Krisenkonzern setzt auf das Lumia 920: Nokia klammert sich an buntes Flaggschiff

Krisenkonzern setzt auf das Lumia 920 : Nokia klammert sich an buntes Flaggschiff

Die Kamera sei besser, die Karten informativer und das Gehäuse hochwertiger – mit dem neuen Lumia 920 geht der finnische Handyhersteller Nokia viele Versprechen ein. Nichts weniger als "das innovativste Smartphone der Welt" will Nokia gebaut haben.

Die Kamera sei besser, die Karten informativer und das Gehäuse hochwertiger — mit dem neuen Lumia 920 geht der finnische Handyhersteller Nokia viele Versprechen ein. Nichts weniger als "das innovativste Smartphone der Welt" will Nokia gebaut haben.

Trotz ihrer markigen Worte wirkte Nokia-Managerin Jo Harlow sichtlich nervös, als sie das Windows 8-Phone am Mittwoch in New York vorstellte. Kein Wunder: Das Lumia 920 ist aus Sicht vieler Marktbeobachter Nokias letzte Hoffnung auf dem Smartphone-Markt.

In einem früheren Zeitalter war der finnische Handy-Konzern einmal auf dem Handymarkt das Maß aller Dinge. Doch er verschlief die Smartphone-Revolution und die Anbindung an das Internet. Der Markt hat das Unternehmen brutal dafür bestraft.

Quartal für Quartal schreibt der Konzern hohe Verluste, die Aktie steckt tief im Keller fest, die großen Rating-Agenturen stuften die Bewertungen auf Ramsch-Niveau herab. Ein Ende ist nicht absehbar. Im ersten Quartal 2012 meldete das Management ein Minus von einer Milliarde, im zweiten von 1,4 Milliarden Euro.

Seitdem die Krise Nokia im Würgegriff hat, produzierte das Unternehmen Negativ-Schlagzeilen. Kündigungen, Standortschließungen, immer neue Minuszahlen. Anfang 2011 warf der neue Konzernchef Stephen Elop den vermeintlichen Rettungsanker: Eine Allianz mit Microsoft sollte die Wende bringen.

Der Konzern versuchte damit, auf dem Smartphone-Markt Fuß zu fassen. Künftig sollten Nokia-Handys mit dem Betriebssystem Windows Phone laufen. Das hat zwar ebenfalls auf dem Markt geschwächelt, bietet aber auch große Chancen, etwa die Verknüpfung mit PC-Software. Ende 2011 folgte der nächste Schritt: Mit der Smartphone-Reihe Lumia kam ein neuer Hoffnungsträger auf den Markt.

Bisher hat die Umstellung die Erwartungen noch nicht so recht erfüllen können. Der Absatz der Computer-Handys fiel zuletzt um 39 Prozent auf 10,2 Millionen Geräte. Immerhin vier Millionen Lumia- Smartphones gingen dabei über den Ladentisch — doppelt so viele wie im ersten Quartal.

Doch ein Vergleich mit der Konkurrenz offenbart, wie dürftig diese kleinen Erfolge aus Sicht des Konzerns ausfallen: Die Marktführer Samsung und Apple bringen innerhalb von drei Monaten regelmäßig 35 bis 40 Millionen Smartphones an die Kundschaft.

Das neue Lumia 920 und dessen günstigere Variante, das Lumia 820, sollen das nun ändern und zwar bitteschön noch in diesem Weihnachtsgeschäft. Die Modelle können sich durchaus sehen lassen. Beide Smartphones verfügen über eine hochempfindliche Kamera, eine langlebige Batterie sowie ein hochauflösendes Display. Zudem können sie drahtlos aufgeladen werden.

Nokia setzt dabei bewusst auf Alleinstellungsmerkmale. Die neuen Modelle sollen sich abheben und kommen daher in knalligen Farben auf den Markt, beispielsweise mit gelbem oder rotem Gehäuse. Sie seien damit Teil der Strategie des Unternehmens, Alternativen zu anderen bisher "gesichtslos schwarzen und grauen" Modellen anzubieten, sagte Konzernchef Stephen Elop bei der Vorstellung am Mittwoch.

Vor allem mit der Kameratechnik dürfte Nokia punkten. Hinter dem Titel "PureView" verbirgt sich eine 8,7-Megapixel-Kamera mit verbauter Bildstabilisation, die scharfe Aufnahmen auch bei wenig Licht ermöglichen soll. Ebenfalls neu: das Programm "City Lens". Wer mit seiner Kamera einen Straßenzug betrachtet, erhält Informationen zu Geschäften und Restaurants.

Der Rest des Lumia 920 ist Standard für die gehobene Smartphone-Klasse: Das 4,5 Zoll große Display (1280 x 768 Pixel) wird von einem 1,5 Gigahertz Zweikern-Prozessor und ein Gigabyte Arbeitsspeicher angetrieben. Für Fotos und Videos steht ein 32 Gigabyte-Speicher zur Verfügung, der nicht erweitert werden kann. Die mit Windows 8 betriebenen Smartphones soll im nächsten Quartal in den Handel gehen. Vor allem die Umsätze im Weihnachtsgeschäft sollen dem notleidenden Konzern Luft zum Atmen verschaffen.

Doch das Vertrauen in den Erfolg der neuen Nokia-Modelle ist an den Märkten verschwindend gering. Wie weit Nokia sich aus Sicht von Analysten inzwischen von den Anforderungen des Smartphone-Marktes entfernt hat, wurde noch am selben Abend bei den Anlegern deutlich: Während Nokia-Chef Stephen Elop das Smartphone in die Kameras der Fotografen hielt, fiel der Aktienkurs des Unternehmens um bis zu 15 Prozent.

Analysten führten den Absturz vor allem auf das mit Spannung erwarteten neue iPhone von Apple zurück. Es soll vermutlich am nächsten Mittwoch vorgestellt werden. Es gebe auch bei einem "guten Produkt" derzeit "kein Interesse" für Nokia, zitierte die Wirtschafts-Nachrichtenagentur Dow Jones Newswire einen Analysten. "Wir warten alle auf das iPhone".

Hier geht es zur Bilderstrecke: Nokias neues Smartphone: Das kann das Lumia 920

(RP/pst/csi/ac)
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