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Mit-Macher berichten: Wir sind Wikipedianer

Mit-Macher berichten : Wir sind Wikipedianer

Düsselorf (RPO). Täglich wächst die Zahl der Mitarbeiter des größten Online-Lexikons aller Zeiten. Schon jetzt bringen 40000 Bundesbürger unentgeltlich ihr Wissen ein. Wer sind sie? Was treibt sie an? Vier Macher berichten.

"Lyzzy" schreibt über Comiczeichner, "jha" fotografiert Kulturstätten, "Der Unfassbare" erklärt das Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum, und "Fossa" hat die Bandgeschichte der Sugababes verändert. Vier Namen, ein gemeinsames Hobby: Wikipedia, die Online-Enzyklopädie. Nie hat es eine größere gegeben, allein in Deutschland arbeiten 40000 Menschen in ihrer Freizeit daran. Unter ihnen gibt es einzelne schwarze Schafe, die mit falschen Angaben den Ruf des Lexikons beschädigen. Viele Macher aber stellen wie die Rheinländer Lyzzy, jha, Der Unfassbare und Fossa auf idealistische Weise Wissen bereit. Was treibt sie an?

"Wikipedia gibt Bestätigung", sagt Lyzzy, die im wahren Leben Alice Wiegand (41) heißt und als Systemadministratorin für die Stadt Meerbusch arbeitet. 2004 stieß sie zur Wiki-Gemeinde, weil sie im Internet biografische Daten über den Künstler Luc Tuymans suchte und kaum Informationen fand. Prompt schrieb sie einen Artikel für Wikipedia.

Dafür besuchte sie die Ausstellung des Belgiers im Düsseldorfer K21 und recherchierte in Kunst-Büchern. Seitdem hat Alice Wiegand viele Beiträge über Comic-Künstler wie Peter Bagge und Baru, über Berliner Brot und die Geschichte von Haus Meer verfasst. "Es geht nicht darum, Sternchen für besonderen Fleiß zu sammeln", sagt sie. Es zähle die Achtung der Wikipedianer, die für gute Texte Lob aussprechen.

Nutzer diskutieren

Das funktioniert intern über eine Artikeldiskussion, die hinter jeder Seite liegt. Darin können Nutzer einen Kommentar abgeben. Manche merken weltverbesserlich ein fehlendes Komma an, andere äußern aggressiv ihre Meinung zu Artikeln wie George W. Bush. Weil das so ist, "möchte man schon die erste Version eines Artikels perfekt machen", sagt Alice Wiegand. Einen gewissen Suchtcharakter gesteht sie ihrem Hobby zu. Sie fühlt sich angetrieben von der Idee, etwas Eigenes in den großen Wissens-Pool einzubringen und einen bleibenden Wert zu schaffen. Mindestens zwei Stunden täglich recherchiert die Beamtin dafür.

Ähnlich viel Zeit investiert Nutzer jha. Das ist Johann H. Addicks (35), Radio- und Fernsehtechniker. Der Düsseldorfer schreibt, redigiert und fotografiert für die Wiki-Gemeinde. "Alle Bilder auf den Seiten müssen lizenzfrei sein", erklärt er. Ein Artikel über Pisa etwa dürfe nicht mit Postkarten-Motiven vom Schiefen Turm bebildert werden. Die Fotos machen Addicks und andere selbst.

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Auch er wurde durch Zufall vom Wiki-Virus infiziert, als er nach Pflegetipps für einen geschenkten Glücks-Bambus suchte. Damals hatte Wikipedia keine, jetzt schon. Es sei schwierig gewesen, den richtigen Schreibstil zu finden, sagt Addicks. Seine ersten Texte hätten nach technischen Anleitungen geklungen, inzwischen sei er aber so auf Wikipedia getrimmt, "dass ich selbst E-Mails an Kollegen im Lexika-Stil schreibe", sagt er und lacht.

Wiki-Macher sind eine wissensdurstige und emsige Spezies Mensch. "Die Arbeit erweitert furchtbar das Allgemeinwissen", erklärt Florian Dreyer (18) alias "Der Unfassbare". Er ist Schüler des Krefelder Fichte-Gymnasiums und einer der jüngsten Macher. Florian hat lokale Artikel über Museen, Garküchen oder die Modenschau seiner Heimatstadt geschrieben. Wie Addicks stellt er auch Fotos ins Netz und bastelt Landkarten mit Photoshop.

Wikipedia-Stammtisch in Krefeld

Thomas Koenig (38), genannt Fossa, kann daran nicht teilnehmen. Er arbeitet zurzeit in England als Soziologie-Dozent an der Loughborough University. Als Wissenschaftler arbeitet er aus drei Gründen für Wikipedia: berufliches Interesse, Unterhaltung und Missionierungseifer. "Es stört mich, wenn Un- und Halbwahrheiten verbreitet werden", erklärt der Wissenschaftler. Seine Themen sind: Sekten, weil er darüber promoviert hat, Soziologie, ehemaliges Jugoslawien und Popmusik - sein Hobby.

König engagiert sich aber auch, weil er daraus Nutzen für die Soziologie ziehen will. Er plant Aufsätze über Wikipedia zu schreiben. "Das Thema ist in meinem Fach noch sehr unerforscht", sagt er.

(RP)