Buchmesse: Mein liebes, liebes Tagebuch

Buchmesse : Mein liebes, liebes Tagebuch

Düsseldorf (RPO). Allerlei Notizen vom Rande der Frankfurter Buchmesse – unser Redakteur hat Tagebuch geschrieben und berichtet von der Allgegenwart Roger Willemsens, dem verzweifelten Versuch, ein Interview mit dem Buchpreisträger zu bekommen und Papierbahnen, die von der Decke hängen.

Düsseldorf (RPO). Allerlei Notizen vom Rande der Frankfurter Buchmesse — unser Redakteur hat Tagebuch geschrieben und berichtet von der Allgegenwart Roger Willemsens, dem verzweifelten Versuch, ein Interview mit dem Buchpreisträger zu bekommen und Papierbahnen, die von der Decke hängen.

Wie alles beginnt

Schon Mist! Wenn das Pressezentrum plötzlich nicht mehr da ist, wo es die vergangenen 20 Jahre verlässlich gestanden hat, ist das ein ziemlich schlechter Start in die Buchmesse dieses Jahres. Ich weiß schon, dass kein Journalist jemals über seine Arbeitsbedingungen schreiben sollte (alles nebensächlich), doch einem Tagebuch darf man dieses Leid und Unbehagen heimlich, still und leise ruhig einmal anvertrauen. Also latsche ich wieder den ganzen Weg zur Halle 3 zurück, beschwere mich am nächstbesten Info-Schalter, die Dame verweist indes auf die großen Hinweisschilder über unseren Köpfen (die wirklich sehr groß sind und die ich natürlich nicht beachtet habe) und lächelt meinen Unmut einfach weg. Unverschämtheit!

Unser neues Pressezentrum ist so ein pompöses Architektur-Ufo, das Audi von der IAA noch stehen gelassen hat und mit dem die Buchbranche jetzt ihre Zukunftsfähigkeit beweisen will. Darum heißt die Reihe der Podiumsrunden hier auch "Open Talks", der Veranstaltungsraum "Open Spaces", und ein Thema, das mich nachhaltig beschäftigt: "Content in a new currency". Das beste aber: Es gibt etwa 60 Arbeitsplätze für ein paar hundert Journalisten, W-Lan ist gerade ausgefallen, heißt es gleich am Anfang, aber dafür ist alles blitzblank. Außerdem rattern meterlange Papierbahnen von der Decke; sie schlängeln sich aus 132 Thermodruckern zu uns herunter, die der Künstler Christopher P. Baker mit Buchmessen-Nachrichten aus Twitter füttert. Ha, erwischt! Denn die Botschaft der Installation ist somit eine ziemlich konservative — wenn alle elektronischen Botschaften sich ins Papier zurückverwandeln müssen, um les- und nutzbar zu werden. So gehe ich ein klein wenig gelassener in den Tag.

Der erste Tag

Auf der Messe gibt es immer etwas zu tun: Kaffeetrinken mit Verlegern, Kaffetrinken mit Kollegen, Kaffeetrinken mit Autoren und Kaffeetrinken alleine. Gelegentlich muss dabei auch ein Artikel herausspringen. Mein erste Informantin in dieser Absicht: Krimi-Megaseller-Autorin Patricia Cornwell, steinreich und Amerikanerin, die natürlich nicht zur Messe kommt, sondern mich im Frankfurter Hof empfängt — dem Feinsten, was die Stadt zu bieten hat. Ich soll in die Bücher-Lounge gehen und warten, heißt es, und mich würde es nicht wundern, wenn man diese eigens für Cornwell eingerichtet hätte. Bedienen Sie sich bitte an der Bar selbst, sagt mir so ein Kleiderschrank, von dem ich nicht weiß, ob das nun der Manager oder ein Bodyguard ist. Auf jeden Fall bin ich bemüht, mich unauffällig zu verhalten. Dann tritt die Königin ein, sie ist ganz reizend, weiß alle Antworten und vor allem auch, worauf es bei einem Interview ankommt. Wir lächeln einander zu, geben uns die Hand, jeder bedankt sich (wofür eigentlich?) und jeder entschwindet: sie in ihre Suite, ich — sehr frei nach Storm — zurück in die raue Stadt am Main.

