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Lindbergs Weltgeschichten (32): Hört endlich auf zu klatschen!

Lindbergs Weltgeschichten (32) : Hört endlich auf zu klatschen!

Berlin (RPO). Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal schreibt er über die Mitklatscher bei Konzerten.

2011

Mein Arzt hatte mir empfohlen, meinen Blog weiterzuführen, weil mein wachsender Unmut über die Welt kurz davor war, sich in etwas Chronisches zu verwandeln. "Bloggen ist billiger und wirkungsvoller als eine Therapie", sagte er. "Schreiben Sie einfach über das erste, was Sie aufregt."

Nichts leichter als das, außer dass ich mich entscheiden musste, womit ich anfangen sollte. Eine beliebte Freizeitbeschäftigung von Menschen war es damals, Konzerte in großen Hallen zu besuchen. Dort spielten meist Unheilig oder Chris de Burgh. Diese Großveranstaltungen waren aus verschiedenen Gründen fragwürdig — Chris de Burgh, Unheilig, 15.000 Menschen auf einem Fleck, vier Euro für ein Bier, Stau im Parkhaus — aber eine Sache übertraf alles: Mitklatschen, militantes.

Es verging kein Lied in einer dieser Unterhaltungsarenen, in denen das Publikum nicht irgendeinen Takt hörte, auf den es mitklatschen konnte. Ganz egal, ob es sich um einen Rocksong handelte oder um die so genannte gefühlvolle Ballade auf dem Klavier. Das Publikum suchte den Takt und fand ihn, auch wenn es keinen gab, auf den sich klatschen ließ. Oder es klatschte einen halben Takt hinterher.

Was sollte der Quatsch? Schließlich schrieb kein Gesetz der Welt vor, dass das Publikum bei Konzerten mitzuklatschen hatte. Und den Musiker musste es sehr irritieren, wenn er sich gerade den Liebeskummer von der Seele sang und ein Publikum von der Größe Pforzheims anfing, seine Hände aufeinanderzuschlagen.

Folgende Theorien hatte die Mitklatsch-Forschung, die damals größtenteils aus mir bestand, dazu entwickelt:

1. Das Publikum dachte, dass der Künstler diesen bestimmten Takt bewusst eingebaut hatte, damit es anfing zu klatschen. Dieses Angebot durfte das Publikum nicht ablehnen, dachte das Publikum, das würde den Musiker sonst beleidigen und ihn in eine Krise stürzen, von der er sich nur mit Medikamenten erholen würde.

2. Die Zuschauer wollten sowohl sich als auch den anderen demonstrieren, wie viel Spaß das gerade machte. Die Karte hatte schließlich 120 Euro gekostet. Mit steigenden Kartenpreisen stieg also auch die Häufigkeit des Mitklatschens.

3. Die Zuschauer wollten sich gegenseitig beweisen — wenn sie erstmal Büro und C&A-Hemd entkommen waren — was für lockere Typen sie doch waren und wie lässig sie deshalb mitklatschen konnten. Wie lässig das aussah, wenn 15.000 Chris-de-Burgh-Jünger auf denselben falschen Takt klatschten, sollten andere entscheiden.

Dass die Mitklatscher auch genau die Leute waren, die enthusiastisch in die Kamera winkten, wenn sie im Fußballstadion saßen, überraschte mich nicht.