Smartphone im Test Huawei P60 Pro ohne Google und 5G - ist es das Geld wert?

Düsseldorf · Das neue Huawei P60 Pro geht mit gleich zwei Handicaps ins Rennen, es bietet kein 5G und keine Google-Dienste, außerdem ist es dafür verdammt teuer. Kann das das neue Flaggschiff-Smartphone diesen Rückstand mit seinem Kamera-System wettmachen?

 Die Kamera des Huawei P60 pro konnte im Test überzeugen: Die Bild- und Videoqualität ist insgesamt sehr gut, auch bei schlechten Lichtverhältnissen.

Die Kamera des Huawei P60 pro konnte im Test überzeugen: Die Bild- und Videoqualität ist insgesamt sehr gut, auch bei schlechten Lichtverhältnissen.

Foto: dpa-tmn/Bernd Diekjobst

Der chinesische Smartphone-Hersteller Huawei ist immer für Innovationen gut, diesmal beim Design: Beim neuen Flaggschiff-Smartphone P60 Pro ist jedes Gerät in der hellen Farbe „Rococo Pearl“ optisch ein Unikat. Denn unter der Glasoberfläche auf der Rückseite wurde eine Perlmutt-Schicht aufgetragen, die stets individuell ausfällt.

Das P60 Pro ist aber nicht nur ein Hingucker, der gut in der Hand liegt, sondern auch völlig alltagstauglich. Das Gehäuse ist nach IP68 zertifiziert und damit wasser- und staubdicht. Außerdem ist die Rückseite unempfindlich gegen Fingerabdrücke.

Auch das Display kann überzeugen. Huawei setzt beim 6,7-Zoll-Display sogenanntes Kunlun-Glas ein, das besonders widerstandsfähig sein soll. Im Bildschirm steckt die Displaytechnologie LTPO (Low-Temperature Polycrystalline Oxide), die sparsamer mit der Akkuenergie als herkömmliche OLED-Displays haushalten soll.

Der Akku hält schön lange durch

Die LTPO-Technologie ermöglicht auch die dynamische Regelung der Bildwiederholrate von 1 bis 120 Hertz. In der Praxis heißt das: Der Akku hält schön lange durch. Und Scrollen im Browser ruckelt kein bisschen. Auch in heller Umgebung gibt das Display ein gutes Bild ab.

Auch ohne Leica ist die Kamera ein Highlight

Das eigentliche Highlight des P60 Pro ist aber die Kamera, die dieses Mal ohne Zutun des langjährigen Huawei-Partners Leica entwickelt worden ist. Trotzdem handelt es sich um eines der besten Systeme, das man in einem Smartphone finden kann.

Macht ein großes Auge: Das Kameramodul auf der Rückseite des Huawei P60 Pro ist sehr präsent.

Macht ein großes Auge: Das Kameramodul auf der Rückseite des Huawei P60 Pro ist sehr präsent.

Foto: dpa-tmn/Huawei

Die Bild- und Videoqualität ist insgesamt sehr gut, auch bei schlechten Lichtverhältnissen. Nur bei der Nachtfotografie hat beispielsweise das Pixel 7 Pro (>>>hier unser Test) leicht die Nase vorn, wenn man das Google-Gerät zum Vergleich bemühen möchte.

Mit dem sehr weiten Sichtfeld der Ultraweitwinkel-Kamera gelingt es leicht, selbst platzraubende Motive in den Rahmen zu quetschen. Sie fängt dabei auch hervorragend Details ein und produziert nur ein geringes Bildrauschen.

Die Kamera liefert schöne, natürliche Fotofarben

Generell ist die Detailgenauigkeit über den gesamten Zoombereich hinweg sehr hoch und ermöglicht großartige Bilder von Motiven in allen Entfernungen. Kontraste werden leicht verstärkt, die Farben gut gesättigt, aber immer noch natürlich eingefangen.

 Huawei verlangt fürs P60 Pro einen stolzen Preis: Für die Version mit 8 GB RAM und 256 GB Speicherplatz 1200 Euro, für die Variante mit 12 GB RAM und 512 GB Speicher sogar 1400 Euro.

Huawei verlangt fürs P60 Pro einen stolzen Preis: Für die Version mit 8 GB RAM und 256 GB Speicherplatz 1200 Euro, für die Variante mit 12 GB RAM und 512 GB Speicher sogar 1400 Euro.

Foto: dpa-tmn/Bernd Diekjobst

Beim Teleobjektiv fällt das Bildergebnis sogar ein wenig besser aus, als die technischen Daten vermuten lassen. Obwohl das P60 Pro lediglich über ein 90-Millimeter-Objektiv verfügt, produziert das digital erzeugte Zehnfach-Tele überzeugende Ergebnisse. Das P60 Pro spielt damit ein einer Liga mit dem Samsung S23 Ultra, das mit einen optischen Zehnfach-Zoom ausgestattet ist.

