RP Plus: RTL in der Flop-Falle

RP Plus : RTL in der Flop-Falle

Der einstige Marktführer hat offenbar den Instinkt für publikumswirksame Formate verloren. Hektisch wirft der kriselnde Sender Shows auf den Markt, die meist genauso schnell verschwinden. Jüngste Beispiele sind"Die Zuschauer" und "Entführt".

Der einstige Marktführer hat offenbar den Instinkt für publikumswirksame Formate verloren. Hektisch wirft der kriselnde Sender Shows auf den Markt, die meist genauso schnell verschwinden. Jüngste Beispiele sind "Die Zuschauer" und "Entführt".

Ein Mann arbeitet als Stahlarbeiter. Das gefällt ihm aber nicht mehr so richtig. Deshalb möchte er lieber Schlagersänger werden. Aber kann er es wagen? Aus diesem Konstrukt hat RTL eine Show gemacht: "Die Zuschauer". Darin entscheiden 50 wildfremde Menschen über das Schicksal eines einzelnen, in diesem Fall dem singenden Stahlarbeiter.

Vorbild der Show ist — wenig überraschend — ein Format aus dem Ausland, die britische Sendung "The Audience". Das Konzept klang gut, weshalb RTL in Ermangelung eigener Ideen gerne zugriff. Doch gibt es in der deutschen Version einen entscheidenden Unterschied zum Original: Dort ging es um Menschen, die in einem echten moralischen Dilemma steckten, und nicht um gelangweilte Festangestellte, die sich lieber von grölenden Horden in Großraumdiskos feiern lassen wollen.

"Die Zuschauer" rieten dem Mann zur Bühnenkarriere, die Zuschauer zuhause bekamen davon wenig mit. In der für RTL lebensnotwendigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen kam die Show auf einen kümmerlichen Marktanteil von sieben Prozent. Die Folge: Nach nur einer Ausgabe schmiss der Sender die Show aus dem Programm. "Ein schöneres Beispiel dafür, wie man mit einem komplett verkorksten Kandidatencasting aus einer eigentlich originellen Fernsehidee vollständig die Luft rauslässt, hat es lange nicht gegeben", schrieb der Medienblogger Peer Schader treffend.

Eigenproduzierte Serien gingen reihenweise unter

Es ist nur ein weiterer Flop auf einer inzwischen erschreckend langen Liste von Fehlgriffen des einstigen TV-Platzhirschen aus Köln. Das Doku-Drama "Entführt" verschwand wie "Die Zuschauer" nach einer einzigen Folge. Die reanimierte 80er-Jahre-Serie "Dallas" lief so miserabel, dass RTL sie zum kleinen Schwestersender Super RTL abschob. Die schlüpfrige Voyeuristen-Soap "7 Tage Sex", in der Pärchen sich verpflichten, zwecks Aufpeppung ihres Liebeslebens eine Woche lang täglich miteinander zu schlafen, ging gleich in doppelter Hinsicht daneben.

Die zweite Folge musste RTL kurzfristig streichen, weil sich herausstellte, dass es sich bei einem Paar um Halbgeschwister handelte. Die dritte kam auf einen Marktanteil von 8,5 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe. Die Show ist inzwischen kommentarlos begraben. Das gilt auch für ungefähr jede eigenproduzierte Serie der Kölner in den vergangenen Monaten, die sich in dieser Hinsicht nur auf ihren Uralt-Action-Reißer "Alarm für Cobra 11" (seit 1996) verlassen können.

Oder erinnert sich noch jemand an "IK1 — Touristen in Gefahr", "Transporter", "Countdown", "Der Ballermann — ein Bulle auf Mallorca" oder "Die Draufgänger"? Selbst beim Einkaufen auf dem US-Markt greift RTL zurzeit zielsicher daneben. Weder "Person of Interest" noch "White Collar" konnten auch nur ansatzweise die Lücken füllen, die einstige Erfolgsserien wie "Dr. House" oder "CSI Miami" hinterlassen haben.

Cashcows aus den 90ern

Beim jungen Publikum ist RTL im März auf einen historischen Tiefstand gerutscht. Zwar liegt der Sender immer noch vorn, doch kommt er nur noch auf 14,3 Prozent. Im Ranking des Gesamtpublikums reiht sich RTL, auch hier jahrelang Marktführer, hinter dem ZDF (13,1) und der ARD (12,5) mit 11,2 Prozent auf Platz drei ein. "Im fiktionalen Bereich können wir nicht zufrieden sein, da waren einige Flops dabei. Aber wir suchen weiter und entwickeln auch selbst neue Konzepte. Alle großen Sender verlieren seit Jahren Zuschauer. So lange der Abstand zu unserer direkten privaten Konkurrenz so groß bleibt wie er ist, bricht bei uns bestimmt keine Hektik aus", sagt RTL-Sprecher Christian Körner im Gespräch mit RP Plus.

Die langjährige RTL-Chefin Anke Schäferkordt, die inzwischen an der Spitze der RTL Group steht und die Leitung des Senders in diesem Jahr an den Ex-Vox-Chef Frank Hoffmann übergeben hat, schaffte es zwar, RTL an der Spitze zu halten, doch langfristig erfolgreiche Formate konnte sie in ihrer Amtszeit ab Februar 2005 kaum etablieren. Einzige Ausnahme: die Kuppelshow "Bauer sucht Frau" mit rund acht Millionen Zuschauern. Die übrigen Cashcows wie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten", "Wer wird Millionär?", oder die Formel 1 sind seit den 90er Jahren im Programm. "Ich bin ein Star — Holt mich hier raus!" (seit 2004) läuft zwar prächtig, aber eben auch nur zwei Wochen im Jahr.

Die einstigen Quotenrenner "Deutschland sucht den Superstar" (seit 2002) und "Das Supertalent" (seit 2007) befinden sich seit Jahren im Sinkflug. Nur weil sie von einem hohen Niveau von bis zu 40 Prozent Marktanteil kommen, sind sie wirtschaftlich noch tragbar. Die aktuelle zehnte Staffel von "DSDS" stellte aber zuletzt trotz der vermeintlichen Teenie-Zugpferde Bill und Tom Kaulitz von "Tokio Hotel" einen neuen Negativrekord auf: Aus ehemals 40 Prozent Marktanteil sind 17,8 Prozent geworden. "Auch hier sehen wir einen klaren Negativtrend. Die Show hat ihren Zenit überschritten. Dennoch bleibt sie ein erfolgreiches Format, an dem wir weiter hart arbeiten werden", sagt Körner. Die jüngste Ausgabe kam immerhin wieder auf 20 Prozent.

Auf dem Sendeplatz von "Die Zuschauer" und "Entführt" am Mittwochabend zeigt RTL jetzt übrigens Wiederholungen der Ranking-Show "Die 25" mit Sonja Zietlow. Die vergangene Ausgabe befasste sich mit den "25 gewagtesten Schönheitsexperimenten". Die kürzere Version "Die 10" versorgte die Zuschauer bereits mit den "10 ungewöhnlichsten Schönheits-Schockern" und den "10 schrillsten Beauty-Schockern". Kreativität der Marke RTL im Jahr 2013.

(seeg)