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Warum wir an Weihnachten das Handy nicht weglegen müssen

Feiertage bei den Facebooks : Warum wir an Weihnachten das Handy nicht weglegen sollten

Über die Feiertage endlich das Handy weglegen? Aber nicht doch! Gerade an Weihnachten möchte unser Autor seinen digitalen Freunden nah sein.

Wenn ich blinzle, sitzen sie Weihnachten alle bei mir. Micky, der im mörderisch vollen ICE von Hamburg zu seiner Familie ins Ruhrgebiet fährt. Sebastian, der uns zu fortgeschrittener Stunde Gin anbietet. Fabri, der das Foto einer attraktiven Schauspielerin aus den 70ern aus der Tasche ziehen wird, von der wir gar nicht wussten, dass sie mal so, also SO attraktiv aussah. Janine, Mauritz, Tom und Mareile. Am Heiligen Abend in meinem Wohnzimmer.

Sobald ich ihre Aufmerksamkeit habe, werde ich ihnen von meiner Entdeckung erzählen, dass der Film „Mord im Orient-Express“ auf einer Fähre beginnt. Sie können auch kaum abwarten, dass ich aus der Weihnachtsfolge von „Familie Heinz Becker“ zitiere.

„Heinz, hast du keinen frischen Baum geholt?“

„Doch, der hat noch gelebt.“

Micky, Janine, Tom, sie sitzen bloß Weihnachten gar nicht in meinem Wohnzimmer, sie sitzen bloß in meinem Facebook. Aber was heißt schon „bloß“?

Soziale Medien haben für eine Reihe bedenklicher Entwicklungen die Schuld zu tragen, die Wahl des US-Präsidenten eingeschlossen. Ich haue gerne eine Runde mit drauf, aber ein Teil der Kritik geht mir zu weit. Meine Kollegin Alev Dogan warnte jüngst in ihrem Artikel „Ich poste, also bin ich“, wie der Gebrauch von Instagram dazu führe, dass wir Dinge nur noch tun, um sie zu posten: „Ausgerechnet während unserer aufregendsten Momente, schönsten Begegnungen und interessantesten Erfahrungen sind wir nicht ganz da.“

Ich bin anderer Meinung. Ich glaube nicht, dass wir in den besten Momenten nicht ganz da sind. Was sie mit den aufregendsten Momenten meint, sind die Momente mit der aufregendsten Aussicht oder dem besten Essen. Aber niemand greift doch nach dem Handy bei der ersten Kussanbahnung oder in einem tiefsinnigen Balkongespräch nachts um halb eins. Meist sind die Momente die besten, die sich nicht planen lassen. Wer aber auch dann eher ans Foto denkt, sollte kein soziales Netzwerk dafür verantwortlich machen. Facebook und Instagram verführen, aber sie zwingen niemanden.

In meinem Leben haben soziale Netzwerke Erlebnisse selten verdorben, dafür viel häufiger erst ermöglicht. Es gibt Menschen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Viele von ihnen habe ich bis heute nicht im realen Leben getroffen, wobei das Quatsch ist, weil auch das Internet zum realen Leben gehört. Man kann es nur nicht anfassen. Ich habe diesen Leuten also noch nie die Hand gegeben. Und doch sind sie ein Teil meines Lebens geworden, weil sie regelmäßig von ihrem berichten. Ich nenne sie Facebook-Freunde. Wenn es mir schlecht ginge, würde ich sie nicht anrufen. Zu meiner Hochzeit würde ich sie vermutlich auch nicht einladen. Aber da würde was fehlen ohne sie in meiner Timeline. Das schöne ist, dass nicht nur ich die anderen kenne, sondern sie sich häufig auch untereinander. So wird aus meinen Facebook-Freunden beinahe ein Facebook-Freundeskreis.

