"Musikpiraterie": Bundesweite Großrazzia - <br>3.500 Internet-User angezeigt

"Musikpiraterie" : Bundesweite Großrazzia - <br>3.500 Internet-User angezeigt

Köln (rpo). Mit einer bisher einzigartigen bundesweiten Großrazzia nimmt der Kampf der Musikindustrie gegen Raubkopierer eine für Deutschland neue Härte an. Monatelang waren fast 40.000 Internet-Adressen beobachtet worden. Dienstagmorgen wurden 130 Wohnungen durchsucht, 3.500 Internet-User aller Schichten und Altersklassen gerieten ins Fadenkreuz der Ermittlungen.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Köln erstattete die Musikindustrie Strafanzeige gegen mehr als 3.500 Nutzer der Tauschbörse "eDonkey". Sie müssen mit wegen Verletzung des Urheberrechts mit Geldstrafen oder Haft bis zu drei Jahren, ferner mit Schadenersatzforderungen bis zu 15.000 Euro rechnen.

Seit zwei Monaten hätten die Ermittler einen Computerserver im Raum Hürth beobachtet und dessen Nutzung protokolliert, berichtete Staatsanwalt Jürgen Krautkremer. Nach Angaben des internationalen Musikindustrieverbandes IFPI wurde dafür eine eigens entwickelte und weltweit einmalige Software verwendet. Der Server, dessen Betreibern selbst keine strafrechtlichen Vorwürfe gemacht würden, sei in das internationale Filesharing-Netzwerk "eDonkey" eingebunden gewesen.

Durch die Auswertung von fast 40.000 Internetadressen identifizierten die Ermittler mit Hilfe der Internetanbieter mehr als 3.500 Nutzer und konnten auch feststellen, wie viele Dateien von jedem zum kostenlosen, aber illegalen Tausch bereit gehalten wurden. Bis zu 8.000 Musiktitel hätten einige der Tauschbörsennutzer angeboten.

Bei Nutzern, die mehr als 500 Titel bereitgestellt hätten, seien am Dienstag seit 08.00 Uhr Räume durchsucht und Beweismittel sowie mindestens 100 PC sichergestellt worden, berichtete Krautkremer. Es handele sich bei den Verdächtigen nicht etwa vorwiegend um Jugendliche. Vielmehr seien fast alle Altersgruppen entsprechend dem Bevölkerungsdurchschnitt vertreten. Festnahmen gab es nicht.

Die Funde würden in den nächsten Wochen ausgewertet, erklärte Rainer Kaliske von der Kriminalpolizei in Hürth. Es sei zu erwarten, dass neben Musik auch andere illegale Waren wie Filme, Software und auch Kinderpornografie gefunden würden, "eben alles, was über solche Börsen getauscht wird".

Branche setzt seit 2004 auf Abschreckungsstrategie

Die Musikindustrie geht seit 2004 massiv gegen illegale Musikangebote im Internet vor. Durch sie sei gerade für die deutsche Musikbranche in den vergangenen Jahren ein katastrophaler Schaden entstanden, erklärte der Vorsitzende des in London ansässigen Verbandes IFPI (International Federation of the Phonographic Industry), John Kennedy. "Wenn Musik gestohlen wird, fehlt das Geld, in neue Künstler zu investieren." Da Mahnungen und Hinweise auf legale Internetangebote wie "iTunes" oder "musicload" nicht gefruchtet hätten, seien nun abschreckende Maßnahmen nötig.

In Deutschland sei der Umsatz der Musikindustrie von drei Milliarden Euro noch im Jahr 1999 auf 1,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gesunken, berichtete der Geschäftsführer der deutschen IFPI-Landesgruppe, Peter Zombik. Die Zahl der Arbeitsplätze habe sich von 14.000 auf knapp über 9.000 verringert.

Zwar gebe es für die Einbußen auch andere Ursachen, als Hauptverantwortliche sehe die Industrie aber die Musikpiraterie, betonte Zombik. Im vergangenen Jahr seien rund 415 Millionen Titel illegal aus Filesharing-Netzen heruntergeladen worden. Im gleichen Zeitraum seien aber nur etwa 20 Millionen Titel aus legalen Internetangeboten gekauft worden.

Seit Frühjahr 2004 habe IFPI in Deutschland bereits rund 4.000 Strafanträge gegen Musikpiraten im Internet gestellt, berichtete Zombik. Etwas 1.000 Verfahren seien inzwischen zivilrechtlich abgeschlossen. Die Schadenersatzforderungen bewegten sich zwischen etwa 2.000 Euro und 15.000 Euro, gegebenenfalls auch mehr oder weniger. Im Durchschnitt liege der Schadenersatz bei rund 3.000 Euro.

(ap)
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