Apple Watch 4: Smartwatch im Test - größer ist besser

Smartwatch : Größer ist besser - die Apple Watch 4 im Praxistest

Apple hat seiner Smartwatch nach vier Jahren ein neues Gehäusedesign verpasst. Die weltweit erfolgreichste Uhr überhaupt lockt auch mit einer Reihe von Gesundheits- und Fitnessfunktionen, die aber teilweise erst später aktiviert werden.

Bei Apple verschwinden die Bildschirmränder. Zuerst wurde das iPhone X vor einem Jahr mit einem quasi randlosen Display ausgestattet. Nun ist neben den neuen iPhone-Modellen auch die Apple Watch dran.

Bei den ersten Generationen der Apple-Uhr gaben sich die Designer vor vier Jahren noch viel Mühe, die dicke Umrahmung des Bildschirms zu kaschieren und das Display in der Größe einer Briefmarke optisch größer erscheinen zu lassen. Auf diese optische Täuschung ist Apple nun nicht mehr angewiesen.

Der Bildschirm des neuen Modells Apple Watch Series 4 ist 30 Prozent größer, so dass nun neu gestaltete digitale Zifferblätter deutlich mehr Detailinformationen („Komplikationen“) darstellen können. Bei einem der neuen Ziffernblätter namens „Infograph“ passen so neben der Uhrzeit auch das Datum, umfangreiche Wetterinformationen inklusive UV-Index sowie sechs weitere Informationen auf das Display. Wem das überfrachtet erscheint, kann die Oberfläche frei konfigurieren und sich aufgeräumtere Uhrendesigns auf das Handgelenk bringen.

Der größere Bildschirm steckt in einem behutsam neu gestalteten Gehäuse, das sich angenehm ans Handgelenk schmiegt. Das Gehäuse ist im Vergleich zu den Vorgängermodellen etwas länger und breiter geworden und hat stärker abgerundete Ecken. Durch diesen Kunstgriff passen die bisherigen Armbänder auch an die neue Apple Watch. Wer die Apple Watch unter einem Hemdsärmel trägt, wird sich freuen, dass das Gerät ein wenig dünner ausfällt.

Der größere Bildschirm kommt auch gut zur Geltung, wenn man sich Fotos auf der Uhr anzeigen lässt oder die neuen Oberflächen „Liquid Metal“ oder „Fire and Water“ auswählt. Was auf den ersten Blick wie eine Computeranimation aussieht, hat Apple in einem Studio mit einem übergroßen Modell der Apple Watch mit einem enormen Aufwand inszeniert. Für „Liquid Metal“ wurde das Modell mit gefärbtem Wasser gefüllt, die Flüssigkeit in Schwingung gebracht und mit einer Hochgeschwindigkeitskamera abgefilmt. Die Vorbereitungen dafür sollen sich über ein Jahr hingezogen haben, die Dreharbeiten mehrere Wochen lang. Diese Detailversessenheit erscheint schon fast absurd.

Sinnvoller wirken dagegen die hartnäckigen Bemühungen der Ingenieure in Kalifornien, die Apple Watch zu einem vollwertigen Fitness-Computer zu entwickeln. Dazu wurden die wichtigsten Sensoren ausgetauscht. Der neue Pulssensor auf der Gehäuserückseite wird nun mit hochwertigen Saphirglas geschützt, nicht mehr mit Plastik. Beim Wandern werden über einen neuen Luftdrucksensor die überwundenen Höhenmeter präziser aufgezeichnet.

Der neue Beschleunigungssensor kann im Zusammenspiel mit dem Kreiselinstrument (Gyroskop) auch erkennen, ob der Träger einer Apple Watch beim Laufen gestürzt oder von einer Leiter gefallen ist, und dann bei Bedarf einen Notruf 112 auslösen. Standardmäßig ist dies ausgeschaltet. Apple weist darauf hin, dass dieser Alarm auch „von Aktivitäten mit heftigen Bewegungen“ ausgelöst werden kann.

Noch weiter verbessert hat Apple die Überwachung der Herzschläge. Bislang schlug die Watch nur Alarm, wenn sie einen ungewöhnlich schnellen Herzrhythmus entdeckte. Nun meldet die Uhr auch, wenn das Herz zu selten schlägt. Diese Funktion erhalten alle Modelle bis auf die erste Generation („Series 0“), die generell nicht mehr auf das neue Betriebssystem watchOS 5 aktualisiert werden kann.

