Hajo Schumacher: So ist der Job des Klickworkers

Kolumne „Netzentdecker“ : Lord of the Likes

Liken für Geld? Prima Sache. Unser Kolumnist hat sich als Klickworker verdingt, für zwei Cent pro Like. Ziemlich mühsam, diese digitalen Jobs.

Bitte nicht stören. Ich bin bei der Arbeit. Ich like soeben ein Portal für Wohnmobile, ein Nagelstudio in Charlottenburg, einen unterirdischen Bierkühler, Pferdefutter und eine Hundepension. Die ersten zehn Cent sind verdient. In etwa drei Minuten. Würde ich in diesem Tempo weiterliken, käme ich auf zwei Euro Stundenlohn. Aber ich darf nur 15 Likes die Stunde vergeben, sonst wird Facebook stutzig. Macht 30 Cent, in der Stunde. Für Klickarbeit gilt kein Mindestlohn.

Ich orientiere mich derzeit beruflich Richtung digital. Es ist mühsam. Aber alternativlos. Wenn wallender Nebel den Herbst ankündigt und die Melancholie eine weitere Sinnkrise, dann frage ich mich, wie alles mal werden soll, vor allem im Job. Wenn ich den Kindern von meiner Ausbildung erzähle, mit Schreibmaschine, Bleistift und filterlosen Zigaretten, dann gucken sie mich verständnislos an wie wir früher unseren Opa, wenn er vom Krieg berichtete. Sie haben ja recht. Aber: Mit der Schreiberei werde ich kaum irgendein Rentenalter erreichen. Alle gucken Filmchen, hören Podcasts, keiner liest mehr. Ich muss das Analoge überwinden.

Unlängst hatte ich testhalber Likes im Netz erworben, ganz legal. Digitales Gemochtwerden kann man kaufen. Aber wenn Likes verscheuert werden, müssen sie irgendwoher kommen. Geld für Likes, das wär´s. Ich kann fehlerfrei surfen, ich kann virtuos klicken, ich kann stundenlang Zeit im Netz verplempern – damit bin ich schon mal top qualifiziert. So begann meine Karriere als Lord of the Likes.

Die Stunde ist rum, ich kann weiterliken: Foodtruck aus Berlin, zwei Techno-DJs, Football-Klub, Wodka, Traumhotelplattform. Wenn mir ein Angebot nicht passt, kann ich den Like verweigern, so wie bei den Briefmarkensammlern, die eher identitär klingen, den Anlageberatern, die ein scharfer Hauch von Cum-Ex umweht oder diesem österreichischen Motorradportal, wo man das Befolgen von Verkehrsregeln offenbar für Charakterschwäche hält. Wieder 30 Cent verdient.

Es hatte exakt 90 Sekunden gedauert, um mich mit einem nicht ganz lupenreinen Facebook-Profil anzumelden. Ich bekomme 50 Cent Willkommensbonus, damit ich nicht bei Null anfangen muss. Ausgezahlt wird erst ab fünf Euro. Kurz vor Weihnachten dürfte es soweit sein. Ich kann YouTube-Videos mögen, Instagram-Herzchen vergeben oder eben Facebook-Likes. Minimal bringt ein Like zwei, maximal sechs Cent. Leider darf ich nur 45 Likes am Tag vergeben. Die sozialen Netzwerke haben Warnmechanismen, die Maschinen-Liken verhindern, aber kommerzielle Abwürfe wie meine ermöglichen. Facebook hat nichts gegen Likes, egal woher und warum. Jede Aktivität ist gute Aktivität, denn sie simuliert Action, auch wenn auf vielen Seiten eher Friedhof ist. Das Geschäft mit den gefakten Likes nutzt allen: Den Jungs aus dem Silicon Valley für den Börsenkurs, den Kunden, die Beliebtheit vorgaukeln, und natürlich den Agenturen, die mit Like-Handel verdienen.

Sorry, gleich geht´s weiter. Muss nur rasch liken. Eine Kite-Schule, Grundrechte von Menschenaffen, Imagefilm Lausitz, Raucherentwöhnung Saarland, ein Kaufhaus, dass schon eine Viertelmillion Fans hat, bestimmt alle echt.

Mein „Arbeitgeber“ heißt PaidLikes, sitzt in Magdeburg und greift zurück auf etwa 30.000 Liker wie mich, die insgesamt 13 Millionen nach meinem Empfinden nicht ganz astreine Likes verteilt haben. PaidLikes gehört zur REDmedia GmbH (Motto: „Wir sind Verkäufer“), einer Agentur, die auch Facebook-Werbung für Unternehmen anbietet.

Mein „Arbeitgeber“ PaidLikes hat bei Facebook übrigens nur 49 Sympathiebekundungen. Läuft wohl auch ohne.