Microsoft übernimmt Nokia Mobile: Nokia - eine Weltmarke steckt im Funkloch

Microsoft übernimmt Nokia Mobile: Nokia - eine Weltmarke steckt im Funkloch

Morgen ist die Übernahme des früheren Handy-Primus durch Microsoft abgeschlossen. Dann verschwindet auch der Markenname - vorerst.

Es gab eine Zeit, in der war der Nokia-Klingelton die meistgespielte Melodie auf dem Planeten. In der bunte Plastikschalen als austauschbare Cover für Mobiltelefone der letzte Schrei waren. Und in der Nokia der größte Mobiltelefonbauer der Welt war. Eine Kultmarke. Diese Zeit ist noch nicht einmal eine Dekade her, doch sie erscheint heute so weit entfernt wie ein Touch-screen von der Wählscheibe. Die Marke Nokia verschwindet vom Weltmarkt. Die Übernahme des finnischen Handy-Herstellers durch den Windows-Konzern Microsoft ist am Freitag abgeschlossen. Microsoft übernimmt für 5,44 Milliarden Euro die Smartphone-Sparte und Patentlizenzen, benennt die Produktserien dann um in Microsoft Mobile - und nimmt den Namen Nokia von den Mobiltelefonen dieser Welt. "Grausam", sagt der Düsseldorfer Markenexperte Frank Dopheide. "Aber wer zu spät kommt, den bestraft der Kunde."

Nokia war in den 90er und frühen 2000er Jahren der Pionier auf dem Mobilfunkmarkt. Die Geräte aus Finnland hatten der Konkurrenz stets etwas voraus. Erst kam kaum ein Geschäftsmann ohne ein Gerät aus der Business-Serie aus (die 6er-Reihe), dann brachte die Reihe der Communicator die vollständige Tastatur aufs Mobiltelefon, und als der Boom im Prepaid-Segment begann, war Nokia mit seinem Modell 3210 zur Stelle. Farbdisplay, polyphone Klingeltöne, Internetzugang - Nokia war vorne dabei. Das Prinzip hieß "Nokias Firsts" - eine Entwicklung patentieren lassen, als erster auf den Markt bringen, den Rest den anderen überlassen. "Nokia war eine Identifikationsmarke einer ganzen Generation der Entscheider", sagt Markenexperte Dopheide, der an der Kampagne "Connecting People" der Düsseldorfer Agentur "Grey" Anteil hatte.

Der Konzernumsatz wuchs auf 50 Milliarden Euro im Jahr 2007. Der Marktanteil lag bei über 30 Prozent, der Nokia Klingelton erklang weltweit etwa 1,8 Milliarden Mal am Tag. Es war der Höhepunkt der Firmengeschichte, und zu dieser Zeit hatte Nokia, das einstige Patentwunder, bereits zwei Entwicklungen verschlafen: das Klapphandy. Und das Smartphone. 2006 kam Apples Revolution namens iPhone. Da bauten die Finnen noch Tasten in ihre Mobiltelefone. "Der Innovationszyklus auf dem Mobilfunkmarkt ist extrem kurz. Wenn man nicht mitmacht, ist das tödlich", sagt Dopheide.

Spätestens im Jahr 2008 galt Nokia in Deutschland nicht mehr als schick. Als zu Beginn dieses Jahres das Werk in Bochum schloss und nach Rumänien verlegt wurde, entsorgten Politiker ihre Nokia-Handys öffentlich in der Mülltonne. 2300 Jobs gingen verloren. Das war nicht der Grund, sondern Ausdruck des freien Falls, in dem sich Nokia bereits befand. Der Umsatz fiel bis 2012 auf 31 Milliarden Euro. Während andere Hersteller ganze Lebenswelten verkauften, baute Nokia weiter nur Handys. "Damit hatten die anderen Hersteller den Fuß in der Tür, und Nokia galt plötzlich als alt. Nokia hat die Sehnsüchte der Kunden nicht verstanden", sagt Dopheide. Lange wehrte sich Nokia gegen Googles Betriebssystem Android, obwohl die Masse darüber längst abgestimmt hatte. Ironischerweise wählte man Microsoft als Software-Partner, um die eigene Identität zu wahren - und nun geht sie ganz verloren.

Doch für immer muss der Name Nokia nicht von den Mobiltelefonen verschwinden. "Der Markenname ist weltweit bekannt und vertraut. Das müsste man mit einem neuen Namen mit mehreren hundert Millionen Euro erkaufen", sagt Frank Dopheide. "Microsoft nimmt den Namen vom Markt, um ihn nicht weiter zu beschädigen. Wenn es Ideen und ein neues Konzept gibt, dann spricht nichts dagegen, dass Nokia als Markenname wieder eingeführt wird." Fürs Erste steckt der einstige Mobilfunk-Riese aber in einem selbst verschuldeten Funkloch.

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(RP)
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