerade mal ein paar Hundert Zuschauer gelangweilt herum. Und Yellow kannte da überhaupt niemand.

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Aber was erwarte ich eigentlich? England hat die Beatles, wir Marius Müller-Westernhagen. Es gibt eine Live-Version von "Freiheit", da sind die Leute auch sehr aus dem Häuschen. Das ist so peinlich. So viel Stuss kann Thomas Mann gar nicht schreiben. In englischen Boulevard-Blättern landet Pete Doherty, in deutschen Lothar Matthäus.

Es beunruhigt mich der Gedanke, dass es Engländer gibt, die sich auf deutschen Festivals Coldplay-Konzerte ansehen, weil sie das Gekreische bei "Yellow" leid sind.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne "About a Boy". Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.