Kolumne Netzentdecker: Hajo Schumacher macht sich mit Twitch vertraut

Kolumne Netzentdecker : „Lasst ihn baumeln!“

Gronkh? Montanablack? Sind Superstars. Nicht im Fernsehen, aber in den Kinderzimmern der Welt. Höchste Zeit, sich mit Twitch vertraut zu machen. Denn dort chillen unsere Kinder.

Schon mal von Montanablack gehört? Bürgerlich heißt er Marcel Eris, stammt aus Buxtehude, ist 31, trägt Tattoos im Gesicht, guckt ein wenig böse und ist mutmaßlich Millionär. Mit seiner Biografie Vom Junkie zum YouTuber steht er gleich hinter Dirk Nowitzki und Michelle Obama in den Bestellerlisten, vor Elon Musk, Jürgen Klopp und Steve Jobs. Der Kerl ist aggressiv, ein Dieter Bohlen der Gamer-Szene, der früher die Nase zu tief ins Kokain steckte und heute Millionen Fans hat, weil er sein eigenes Spielen live und gröbstens kommentiert; über seine Website verkauft er jede Menge Klamotten, wirbt für Mercedes und Nike, lacht über Anzeigen wegen Beleidigung und verabschiedet sich mit einem „Lasst ihn baumeln!“ Es schmerzt, dass unser Nachwuchs Montanablack für weniger peinlich hält als die eigenen Eltern.

Simon, mein Nachhilfelehrer in Computerspielen, findet „Monte“ leicht unappetitlich. Aber beide bewegen sich im selben Metier. Sie übertragen ihr Spielen auf www.twitch.tv, dem digitalen Rummelplatz. Hier kann jeder seinen eigenen Kanal eröffnen, die Luschen neben den Promis wie Altmeister Gronkh, 42. Jedes Humor-Level, jeder Härtegrad findet seine Anhänger. Früher wollten unsere Jungs Fußballprofi werden, heute Berufszocker. Bundesligisten wie Schalke 04 und Hertha BSC bauen konsequenterweise ihre E-Sport-Teams auf.

Unter dem Pseudonym „wisegui“ hat Simon über 400 Fans gesammelt, die ihm bereits mehrere tausend Euro gespendet haben. Wer eine gute Zeit hatte, lässt ein paar Euro springen, wie beim Straßenmusiker. Simon rückt das spendenfinanzierte Mikro zurecht und begrüßt seine Anhänger: Keine Ahnung, wer sich hinter „RorschachTV“ verbirgt, hinter „GuteNudelsuppe“ oder Xunan-LoL“. Manche schauen von der Arbeit aus, andere von daheim. Die Leute schalten sich zu, verschwinden, kommen wieder. Sie haben gehört, dass Simon betreutes Zocken anbietet.

Ich darf auf seinem Kanal eine Runde spielen. Das verspricht keine virtuosen Partien, aber den Spaß, einen älteren Herrn vor jedes erdenkliche Hindernis brettern zu sehen. Ich bin ein lausiger Computerspieler. Bis heute weiß ich nicht, was die Symbole auf dem Controller bedeuten, dieser rennwagenlenkradförmigen Fernsteuerung. Die Zuschauer spotten, lachen, spenden. Der Ton wird nie eklig. Faszinierend, wie rasch im Kreis von zwei Dutzend Unbekannten eine entspannte Atmosphäre wächst: Plaudern, Juxen, surreale Spielszenen begucken – genauso wie früher vor der Sportschau.

Wohl nirgendwo wird der Generationengraben deutlicher als beim Spielen. Auf der einen Seite meine Generation Brettspiel, gegenüber alle ab 1975 Geborenen, die Nintendos Donkey Kong kennen, Super Mario oder Game Boy, die meinesgleichen für verblödend hielt. Wie konnte man nur in einen Bildschirm starren? Wir dagegen hatten Fernsehen und Bier.

Simons Mutter verzweifelt milde, wenn der Junge eine seiner legendären 24-Stunden-Challenges live im Internet überträgt. Manchmal schaut sie auch zu und macht zunehmend kompetentere Kommentare. Simons Spiel ist das Lagerfeuer; alle sitzen drum herum, starren ins Gewimmel der Flammen, quatschen, schweigen, loben, lästern, mal über Politik, mal über Greta, mal über Fußball oder Simons beträchtlichen Cola-Konsum.

Manche seiner Fans stammen aus der Nachbarschaft, andere hat Simon nie getroffen. Aber er kennt und schätzt sie trotzdem, so wie sie ihn. Digitale Freundschaften seien keine richtigen, heißt es in meiner Generation bisweilen etwas hochmütig, weil wir diese Form des Miteinanders nie gelernt haben. Nach einer Stunde an Simons Seite habe ich das Gefühl, die anderen vielleicht nicht von Angesicht zu kennen, aber durchaus zu mögen. Wer die sozialen Energien kapieren will, die unsere Kinder am digitalen Miteinander faszinieren, kommt nicht umhin, sich einfach mal daneben zu hocken.

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