Auch Weihnachten möchte ich an ihrem Leben teilhaben und sie an meinem Leben teilhaben lassen. Es ist nicht so, dass sonst zu Hause die Langeweile droht. Spätestens am Tag vor Heiligabend zu den Eltern aufs Land. Schwedische Kinderfilme im ZDF. Den guten Traubensaft aus den guten hohen Gläsern. Unser Gejaule unterm Baum. Die Pflichtpute am Ersten Weihnachtstag. Wenn ich mich aber ab und zu vergewissere, dass es den lieben Menschen aus dem Internet auch gut geht, stört das den Geist der Weihnacht nicht. Schon deshalb nicht, weil es in meinem Facebook-Feed so friedlich zugeht wie zu keiner anderen Zeit. An Weihnachten ist Waffenruhe.

Micky ist der berühmteste meiner Weihnachtsgäste. Er findet das auch ein bisschen gut. Micky ist Moderator, Autor und Witze-Schreiber. Wann immer sich 2019 jemand durchs Fernsehprogramm zappte, kam irgendwann Micky. Mir gefällt er aber am besten in meinem Facebook. Im vergangenen Jahr kommentierte er zu Weihnachten das Foto seines Koffers am Bahnhof: „Ich will nicht sagen, dass mein Vater als Freund billigen Alkohols (für Gäste) bekannt ist, aber: Dieser Trolly ist voll mit hochwertigen Spirituosen.“ Micky verwendet viel Zeit auf die Pflege seiner Oberarmmuskulatur und fährt einen Geländewagen in einem völlig inakzeptablen Braun, trotzdem hat er Gefühle. Vor zwei Jahren schrieb er an Heiligabend: „Ich sehe heute nur Menschen, auf die ich mich bereits sehr gefreut habe. Was für ein Glück.“

Sebastian ist von unerschütterlicher Menschenfreundlichkeit. Das ganze Jahr über erfreut er uns mit Fotos von seiner Beamtentätigkeit bei der Deutschen Rentenversicherung und wünscht selbst im Winter vor Einbruch der Dunkelheit einen schönen Feierabend. Er hat zwei Söhne, versteht sich mit der Mutter der Kinder auch nach der Trennung, und wir freuten uns, als er eine andere Frau gefunden hatte. Er ist der Beweis, dass, wer Liebe ins Internet gibt, auch Liebe zurückbekommt. Wenn Sebastian von Weihnachten erzählt, dann am liebsten von den Dingen, die leicht schiefgegangen sind, aber seine Laune eher heben. Wenn der Kater den Gin umgestoßen hat oder er einen H&M-Gutschein und Davidoff-Herrenduft bekommt und vermutet: „Scheinbar bin ich schlecht gekleidet, bin Alkoholiker und rieche nicht besonders gut.“ Er findet auch gut, worüber viele die Nase rümpfen, Helene Fischer zum Beispiel. Sebastian ist ein Mann ohne Dünkel, und wenn das Internet über Helenes Weihnachtsshow lästert, stellt sich Sebastian vor sie.

Sein Herz ist groß, man könnte einen Lastwagen darin wenden. Auch an den Feiertagen vergisst er die Leute nicht, die es gerade nicht so schön haben. „Euch drücke ich besonders. Es sind keine leeren Worte, wenn ich sage, dass meine Gedanken heute sehr bei euch sind.“

Fabri heißt nur auf Facebook Fabri. Seinen echten Namen hat er mir mehrfach gesagt, aber ich habe ihn jedes Mal wieder vergessen. Fabri hat zwei Töchter, die er gerne häufiger sehen möchte, und er arbeitet als Krankenpfleger. Wie toll das wäre, aus der Narkose aufzuwachen, und dann grinst Fabri durch seinen Bart, und es geht einem gleich besser. Fabri versorgt seine Freunde auch an Weihnachten mit trashigen Filmtipps oder Fotostrecken von Promis in jungen Jahren. 2017 hat er mit seinem Papa Dieter gegrillt. Und einmal kicherten wir möglichst unauffällig über einen Spruch, den er aus dem Internet geklaut hatte: „Sometimes I look up at the stars and think... Damn! I love pissing outside.“

