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Kindle gegen Liro Color: Zwei E-Book-Reader im Test

Kindle gegen Liro Color : Zwei E-Book-Reader im Test

Die Zukunft des Lesens ist digital – wird seit geraumer Zeit behauptet. Die Verkaufszahlen in der Branche aber sprechen eine andere Sprache: Nach wie vor ist das gedruckte Buch tonangebend. Auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse testeten wir zwei E-Book-Reader.

Die Zukunft des Lesens ist digital — wird seit geraumer Zeit behauptet. Die Verkaufszahlen in der Branche aber sprechen eine andere Sprache: Nach wie vor ist das gedruckte Buch tonangebend. Auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse testeten wir zwei E-Book-Reader.

Vielleicht werden wir Buchmessen künftig als nostalgische Feste des analogen Lesens bezeichnen. Als letzte Huldigungen eines Mediums, das 500 Jahre den Ton angab und sich dann in Pixel aufgelöst hat. An die digitale Zukunft des Lesens glaubt jedenfalls die halbe Welt.

Manche geben forsche Prognosen ab, wie der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, nach dessen Überzeugung in sieben Jahren 80 Prozent aller Bücher elektronisch gelesen werden. Ähnliches glaubt auch die Mehrheit der Deutschen: 53 Prozent sind der Meinung, dass E-Books bald die Regel, nicht die Ausnahme sein werden.

Solche Vorschauen spiegeln die Verkaufszahlen zwar nicht wider, aber erstmals ist das Geschäft mit E-Books 2012 wahrnehmbar geworden: Ein Prozent macht sein Marktanteil jetzt am Branchenumsatz von 9,7 Milliarden Euro aus. Das klingt mickrig, ist aber ein Trend: So wuchs nach Berechnungen der Gesellschaft für Konsumforschung der E-Book-Markt 2011 mit 4,7 Millionen verkauften digitalen Büchern um 77 Prozent. Zahlen, die in die Zukunft weisen.

Lektüre der Gebrauchsanweisungen

Derzeit aber gehört man auf der Zugreise nach Leipzig inmitten der analog lesenden Mitfahrer noch zu den Exoten — mit zwei neuen E-Book-Readern, die wir zum Vergleich in Betrieb nehmen. Links der Kindle von Amazon, rechts der Liro Color von Trekstor. In literarischen Kategorien: Links lädt der aktuelle Bestseller von Jonas Jonasson zum Lesen ein (mit dem Speicherplatz-raubenden Titel "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"); rechts der Klassiker von Hans Fallada "Kleiner Mann — was nun?" von 1932.

Aber bevor die Lektüre beginnt, wird eine andere notwendig, nämlich die der Gebrauchsanweisungen. Und wer die beiden dicken Hefte sieht, zweifelt daran, dass die im Intercity Richtung Pleißestadt überhaupt zu bewältigen sein werden. Von wegen "Enjoy now", wie es der Umschlag verspricht.

Doch siehe da, die Anleitungen erklären den Reader in allen bekannten Sprachen der Welt, und was in Deutsch dann übrigbleibt, ist nicht nur überschaubar, sondern obendrein noch leicht verständlich. Bis Siegburg glauben wir, den Trekstor kapiert zu haben, bis Mannheim dann auch den Kindle. Es kommt — wie beim echten Lesen — darauf an, das Prinzip zu verstehen.

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Speicher satt

Und wer die Geräte zu nutzen beginnt, erfährt ihre Unterschiede, die noch auf dem Papier minimal zu sein schienen: Beide kosten 99 Euro, beide haben eine WLAN-Verbindung und beide haben eine Speicherkapazität von 2 Gigabyte; das soll, je nach Umfang der Werke, für 1400 bis 2000 E-Books reichen. Wem auch das nicht genügt, kann den Liro Color mit Speicherkarten aufrüsten, für den Kindle bietet Amazon für dort gekaufte Bücher unbegrenzten Speicherplatz in der Cloud an, so dasss man Bücher "auslagern" kann.

Doch schon beim Gewicht scheiden sich die Geister beider Lesegeräte: Der kleinere Kindle obsiegt mit 170 Gramm, der Liro Color wiegt 345 Gramm — so schwer wie ein Taschenbuch mit fast 500 Seiten. Bei einer mehrstündigen Lektüre ist das keine Kleinigkeit. Wir glaubten, die Gewichtsdifferenz bereits ab Erfurt zu spüren. Kindles Vorteil ist also: klein und schmal, leicht und handlich.

Lesbar sind beide Bildschirme exzellent, mit dem E-Ink-Display des Kindle und dem LCD-Schirm des Liro Color, der allerdings, seinem Namen Ehre machend, farbig ist und damit der Homepage wie auch dem Buchcover eine hochwertigere Anmutung gibt. Wichtiger aber ist die Bedienung. Und dabei kann das etwas umständliche Cursorpad vom Kindle mit der Zeit schon nerven.

Man spielt viel

Wie bei alten Telespielen muss man sich mit einem Balken über den Bildschirm bis zum gewünschten Befehl klicken, dann gibt es linker- und rechterhand des Pads noch kleine Knöpfe zur Aktivierung der Tastatur oder des Menüs. Und an der Längsseite des Bildschirms finden sich noch Tasten fürs Umblättern. Außerdem: Wer das Gerät dreht und den Text im Querformat lesen will, muss umständlich das Cursorspielchen spielen, um den Text anzupassen.

Da scheint der Liro Color — der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels angeboten wird und auf dem der jeweilige Buchhändler mit einem eigenen Webshop vertreten ist — technisch weiter zu sein. Er hat nämlich einen richtigen Touchscreen mit einer leicht verspielten Homepage.

Die zeigt ein Wohnzimmer mit allerlei Gegenständen, die aber die Pforten zu den Inhalten sind: Wer das Bücherregal antippt, gelangt zu den gespeicherten E-Books, wer die Lampe berührt, kann die Helligkeit des Displays regulieren, und wer das Notebook auf dem Tisch anpeilt, kommt ins Internet usw. Bis zum Bahnhof Weimar fanden wir das albern, nach einer zunehmenden Vertrautheit aber einfach und ganz nett.

Apropos nett: Wer jemals sacht übers iPad wischte und dabei in Windeseile alles Erdenkliche auf seinen Bildschirm zauberte, wird mit der Handhabung eines E-Readers kaum glücklich werden. Sehr resolut muss man drücken und sehr exakt, bis das Gerät ans Arbeiten kommt. Wer da zu nörgeln beginnt, sollte bedenken, dass ein iPad das Fünffache eines E-Readers kostet und bei einem Gewicht von 650 Gramm über eine längere Lesezeit schwer handhabbar ist.

Man spielt mit den Readern anfangs natürlich viel und liest erst einmal wenig. Doch die Ahnung wuchs mit jedem Bahnkilometer, dass zumindest auf Reisen die flachen Reader zum angenehmen Begleiter werden könnten.

Dann aber ist die Bahnfahrt zu Ende, Leipzig Hauptbahnhof, und für die Lektüre im Hotel soll es dann doch ein richtiges Buch sein. Auch wenn es jetzt arg nach Manifest klingt, aber im Gepäck fand sich das neue Werk von Wulf D. von Lucius "Das Glück der Bücher — Beiträge zur Buchästhetik". Gewicht gut 300 Gramm, farbiger Umschlag, zu blättern ausschließlich mit der Hand.

(RP/csr/felt)