Am Nachmittag

Ich will ja wirklich nicht meckern, aber das Pressezentrum ist wirklich doof, unübersichtlich, es zieht wie Hechtsuppe und ich nehme an, dass unter den Kollegen aus aller Welt bis zum Ende der Messe ein paar Todesfälle zu beklagen sein werden. Vor allem sitzen alle ganz eng beieinander. Da ist zum Beispiel der nette Kollege von El Mundo am Nebenplatz, der, wenn er mit seiner Redaktion in Madrid telefoniert (und das macht er eigentlich ständig), sich so gebärdet, als würde er gerade mit seiner lieben Rosa daheim sprechen, die dabei ist, mit den drei gemeinsamen Kindern die noch nicht abbezahlte Wohnung zu verlassen, um für immer wieder bei Mama einzuziehen. Und obwohl wir kein Wort verstehen (was ist, wenn er wirklich mit Rosa spricht?), hören wir diesen flehenden, erbosten, schmeichelnden und witzelnden Worten des Kollegen stets mit großer Anteilnahme zu. Auch so vergeht die Zeit.

Am Abend

Ach ja, mein liebes Tagebuch, auch die Abende seien dir anvertraut, wenn die Messehallen zugesperrt sind und die Security auf dem riesigen Gelände einsam ihre Runden zieht. Dann erwacht das Büchervolk zu einem etwas anderen, nennen wir es ruhig: übermütigen Leben. Es beginn dezent, erneut im Frankfurter Hof, in dem jetzt Peer Steinbrück und Ulrich Wickert sich im Gespräch bemühen, das neue Wickert-Buch über Ethik in der Wirtschaft an Mann und Frau zu bringen. Der Politiker befragt den Journalisten, der Journalist gibt sich weise, das ist so ein Spielchen, das beide gerne und gekonnt spielen. Und bald ist es auch schon ausgespielt, denn die Köche rumoren hinten am Buffet. Interessant: Diesmal wird ein Zweigelt angeboten, eine eher seltene Traube, aber angenehm fruchtig, unaufdringlich und ein schöner Begleiter zum Essen. Peer Steinbrück erwischen wir mit einem Haufen Fleischbällchen auf seinem Teller, und es scheint, als wolle er noch etwas sehr Wichtiges sagen — vielleicht ja die definitive Antwort auf die K-Frage. Ich bin aber leider kein politischer Redakteur, außerdem wartet Rowohlt.

Die Messepartys der Reinbecker sind legendär, auf der früher nicht nur vom literarischen Erfolg berauschte Nachwuchskräfte deutscher Dichtkunst von Sicherheitskräften entfernt werden mussten, da sie schwer randalierten. Die Namen tun nichts zur Sache, aber einer von ihnen war Christian Kracht. Daran denkt man immer wieder gern zurück und steht plötzlich schon vor dem Café der Schirnkunsthalle sowie vor Rowohlts Sprecherin, die traditionell eine Art Hüterin der Pforte zu allen Verlagsautoren ist.

- Kommt Eugen Ruge heute auch?

- Nein.

- Wie: Nein? Der Träger des diesjährigen Deutschen Buchpreises, Ihr Star und Goldesel also, erscheint nicht zum Rowohlt-Messefest?!?

- Doch, natürlich kommt er.

- Aber haben Sie nicht gerade Nein gesagt?

- Stimmt. Aber dieses Nein gehörte schon zu Ihrer nächsten Frage.

- Und die wäre?

- Ob Ruge noch irgendwelche Interviews gibt.

Ein klein-bisschen beleidigt gehe ich einfach ins Café zur Party, wobei jedem Gast (welch schöne nostalgische Erinnerung an frühere Jugendzentrums-Zeiten) der Handrücken abgestempelt wird. Ich beschließe, heute Abend einfach auf Promi-Jagd zu gehen und treffe an der Theke auf eine Kollegin vom Südwestrundfunk, die gerade auf Promi-Jagd ist. Wir beschließen spontan, einfach am Ausschank stehenzubleiben und an diesem Abend nur die zu registrieren, die an uns vorbeikommen. Und das ist in dieser Reihenfolge: Harry Rowohlt, Martin Mosebach, Jan Weiler, Harry Rowohlt, ein Kellner mit einem Tablett voller Hähnchenfilet auf Pesto-Kartoffelsalat, Ranga Yogeshwar, Harry Rowohlt, eine Kellnerin mit niedlichen Pizza-Ecken, Harry Rowohlt, Harry Rowohlt. Im dicksten Getümmel weiter hinten hält jetzt ein Fernsehmann seine Kamera übertrieben weit nach oben und filmt fast gerade herunter. Wir haben keine Lust aufzustehen und nachzuschauen, beschließen daher einstimmig, dass da wohl Eugen Ruge steht (das ist der, der keine Interviews mehr gibt).