Janine fällt wie jedes Jahr völlig aus der Reihe, weil sie schon vor Jahren aus dem Kreis Viersen nach Australien gezogen ist, was ich bis heute bewundere. Sie ist ein Punkrockmädchen mit einer Vorliebe für einen seltsamen australischen Vogel namens Molukkenibis. Vor zwei Jahren feierte sie Weihnachten auf einem Campingplatz. Ein Foto zeigt sie an einem Tisch vorm Campingmobil, in ihrem Weinglas schwimmt Eis. Sie trägt ein Deutschland-Trikot und einen kurzen Rock. Ich würde mal sehr gerne mit Janine auf ein Punkrockkonzert gehen.

Mauritz kenne ich noch vom Studium, und obwohl er ein eifriger Nachwuchspolitiker der FDP war und keinen Zweifel an unserem Wirtschaftssystem hegte, freundeten wir uns an. Nach dem Studium sahen wir uns noch genau einmal wieder. Er ist jetzt Pressesprecher, und ich habe das Gefühl, dass er sich die bösesten Unternehmen aussucht. Aber ich mag, wie er selbst ein guter Typ dabei bleibt.

Ein Foto von Weihnachten 2018 zeigt seine Eltern unter einer Decke mit dem Aufdruck seines Unternehmens. Ich musste mal lachen über seinen aus dem Internet geborgten Weihnachtstipp: Leere Kartons verpacken und unter den Weihnachtsbaum stellen. Und jedes Mal, wenn dein Kind sich nicht benimmt, eines der Pakete ins Kaminfeuer werfen.

Aber auch der Kerl hat ein gutes Herz und ist für einen besinnlichen Weihnachtsgruß zu haben. Ein Foto von der Geburtskirche in Bethlehem versah er mit der Anmerkung: „Nicht die gleichen Umstände wie vor 2000 Jahren, aber immer noch weit entfernt von Frieden. Trotzdem und gerade deshalb: Fröhliche Weihnachten!“

Ich habe überlegt, ob ich von Tom erzählen soll, aber ich tue es jetzt. Tom schreibt über Weihnachten nicht viel auf Facebook. Er hat einen harten Humor, vermutlich weil das Leben sehr hart mit ihm umgegangen ist. Er ist noch viel zu jung, um Vollwaise zu sein. Kürzlich postete er: „Für jemanden, der die letzten Jahre durchweg Hiobsbotschaften ertragen & die schwersten Schicksalsschläge hinnehmen musste, nehme ich die Gewissheit, dass an meiner Bauchspeicheldrüse nichts Tumorartiges gefunden wurde, relativ kühl zur Kenntnis. Vielleicht war es einfach an der Zeit, auch mal wieder ein Glücksgefühl verspüren zu dürfen.“ Ich weiß nicht, mit wem er Weihnachten feiert und ob er überhaupt mit jemandem feiern möchte. Aber in Gedanken sind wir immer ein bisschen mehr bei ihm als bei den anderen.

Manchmal begrüße ich einen neuen Gast. Mareile habe ich erst vor einigen Monaten kennengelernt. Sie hat mir eine Freundschaftsanfrage geschickt, ich habe schon wieder vergessen, weshalb, aber ich habe angenommen. Mareile ist Fernsehschauspielerin aus Düsseldorf und gerade läuft es, glaube ich, ganz gut bei ihr. Ich habe mal nachgeschaut. Im vergangenen Jahr hat sie zu Weihnachten die Geschichte erzählt, wie ihr ein Mann am 23. Dezember auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof auf die Schuhe spuckte, was sie darauf zurückführte, dass es ihr „Arschkartentag“ war. Anstatt sich darüber zu ärgern, beschloss sie, dass es Glück bringt, wenn einem jemand auf die Schuhe spuckt. Setz dich zu uns, Mareile.