Der Makromodus des P60 Pro steht nicht nur beim Ultraweitwinkel zur Verfügung, sondern auch beim Tele. Das macht sich dann bezahlt, wenn man dem Motiv nicht so dicht auf die Pelle rücken kann oder will.

Beim Videodreh gibt es eine wirksame Stabilisierung

Bei den Videos hat das P60 Pro sich im Vergleich zu Vorgängermodellen ebenfalls spürbar verbessert. Die Stabilisierung gleicht nun wirksamer Verwackelungen aus. Farben und Texturen werden natürlich und präzise eingefangen. An die Leistungen von Top-Video-Smartphones wie dem Oppo Find X6 Pro oder Apples iPhone 14 Pro (>>>hier unser Test) reicht das Huawei-Gerät aber nicht heran, auch weil das Ultraweitwinkel nur mit 30 Bildern pro Sekunde filmt.

Leider gibt es drei schwerwiegende Einschränkungen

Jedes P60 Pro in der Farbversion „Rococo Pearl“ ist ein Unikat. Die immer anders ausfallende Perlmutt-Schicht unter der Glasoberfläche auf der Rückseite macht es möglich.

Jedes P60 Pro in der Farbversion „Rococo Pearl“ ist ein Unikat. Die immer anders ausfallende Perlmutt-Schicht unter der Glasoberfläche auf der Rückseite macht es möglich.

Foto: dpa-tmn/Huawei

Das alles klingt bislang nach einer Spitzenbewertung. Doch drei gravierende Einschränkungen müssen genannt werden, von denen zwei mit den Wirtschaftssanktionen gegen Huawei zu tun haben.

Seit Mai 2019 sieht sich Huawei mit Sanktionen der US-Regierung konfrontiert. Das führt zum einen dazu, dass die Smartphones ohne eine Unterstützung der fünften Mobilfunkgeneration (5G) auskommen müssen. Beim P60 Pro führt die Beschränkung auf den LTE-Funk (4G) zum anderen dazu, dass auch der Hauptprozessor nicht taufrisch ist.

Huawei P60 Pro kommt mit Vorjahres-Chip und ohne 5G

Andere Spitzen-Smartphones aus dem Android-Lager können mit dem Chipsystem Snapdragon 8 Gen 2 punkten, das auch ein 5G-Modem an Bord hat. Huawei-Kunden müssen sich dagegen mit dem Vorjahresmodell Snapdragon 8+ Gen 1 zufriedengeben. Aktuell wird man die zusätzliche Leistung des Gen 2 und 5G-Mobilfunk vielleicht nicht benötigen. Richtig zukunftssicher ist das P60 Pro ohne aber nicht.

Die zweite große Einschränkung durch das US-Embargo betrifft die Software: Huawei darf das P60 Pro weder mit den Play-Services von Google noch mit Google-Apps wie dem Play Store bestücken und ausliefern.

Wer das P60 wegen der hervorragenden Kamera in die engere Wahl nimmt, sollte sich vor einem Kauf vergewissern, dass alle benötigten Apps entweder über Huaweis eigenen Store (App-Gallery) oder über alternative App-Stores verfügbar sind. Bestimmte Anwendungen wie etwa das Online-Banking sind eventuell auch als brauchbare Web-App verfügbar, die man über den Browser aufruft.

Auch der hohe Preis des P60 Pro ist ein Manko

Zum Schluss bleibt aber ein drittes Manko, für das Huawei ganz allein verantwortlich ist, nämlich der hohe Preis. Huawei verlangt für die Version mit 8 Gigabyte (GB) Arbeitsspeicher (RAM) und 256 GB Speicherplatz 1200 Euro, für die Variante mit 12 GB RAM und 512 GB Speicher sogar 1400 Euro.

Das sind Beträge, die für Spitzen-Smartphones wie das Honor Magic 5 Pro aufgerufen werden, bei dem allerdings 5G, Google-Dienste und der aktuelle Spitzenchip von Qualcomm inklusive sind. Und Googles Pixel 7 Pro etwa, das nicht nur eine überzeugende Kameraleistung bietet, ist bereits ab 900 Euro zu haben.

Fazit

Solange Huawei den Preis für das P60 Pro nicht deutlich senkt, dürften sich nur wenige Fans für das neue Flaggschiff entscheiden. Selbst wenn der Hersteller mit dem Preis heruntergehen würde, kann man das P60 Pro nur denjenigen empfehlen, die sicher ohne Google-Dienste und die damit verbundenen Apps klarkommen.

(csr/dpa)
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