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Lindbergs Weltgeschichten (35): Ich bin Revolutionär und das gefällt mir

Lindbergs Weltgeschichten (35) : Ich bin Revolutionär und das gefällt mir

Berlin (RPO). Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal erklärt er, warum sich dank Mark Zuckerberg alle wie Revolutionäre fühlen.

2011

Die Revolution in Ägypten hatte den Ägyptern viel Gutes gebracht, dem Rest der Welt allerdings bloß einen Irrglauben: Dass politischer Protest am besten über Facebook funktionierte.

Das soziale Netzwerk war zum Ersatz für alles geworden. Es schaffte Ersatz-Freundschaften, ermöglichte Ersatz-Kommunikation und nun auch Ersatz-Partizipation. Es gab Protestgruppen gegen Atomkraft, Rassismus, Stuttgart 21, die Polizei-Gewalt bei Stuttgart 21, die übrige Gewalt, Walfang, Massentierhaltung, Armut, Google Street View. Einfacher konnte Protest nicht sein. Bloß den "Gefällt mir"-Button klicken und sich als Aktivist fühlen. Dass das ganze wirkungslos war — egal. Protest war ja ohnehin schon immer mehr Ausdruck eines Bedürfnisses als eine Handlung, die etwas erreichen sollte. Der Facebook-Protest trieb das auf die Spitze.

Doch hatten die eben genannten Protestgruppen zumindest noch ein bedeutendes Ziel, wenn auch der Weg ein aussichtsloser war. Bei anderen Gruppen ließ sich dieses nicht mehr erkennen. Die berühmteste war "Wir wollen Guttenberg zurück". 568.000 Menschen hatten auf den "Gefällt mir"-Button geklickt, um zu zeigen, wie sehr sie Guttenberg zurückwollten. So sehr nämlich, dass sie sogar eine Fingerbewegung dafür in Kauf nahmen. Die Medien berichteten dann darüber, und das war es auch. Guttenberg kam nicht zurück. Das aber hielt die Fans des 1. FC Köln nicht davon ab, die Gruppe "Wir wollen Frank Schaefer zurück zum 1. FC Köln" zu gründen. Das wollten aber nur noch 11.800. Immerhin noch 2500 Personen sind gegen die Jagd auf Silvio Berlusconi.

Es folgten ähnlich bedeutende Protestgruppen zu erwarten. Es gab da einen Max. Max war zwölf Jahre alt und mochte keinen Spinat. Seine Mutter sagte aber immer "Max, iss deinen Spinat". Bisher konnte er dagegen nichts ausrichten. Nun aber hatte er Facebook. Also gründete er eine Protestgruppe und nannte sie "Gegen Zwangsernährung mit Spinat". Oder Tom. Der war 23 und hatte keine Lust, in seiner WG den Abwasch zu machen — "Dagegen, dass Tom spült, denn er hat schon den Müll runtergebracht".

Die Facebook-Protestgruppe "Gegen Facebook-Protestgruppen" bildete sich im August 2011.