About a Boy: Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

About a Boy : Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist erfährt, dass ihn jemand nicht mehr liebt. Außerdem ist er so froh über seinen Internetempfang, dass er einen Artikel über das Wacken-Festival liest.

In einer Fernsehsendung habe ich erfahren, dass Berlin mich nicht mehr liebt. Das war mir neu, es beruht aber auf Gegenseitigkeit. Berlin, ich betrat dein Stadtgebiet immer glücklicher, als ich es verließ. Ich bin mir sehr sicher, dass ich dich längst nicht mehr liebte, als du aufhörtest, mich zu lieben.

In der Sendung haben sie gesagt, dass die Szene-Berliner Aufkleber aufkleben, auf denen steht "Berlin doesn't love you". Also das steht da nicht so, das wäre nicht hip genug, da steht "Berlin", dann ein durchgestrichenes Herz und dann ein "u". Abgefahren. Sorry, liebe Berliner, ich weiß, für euch ist das ein alter Hut, ihr seid schon beim nächsten Ding. Ihr wart schon beim Owling, als alle anderen noch Planking irre lustig fanden. Aber ich lebe in der Provinz, 600 Kilometer von Berlin entfernt. Hier gibt es noch Gegenden ohne WLAN.

Die Berliner, die die Aufkleber aufklebten, so hieß es in dem Bericht, stören sich an den ganzen Partytouristen, die nachts in der Oranienburger Straße einfallen und dort einen Ballermann 6 entstehen lassen. Diese Leute kommen selbstverständlich nicht aus Berlin, sondern aus Unna oder Fulda. Weil der Szene-Berliner nicht erträgt, dass andere auf minderwertige Weise Spaß haben in seinem Berlin, hat er die Aufkleber gedruckt. Berlin durchgestrichenes Herz u. Wir sind Berlin und ihr nicht. Du kommst hier nicht rein. Möglicherweise bauen die Berliner bald die Mauer wieder auf mit leeren Fritz-Cola-Flaschen, denn Bionade ist längst out. Vielleicht ist aber auch Fritz Cola längst wieder out. Immer, wenn man über einen neuen Trend in Berlin schreibt, ist er out, bevor der Artikel erschienen ist.

Als ich gerade mal WLAN hatte, war ich auch bei Spiegel online. Dort berichtete ein Reporter, wie er mit dem so genannten Metal-Zug zum Wacken Festival gefahren war, diesem Mittelerde in Schleswig-Holstein. Die Leser machten sich sehr lustig über den Reporter, aber einige stellten auch das Festival in Frage. Wacken, das sei überhaupt kein Metal mehr. Da gingen nur Leute hin, die sich drei Tage im Jahr für Metal interessierten, aber 365 Tage für Alkohol. Die echte Szene hingegen bestehe aus drei- bis viertausend Leuten. Wir sind so true Metal, wir essen Schrauben zum Frühstück. Die anderen sind nur Partytouristen. Wer Metal ist, das bestimmen wir. Ich kann mir vorstellen, wie die bei Konzerten misstrauisch die anderen Zuschauer beargwöhnen, ob die denn auch wirklich zur Szene gehörten. Da müsste man doch vielleicht mal einen Stempel für den Pass einführen.

Wann genau kam der Punkt, an dem die Menschen, die in die USA eingewandert waren, sagten: "Wir können jetzt echt nicht mehr jeden reinlassen"?

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne "About a Boy". Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.

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