Kolumne Netzentdecker: Hajo Schumacher über Rezo und das CDU-Video

Kolumne Netzentdecker : Rezo zeigt mit seinem Youtube-Clip der Politik die Grenzen auf

Fernsehen, Plakate, Duelle? Frech, mutig und wütend mischt der Youtuber Rezo den EU-Wahlkampf auf. Die jungen, digitalen Meinungsmacher dokumentieren den Kontrollverlust von Politik und klassischen Medien.

Der junge Mann ist genau so, wie wir Eltern uns den Nachwuchs wünschen: Master in Informatik an der TU Dortmund und auch sonst sehr fleißig. Er hat auf Feiern und Kino verzichtet, neben dem Studium bis zu vierzig Stunden die Woche gerackert und sogar die Rücklagen für den Führerschein investiert, um sein Start-up aufzubauen. Sehr hübsch Gitarre spielt er auch. Na ja, die blauen Haare müssten nicht unbedingt sein. Aber seit Gerhard Schröder und Sascha Lobo ist ein Schuss Farbe auch kein großes Ding mehr.

Rezo heißt er, ist 26 Jahre alt, Youtuber und seit dieser Woche das erste große Thema der Europawahl. Rezos Video mit dem leicht zugespitzten Titel „Die Zerstörung der CDU“ hatte am Donnerstag vor der Wahl dreimal so viele Zuschauer wie das TV-Duell zwischen Europas Spitzenkandidaten Manfred Weber und Frans Timmermans. Mit Jux? Nein, Rezo hat über 55 Minuten ein ernsthaftes Kommentar- und Erklärsolo hingelegt, treffsicherer als Dieter Nuhr, mit mehr Fußnoten als manche Politikerdissertation, bei Fakten- und Perspektivenschwäche mit Talk-Auftritten von Politikern oder Leitartikeln meiner Branche zu vergleichen. Eine Stunde Kommentar? Für klassische Medien ein Stück unsendbarer Sperrigkeit – die Quote.

„Kennst Du diesen Rezo?“, fragte ich meinen vierzehnjährigen Sohn. „Klar“, sagt er. Ich fühle mich ein wenig ungebildet. „Hast Du das CDU-Video gesehen?“, frage ich. „Nicht ganz, aber so dreißig Minuten“, antwortet er. Ich stutze. Eine halbe Stunde politischer Information? Am Stück, ohne Albernheiten, ohne Fortnite? „Ja“, sagt er.

Wer gehässig über Rezo und seinen Job als Influencer redet, hält auch Schülerdemos für überbewertet und die ganze digitale Dynamik. Ich gestehe, ich neige bisweilen zu dieser onkeligen Haltung, analog, arrogant und vermutlich auch angstvoll. Was passiert da: Greta, Kevin, Rezo – droht eine Revolution aus den Kinderzimmern? Wieso hört keiner mehr auf Sigmund Gottlieb? Und dazu der Neid: Diese Klickmillionen hätte ich auch mal gern.

Die Wahrheit ist: Rezo hat Medien und Politik ratzfatz ihre Hasenfüßigkeit und Hybris und Hinterzimmerkungelei um die Ohren gehauen. Das kurz zuvor veröffentlichte Ibiza-Video bestätigt ja nicht nur einen Verdacht gegen Österreichs Rechte, sondern gegen die gesamte politische Klasse, die bisweilen anders redet als sie handelt.

Statt Probleme und Lösungen zu präsentieren, wollten die Parteien mit millionenschweren Kampagnen und sinnfreien Slogans wie „stark“ und „gemeinsam“ und ein bisschen Frieden das Land in politischen Tiefschlaf versetzen, getreu der Strategie von der „asymmetrischen Mobilisierung“, derzufolge das Ergebnis bei der Europawahl irgendwie klargeht, wenn keine Aufreger durchs Land donnern, die wiederum die Radikalen zur Wahl treiben.

In diese dröhnende Leere stieß Rezo, der in Wuppertal wohnt oder Aachen, man weiß es nicht, egal, Hauptsache NRW. Ausgerechnet zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes nutzt der junge Mann seine Meinungsfreiheit. Rezo ist kein Mitmacher in den Machtzirkeln, also glaubwürdig, alles andere als dumm, dafür wütend, so wie alle. Amthor, Ziemiak, AKK? Tagelang fanden weder Partei-Strategen noch geheuerte Agenturen eine Antwort; Rezo hatte im Alleingang einer gewaltigen Maschinerie die Grenzen aufgezeigt, so wie Kevin Kühnert seiner SPD und Greta Thunberg der ganzen Welt. Und sie machen einen gemeinsamen Punkt: Ob Klima, Wohlstand, Europa – Ihr da oben bekommt es nicht hin.

Ist wohl an der Zeit, die neuen Kanäle, Stile und vor allem Botschaften ernst zu nehmen. Oder wollen wir sein wie unsere Eltern, die bei Jimi Hendrix und Eric Burdon von „Hippie-Musik“ redeten, Strom-Gitarren verdammten und tapfer weiter Ernst Mosch hörten während draußen die Realität vorbeizog?

Hajo Schumacher ist freier Journalist und schreibt für die Rheinische Post in der Kolumne Netzentdecker.

Mehr zum Thema finden Sie auf www.netzentdecker.de.

Mehr von RP ONLINE