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Apple Watch: Ein Erfahrungsbericht

Apple Watch : Nerv nicht!

Unser Autor besitzt bereits sechs Geräte von Apple – da drängt sich natürlich auf, die neue Armbanduhr aus Cupertino zu testen. Die Begeisterung des Testers im Dauergebrauch hält sich allerdings in Grenzen.

Ich hätte gewarnt sein müssen: Vor wenigen Tagen hatte ich Telekom-Chef Tim Höttges noch bei einer Veranstaltung gefragt, ob die Digital-Uhr unter seinem Hemd die Apple-Watch sei, immerhin ist die Telekom ja bei iPhones einer der wichtigsten Vertriebspartner von Apple in Europa. Nein, er nutze eine andere Digital-Uhr, meinte der aus Solingen stammende Höttges. Ein Vertrauter von ihm erklärt das Problem: "Die Akkulaufzeit ist Höttges zu kurz. Das ist nichts für ihn als Vielreisender und häufiger Jogger, der sich sich auch einmal gerne rund um die Uhr trackt."

Mein iPhone, mein iPad, mein iPod: Apple-Geräte sind für Reinhard Kowalewsky zu nützlichen Alltagshelfern geworden. Die iWatch hat gegen die anderen Geräte eher Spielzeug-Charakter. Foto: Reinhard Kowalewsky

Heute Abend um 21.30 Uhr, hat sich die Warnung erfüllt: Ein roter MiniBlitz" ist auf dem kleinen Bildschirm zu sehen, nach einer Fahrradtour von 30 Kilometern Länge ist der Akku praktisch leer. Begeisternd ist das nicht – aber Apple hat bereits selbst auf die relativ kurze Akku-Lautzeit der Uhr hingewiesen.

Dabei sind die Utensilien, die Apple mir am Dienstagmorgen mit großem Tamtam für den Gerätetest leihweise übergibt, fast schon beeindruckend: Die Uhr ist in einer schweren Plastikschachtel verpackt, die Übergabe ist in einer kleinen Bürosuite im Intercontinental-Hotel auf der Düsseldorfer Königsallee. Ein Mitarbeiter der PR-Agentur aus München wartet auf dem Bürgersteig, ein anderer fragt noch, ob ich einen Kaffee will, dann sitzen im Besprechungsraum zwei aus London eingeflogene Apple-Mitarbeiter. "Ich spreche leider kein Englisch", sage ich knochentrocken und spreche auf Deutsch mit den deutschen Apple-Leuten, die Engländer schauen etwas verwirrt, dann grinse ich und wechsel dann doch in Englisch.

Das war die Rache dafür, dass Apple einem verbietet, von der harmlosen Präsentation Fotos zu machen. Solche Fotos könnten ja bestätigen, dass auch eine Apple-Funkuhr nichts weiter als ein interessanter, aber auch erklärungsbedürftiger Gebrauchsgegenstand ist - vergleichbar am Ende mit einem guten Kühlschrank, mit einem Auto, vielleicht auch einem guten Staubsauger.

Keine Sorge, liebe Apple-Fans unter den Lesern, diese Einstufung kommt von keinem Apple-Gegner: Die Musik in meinem Auto kommt von einem alten iPod Nano, die Musik im Wohnzimmer von einem iPod Touch, zwei iPads haben wir im Haushalt – und nachdem mein Nokia E75 vor einigen Wochen kapputt ging, telefoniere ich nun auch per iPhone – alles schöne, praktische Geräte mit einem hohen Nutzwert.

Was macht Spaß an der Apple Watch, wo enttäuscht sie eher? Es nervt im Büro, wenn Anrufe reinkommen, dass nun zwei Geräte klingeln. Beim Autofahren kann sie schon sehr helfen, wenn man so wie ich ein Headset trägt: Wenn man die Uhr links trägt, dann mit der rechten Hand auf den Favoritenknopf rechts drückt und einen der besten Freunde und Bekannten schnell per Knopfdruck anwählt – das ist schon bequemer, als auf dem iPhone selbst zu wählen, wenn es an der Armatur befestigt ist. Wohlgemerkt, bevor hier ein Missverständnis entsteht: Ich telefoniere im Auto mit einem Bluetooth-Headset, während das iPhone in eine Halterung festgeklemmt ist – und dafür ist die Apple Watch eine noch bessere Wählhilfe als Sprachwahl per Siri (die allerdings auch häufig sehr gut funktioniert).

Bei der Fahrradtour zeigt die Watch einige Stärken: Eine SMS einer Bekannten kommt Mittags an – ich wähle einfach aus den Antwortoptionen die drei Optionen "Danke", "Alles klar" und "kann gerade nicht sprechen" – damit ist alles Wichtige gesagt, obwohl man für das Antworten absteigen muss.