Und dann steht der Berliner Kabarettist Florian Schroeder bei uns und sagt: "Schröder", und ich sage das auch (Hihi), und dann sage ich noch Rheinische Post, und er schon wieder Hihi. Warum das jetzt? Weil die Rheinische Post doch aus Düsseldorf kommt, sagt er. Ja toll. Genau, und weil er demnächst wieder im Savoy auftreten wird. Nein, das gibt es doch nicht! Doch! Nein! Doch! Das ist jetzt wirklich toll, und darum wollen wir uns für seinen Auftritt auch noch was Tolles ausdenken.

Der Wein ist im übrigen erstklassig: Riesling aus dem Rheingau aus den Kellern eines angesagten Winzers vom Johannisberg. Da fällt mir schnell noch Heinrich Heine ein, der einmal über diesen seligen Ort sagte: Wenn Dichter jemals in die Lage kämen, Berge zu versetzen, so würde er den Johannisberg überallhin mitnehmen. Das ist dann auch der letzte Einfall an diesem Abend.

Am Tag danach

Der nächste Morgen beginnt etwas bemüht, aber ein doppelter Espresso schärft die wichtigsten Sinne. Was steht an? Jussi Adler-Olsen. Ein richtig netter Kerl, duzt einen sofort, wie es die Dänen eben machen, und er liefert dem Fotografen die Bilder, von denen der Fotograf immer schon geträumt hat. Zwölf Häuser hat er schon renoviert, sagt er, ein bisschen Medizin studiert, Aufsichtsräte in Deutschland geführt und noch manches mehr. Wie geht das eigentlich? Ist der jetzt ein Genie oder sind wir schlichtweg nur viel zu blöd? Fragen über Fragen. Jedenfalls ist der Mann wirklich selbstzufrieden, so gelassen, so glücklich und so reich, dass ich für einen kurzen Augenblick überlege, ihm mein geheimes Tagebuch einmal zu zeigen. Dann aber fällt mir ein, dass darin niemand umgebracht wird, verspreche aber, mich bei ihm zu melden.

Die Nachmittage sind besonders anstrengend, wenn an etlichen Verlagsständen — in fröhlicher Vorbereitung auf den nächsten Abend — zur Happy Hour gerufen wird. Immer nett: dtv; besonders kulinarisch geht es am Verlagsstand von Dr. Oetker zu, und die Isländer schenken in ihrem Pavillon Brennivin aus. Interessanterweise bin ich dem Getränk im Roman "Taxi 69 ab Station" von Indridi G. Thorsteinsson begegnet; fast alle Taxifahrer haben es getrunken. Ein Gläschen könnte also zur Literaturrecherche gerechnet werden. So schön die Theorie. Doch was sich dann die Kehle sehr langsam hinunterbrennt ist scharfer Kartoffelschnaps mit Kümmelgeschmack, auch "Schwarzer Tod" genannt. Ein Urteil kurz vor dem Erstickungstod. Sagenhaftes Island.

Nächster Abend

Wer die Buchbranche kennenlernen will, muss sie dort aufsuchen, wo sie ist: im überdachten Innenhof vom S. Fischer Verlag an der Hedderichstraße zum Beispiel — viel Small Talk, unheimlich voll, einfache, aber solide und leckere Schnittchen, dazu ein Silvaner aus der Pfalz; die Rede ist zwar nicht ganz mein Fall, aber der Wein ist ordentlich und ein angenehmer Begleiter in die Nacht — also: keine ganz große Erfüllung, aber wir sind ja (das sollte ein pflichtbewusster Journalist sich stets in Erinnerung rufen) ja zum Arbeiten hier. Im allgemeinen Durcheinander taucht zwischendurch Petra Roth auf, Katharina Hacker stützt den halben Abend einen Türpfosten, das eigentliche Phänomen aber ist Roger Willemsen, der am Vormittag in der Alten Oper noch mit dem Julius-Campe-Preis hinreichend geehrt wurde. Willemsen jedenfalls ist jetzt überall: im Innenhof unter dem Zeltdach und auf jeder Etage des Verlagshauses. Ich habe es an diesem Abend ausprobiert: Man kann die einzelnen Etagen noch so schnell hinauflaufen, immer steht Willemsen schon da, und meistens mit irgendeiner jungen und in den meisten Fällen auch blonden Frau: ein echter Preisträger!

