Sprachgrenzen gibt es nicht mehr - Deepl und Google kämpfen um Vorherrschaft

Spracherkennung: Sprachgrenzen gibt es nicht mehr

Das Lernen von Fremdsprachen könnte bald überflüssig sein. Dann übersetzen Maschinen. Google droht dabei Konkurrenz aus Köln.

Kinder lernen in der Schule Englisch, vielleicht auch Französisch, Spanisch oder Latein. Manch einer meint sogar, Kinder müssten künftig Chinesisch lernen. Doch wer braucht noch Fremdsprachen, wenn Technologie alles in Echtzeit übersetzt? Und muss man überhaupt noch lernen, zu lesen und zu schreiben, wenn sich sogar Gedanken in Text übersetzen ließen?

„Es klingt unmöglich, aber diese Entwicklung ist näher als Sie erahnen“, sagt die Facebook-Managerin Regina Dugan. Sie steht auf der Bühne bei der Entwicklerkonferenz F8 des Sozialen Netzwerks und zeigt ein Video, in dem eine Frau mit der Nervenerkrankung ALS allein mit ihren Gedanken eine Tastatur bedient. Acht Wörter pro Minute kann sie so schreiben. Facebook will es möglich machen, bis zu 100 Wörter pro Minute in Text umzuwandeln. Das wäre fünf Mal so schnell wie das Tippen auf dem Smartphone. In einigen Jahren, so Dugan, könnte dies bereits möglich sein. Das war 2017.

Zwei Jahre später geht Patric Fedlmeier über die Technikmesse CES und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich fühlte mich wie bei Star Wars oder Raumschiff Enterprise“, schreibt der Chef der Provinzial Rheinland per Mail aus Las Vegas. Hier tobt ein Kampf der Systeme, Spracherkennung und Künstliche Intelligenz dominieren die Messe. Ein Start-up aus China zeigt seine Software, mit der sich Gespräche simultan übersetzen lassen. Es reicht ein Knopf im Ohr und eine App auf dem Smartphone. Und dann sind da natürlich noch die Großen: Google und Amazon mit ihren Sprachassistenten. Es tobe ein unglaublicher Kampf um die Vorherrschaft, sagt Fedlmeier.

Seit es Menschen gibt ist Kommunikation permanentem Wandel unterworfen. Anfangs kommunizierten sie nur mündlich, dann wurde die Schrift erfunden. Gedanken ließen sich plötzlich fixieren, verschicken oder für die Nachwelt festhalten. Per Post konnten Menschen Kontakt halten, auch wenn sie Tausende Kilometer weit entfernt waren. Irgendwann wurde das Telefon erfunden, die mündliche Kommunikation wurde wieder wichtiger. Das Telefonat ersetzte den Brief, bevor Whatsapp wiederum das Telefonat ersetzte. Mit dem Smartphone erlebte die schriftliche Korrespondenz eine Renaissance, mit dem „Handy-Daumen“ entstand sogar ein neues Krankheitsbild.

Nun befinden wir uns im nächsten Schritt der Kommunikationsevolution. Durch Spracherkennung werden erneut Barrieren überwunden. Nachrichten müssen nicht mehr getippt, sondern können diktiert werden. Das Gerät wandelt das Gehörte selbstständig in Text um. Gleichzeitig können wir dank Siri oder Alexa nicht mehr nur mit Menschen sprechen, sondern auch mit unseren Geräten. Sie verstehen uns – und antworten. Und nicht zuletzt fallen sprachliche Barrieren.

Während der CES werden regelmäßig Besucher aus mehr als 150 Nationen in  Las Vegas erwartet. Spätestens beim Check-In im Hotel hätten sie das erste Mal Englisch sprechen müssen. Diesmal nicht, einem kleinen Google-Lautsprecher sei Dank. Denn der Assistent des Suchmaschinenkonzerns hört während der CES mit und wiederholt das Gesagte in der jeweils anderen Sprache. Er beherrscht rund zwei Dutzend Fremdsprachen, neben Deutsch auch Französisch, Italienisch, Schwedisch, Russisch, Koreanisch und Japanisch.