Eine Freundin ruft an. Um wenigstens zu sagen, dass man gerade unterwegs ist, reicht die Freisprechfunktion an der Uhr. Den Wetterbericht kann ich mir direkt anschauen – besonders große Neuigkeiten gab es allerdings nicht. Als ich die Apple Watch als Geschwindigkeitsmesser nutze, zeigt sie mir immer dann das Tempo, wenn ich sie leicht bewege und in Richtung meines Gesichts drehe – ansonsten ist das Display energiesparend aus. Und beeindruckend gut geht das Diktieren von SMS oder E-Mails "in" das Display hinein: Es ist wirklich möglich, lange Sätze komplett zu diktieren, beim "Diktieren" per Handy erscheint mir das schwieriger. Aber das liegt wohl nur daran, dass man in die Apple Watch lauter hineindiktiert als ins Smartphone.

Schön ist, dass man die Kamera des iPhone per Watch bedienen kann. Direktauslösen ist möglich, auch Auslösen erst nach drei Sekunden – so ist nicht auf jedem Selfie-Foto per iPhone der Finger auf der Uhr. Etwas seltsam wirkt dagegen die Möglichkeit, das iPhone per Watch als Überwachungskamera nutzen zu können. Man kann das iPhone in das Zimmer eines Kollegen legen und dann per Bluetooth sehen, was der tut. "Ist schon eine ungewöhnliche Funktion", meint dazu ein Sicherheitsexperte bei der Telekom, "aber ehrlicherweise sollten wir sehen, dass man wirklich nicht die Watch und das iPhone braucht, um Leute zu beobachten, dafür gibt es bei Ebay dutzende Geräte zur Raumüberwachung."

Weniger begeistert bin ich von den Gesundheitsfunktionen, von denen ich eigentlich am meisten erwartet hatte: Gut, die Apple Watch rechnet mir mit einer Grafik abends vor, wieviele Kalorien ich am Tag angeblich verbraucht habe – es waren angeblich 1235 Kalorien am Donnerstag. Aber die Pulsmessung fällt regelmäßig aus. Richtig ärgerlich ist, dass ich bisher keine vorinstallierte App gefunden habe, mit der ich die gesammelten Körperdaten auswerten kann – auch die "Health-App von Apple hilft nur wenig weiter.

Auch eher ernüchternd wirken die Möglichkeiten der Navigation: Gut, man findet tatsächlich auf der Apple Watch direkt den Ort, an dem man sich befindet – und indem man an der Krone dreht, kann man aus der Apple-Karte hinein und rausfahren. Aber es scheint so, dass Google Maps als ansich beste Navigation zumindest im Moment nicht auf der iWatch zu nutzen ist – aber ich vermute, da wird bald nachgerüstet.

Wie sieht es mit Nachrichtenkanälen aus? Die "Süddeutsche Zeitung" hat die Philosophie, dass man nur einen Mini-Text auf der Apple Watch sieht – und dann kann man markieren, den ganzen Text beim Öffnen der Schwester-App auf dem iPhone zu lesen. Besonders befriedigend ist das nicht – und es setzt ein systematisches Nutzen voraus. Die "FAZ" zeigt einen kleinen Text – immerhin. Insgesamt muss man sagen, dass die Watch Nachrichten nur ganz oberflächlich melden kann – wer sich wirklich informieren will, kommt um Smartphone, Tablet-PC oder eine "ganz normale Tageszeitung" nicht drum rum.

Was mich amüsiert: Gelegentlich ruft die Apple Watch mich auf, aufzustehen – irgendwie ganz lustig. Das Erreichen des täglichen Kalorienverbrauchs meldet sie mit einem Blink – auch amüsant.

Das Resümee? Für unterwegs oder in der U-Bahn kann die Apple Watch einem schon bei der Kommunikation helfen. Würde sie nur 100 oder 200 Euro kosten, wäre sie ein attraktives Assecoire für unterwegs. Gemessen am Nutzen ist der Preis von mindestens 399 Euro aber happig.

Wird die Apple-Watch trotzdem ein Erfolg? Wahrscheinlich teilweise, so schwer ist es nicht, einige Millionen Modegeräte zu hohen Preisen zu verkaufen. Indirekt wird die Apple Watch aber anderen Digital-Uhren helfen, deutlich mehr zu verkaufen. Denn Gesundheitsfunktionen und SMS auf eine Digital-Uhr gibt es auch bei anderen Anbietern wie Samsung.