Bei der Präsentation in Cupertino führte Apple-Manager Jeff Williams vor, dass man mit der neuen Apple Watch Series 4 auch ein einfaches Elektrokardiogramm (EKG) vornehmen kann. Mit einem EKG werden Herzfrequenz und Herzrhythmus bestimmt und die elektrische Aktivität von Herzvorhöfen und Herzkammern abgelesen. Das Vorhofflimmern ist eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen. Wird es entdeckt, sollte man sich schleunigst vom Arzt auf eine Herzkrankheit untersuchen lassen, auch weil es auf ein erhöhtes Schlaganfallrisiko hinweist.

Wenn man die Apple Watch am linken Handgelenk trägt, hält man dazu 30 Sekunden lang einen Finger der rechten Hand an die Krone der Uhr und kann damit ein Ein-Kanal-EKG erstellen. Die Ergebnisse sind zwar nicht so aussagekräftig wie Untersuchungen mit sechs oder zwölf Elektroden. Testreihen haben aber gezeigt, dass in der Regel ein klinisch dokumentiertes Vorhofflimmern besteht, wenn die Smartwatch Alarm schlägt.

In den USA ist die EKG-Funktion bereits durch die Arzneimittelbehörde FDA freigegeben worden. Dort soll sie mit einem kommenden Software-Update aktiviert werden, genauso wie in Deutschland, wo die Zulassung allerdings noch aussteht. Die Schwelle dafür ist aber nicht besonders hoch. Nach Auskunft des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte muss Apple nur eine CE-Zertifizierung der Watch bei einer „benannten Stelle“ vornehmen. Das sind staatlich überwachte private Prüfstellen wie die TÜV-Gesellschaften oder die Dekra.

Umstritten ist aber, wie nützlich die EKG-Funktion ist. Während manche Kritiker eine Welle von Fehlalarmen befürchten, geht Professor Thomas Deneke von der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DKG) davon aus, dass die Apple Watch 4 dabei helfen kann, relevante Herzrhythmusdaten aufzuzeichnen und einen Arzt in der Diagnostik zu unterstützen. „Die Apple Watch sollte aber nicht als Ersatz für einen Besuch beim Arzt verwendet werden.“

Für die Funktion wurde auch die Krone komplett überarbeitet. Sie kann nicht nur den Strom für das EKG leiten, sondern bietet nun auch ein haptisches und akustisches Feedback. Wenn man durch die Menüs scrollt, klickt die Krone so, als würde man bei einer mechanischen Armbanduhr das Datum einstellen. Natürlich werden keine Wellen oder Zahnräder in Bewegung gesetzt. Die Rückkopplung erfolgt über die „Taptic Engine“, die sonst den Gehäuseboden in Schwingungen versetzt, um anzuzeigen, dass ein Timer abgelaufen ist oder dass man beim Navigieren mit der Karten-App demnächst abbiegen muss.

Optimiert wurde auch die Telefonier-Funktion. Im Test klangen die Stimmen der Gesprächspartner klarer und deutlich lauter. Und dank eines verbesserten Mikrofons war kaum zu unterscheiden, ob man per Apple Watch oder iPhone telefoniert. Bei der Batterielaufzeit dürfen Kunden keine Wunder erwarten: Genauso wie die Vorgänger muss die neue Uhr jeden Abend aufgeladen werden.

Die Apple Watch Series 4 ist mit dem 40-Millimeter-Aluminiumgehäuse ab 429 Euro zu haben, die größere 44-Millimeter-Version kostet 459 Euro. Der Aufpreis für die Mobilfunk-Option (LTE) macht 100 Euro aus. Die Varianten mit einem Edelstahlgehäuse (alle mit LTE) kosten 699 Euro (40 mm) beziehungsweise 749 Euro (44 mm). Die teuerste Variante ist eine Apple Watch mit Edelstahlgehäuse und einem aufwendigen Milanaise-Armband für 849 Euro. Wer günstiger in das Apple-Watch-Ökosystem einsteigen möchte, sollte sich das Vorjahresmodell anschauen, das Apple ab 299 Euro anbietet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Apple Watch 4 im Test - neue Gesundheits- und Fitnessfunktionen

(csr/dpa)
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