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Die Sprachassistenten werden immer mehr zum Teil unseres Alltags. Im Weihnachtsgeschäft wurden offenbar so viele intelligente Lautsprecher mit Amazons Sprachsteuerung Alexa verkauft, dass am ersten Weihnachtstag die Server des Unternehmns in Deutschland überlastet waren. Momentan befolgen sie überwiegend Befehle, irgendwann könnten sie für uns in Echtzeit übersetzen.

Es sind nicht nur die US-Konzerne wie Google, Apple und Facebook, die an dem Thema Spracherkennung und Übersetzung arbeiten. Das US-Start-up Waverly Labs stellte auf der CES einen Kopfhörer vor, der simultan übersetzen soll. Und das Kölner Unternehmen DeepL hat eine Übersetzungssoftware entwickelt, die sogar der von Google überlegen sein soll. Gründer Gereon Frahling macht damit seinem früheren Arbeitgeber Konkurrenz, denn der Mathematiker arbeitete selbst für den US-Konzern, bevor er 2007 selbst gründete.

Irgendwann könnte die Technik so gut sein, dass sie Dolmetscher und Wörterbücher überflüssig macht. Die digitalen Übersetzer könnten Kultur und Wirtschaft verändern. Denn noch immer ist die Sprache eines der größten Handelshemmnisse, weil die Überbrückung hohe Kosten verursacht. Nach Schätzungen des Bundesverbands der Dolmetscher haben allein 80 Prozent der deutschen Unternehmen Übersetzungsbedarf. Das US-Marktforschungsunternehmen Common Sense Advisory schätzte im vergangenen Jahr, dass das weltweite Marktvolumen für Sprachdienstleistungen bis zum Jahr 2021 auf 56 Milliarden Dollar anwachsen wird.

Heute funktionieren die Sprachsteuerungen noch nicht perfekt, die Übersetzungen erst recht nicht. Im Dezember 2017 veröffentlichte der Online-Sender „Rocket Beans“ ein Video, in dem er einen Chor Weihnachtslieder singen ließ, die vom Deutschen in eine Fremdsprache und zurück ins Deutsche übersetzt wurden. Aus „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter? Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein auch im Winter, wenn es schneit“ wurde nach einem Umweg über das Japanische „O Tannenbaum, Tannenbaum, egal wie loyal ihre Blätter sind! Sie sind nicht nur im Sommer grün. Nein, es wird auch im Winter schneien.“

Auch Googles Hotel-Helfer brauchte laut „Wired“ immer etwa ein bis zwei Sekunden für die Übersetzung, die dann auch noch teilweise fehlerhaft war. Doch das Potenzial der Technik ist klar – und die Ergebnisse werden mit jedem Tag besser. Denn die Algorithmen werden permanent mit Texten trainiert, etwa mit amtlich übersetzten Dokumenten der Vereinten Nationen. Je mehr Vergleichsmaterial vorliegt, desto besser werden die Übersetzungen.

Umso ärgerlicher, wenn man zu einer Minderheit gehört. Auf den Faröer Inseln leben mehr Schafe als Tiere, knapp 50.000 Einwohner haben die kleinen Inseln zwischen Norwegen und Großbritannien lediglich – zu wenig, um für Google Translate relevant zu sein. Also haben die Einwohner angefangen, einen eigenen Übersetzungsdienst aufzubauen: Faroe Islands Translate. Dort kann man einen Satz eingeben und bekommt dann ein Video angezeigt, in dem ein Einwohner der Inseln die Übersetzung liefert. Die Aktion hat für Aufmerksamkeit gesorgt, in den Google-Übersetzer hat es die Sprache dennoch bislang nicht geschafft. Manche Barrieren bleiben.

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