Dann wird die Nacht aber noch viel, viel finsterer: Denn der Weg aller Unerschrockenen führt zurück ans andere Mainufer in den Velvet Club, den der Piper-Verlag für seine Gäste erst ab 22 Uhr öffnet. Eine steile Treppe führt hinab in die laute, erregte Tanzgrube. Hölle, Hölle, Hölle.

Vorletzter Tag

Strafe muss sein. Für die gestrige Geselligkeit muss der Körper büßen, und so werden nach dem Frühstück vorsätzlich die Treppen zum Zimmer genommen. Ich sage nur: sechste Etage. Danach ist alles wieder gut.

Mit zunehmender Dauer der Messe und abnehmender Kräfte ihrer Bewohner beginnt man zu begreifen, dass all diese Feste und Feiern, diese Begegnungen in und außerhalb der Hallen, eine Art Selbstvergewisserung der ganzen Branche ist. Aha, den gibt es also auch noch, und den und den auch. Umberto Eco hat sich ja gut gehalten! Ist das da der Ruge, der, der keine Interviews mehr gibt? Also die Nöstlinger hätte ich mir ganz anders vorgestellt. Karasek hat wieder etwas zugelegt, oder? Und gleich da vorne nimmt auf der Couch Alice Schwarzer Platz und klagt darüber, dass alle in der Frauenbewegung einst als Lesben beschimpft wurden, bevor sie überhaupt wussten, dass sie es waren. Und gleich danach tritt — oh, welch teuflische Dramaturgie! - Charlotte Roche auf gleicher Bühne auf und sagt auch etwas, wovon aber selbst mein kleines Tagebuch nichts wissen soll.

Und zwischendrin ein Kinofilm, Emmerlings neuestes Werk über den wahren Shakespeare. Wahnsinn! Also nicht der Film, sondern das komische Gefühl, am Vormittag im abgedunkelten Kinosaal einfach einen Spielfilm anzuschauen. Ein bisschen ist das wie Blaumachen.

Es gibt noch ruhigere Ecken auf der Messe mit so winzigen Kojen von Ein-Mann-Verlagen, bei denen man sich immer fragt: Wer kauft eigentlich diese Bücher? Und wie lässt sich dann davon halbwegs leben? Dagegen dann die Platzhirsche: notorisches Gedränge bei Suhrkamp, Hanser, Rowohlt und Diogenes; etwas bedrückend diesmal die Stimmung bei Eichborn: Das letzte Jahr ist der insolvente Kultverlag mit der Fliege dabei (der 2010 noch übermütig ein paar hundert Fliegen mit so klitzekleinen Werbezettelchen an den Beinen durch die Hallen fliegen ließ).

Und beim letzten Gang durch die Hallen kommen mir noch einmal die Worte der Literaturwissenschaftlerin Marion Schweler in den Sinn, die auf einem der Podien darüber klagte, dass besonders jene Menschen, die sich sehr mit ihren Produkten identifizierten, keine neue Ideen kommen könnten. Ein begeisterter Autobauer denke zwar darüber nach, wie das Auto besser und schöner und schneller und sparsamer werden könne; aber er würde doch immer nur ein Auto bauen, sagt sie. Und das sei in der Buchbranche genau dasselbe, sagt sie. Büchermacher versuchen immer schönere und spannendere und vielleicht auch sehr traurige und herzzerreißende Bücher zu veröffentlichen, sagt sie. Aber sie werden immer nur Bücher machen, sagt sie. Ein furchtbarer Gedanke, oder? Immer nur Bücher. Mann oh Mann. Wir sollten dies in Zeiten der Finanzkrise auf jeden Fall verschweigen, bevor diese Horrormeldung der Messe zu neuer Panik auf den Straßen der Republik führt.

Jawoll, das Wochenende

Am Wochenende ist das Messegelände für die Professionellen praktisch ein No-Go-Area: Denn jetzt dürfen alle rein, und man hat das Gefühl, dass auch alle kommen. Vor diesem Besucherandrang fliehen die Autoren, die Journalisten, die Verleger. Zurück bleiben an den Ständen lediglich die Wachhunde, die ein paar Prospekte rausrücken, aber die alten Kekse unter der Ladentheke verstecken und ansonsten bemüht sind, an ihrem Stand zu retten, was zu retten ist. Es ist aber nichts zu retten. Eigentlich wird ja so gut wie jedes Buch geklaut, glaubt man jedenfalls den verzweifelten Verantwortlichen, am Ende werden auch sämtliche Mitarbeiterinnen geraubt, die Messehallen abgerissen, der Rest geht in Flammen auf. Das Übliche also.

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