Wie Verschwörungstheoretiker die Google-Suche manipulieren

Wirre Bilder gegen CDU : Verschwörungs-Theoretiker fluten Google mit Wahl-Spam

Wer nach dem Termin zur Bundestagswahl 2017 bei einer Online-Suchmaschine sucht, findet neben relevanten Treffern auch viel Spam. Insbesondere die CDU wird gezielt diskreditiert, der Rechtsstaat wird in Frage gestellt. Dahinter steckt System.

Beim Suchmaschinenbetreiber Bing von Windows-Hersteller Microsoft findet man unter dem Suchbegriff "bundestagswahl 2017 termin" in der Bildersuche eine ganze Liste kruder Spam-Treffer. "Wähle niemals CDU!", heißt es auf den Bildern oder "Bundestagswahl 2017 CDU + SPD", darunter der Schriftzug "Verbrechen lohnt sich". Ähnliche Treffer gibt es bei Suchen zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Immer wieder ist auf den Bildern zu lesen: "Der Rechtsstaat ist nicht in Gefahr. Es hat ihn nie gegeben." Auch beim Suchmaschinen-Marktführer Google gibt es noch solche Treffer, allerdings nicht mehr so viele wie noch vor einigen Tagen.

Aufmerksamkeit bekam das Thema bereits Ende vergangener Woche durch einen Tweet des Medienjournalisten Stefan Niggemeier.

Dahinter steckt System. Grundlage für die verleumdenden und möglicherweise sogar verfassungsfeindlichen Spam-Treffer ist gezielte Suchmaschinenoptimierung. Technische Methoden, die auch ganz gewöhnliche Website-Betreiber einsetzen, um mit ihren Inhalten weiter nach oben in den Suchtreffern von Google und anderen Anbietern zu gelangen, werden hier ebenfalls angewendet.

Die Dateien der Bilder liegen bei Websites, die bewusst darauf optimiert wurden, beim Suchbegriff "Bundestagswahl" ganz oben in den Ergebnissen aufzutauchen. Schlagwörter wie "Bundestagswahl" oder "CDU" tauchen an allen Stellen der Website auf, von Überschriften bis hin zur Domain selbst. Gleichzeitig werden die Websites teils schon seit 2015 für Suchanfragen zum Begriff "Bundestagswahl 2017" optimiert — ebenfalls eine Eigenschaft, die eine gute Position in den Suchergebnissen beeinflusst.

Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die Spam-Treffer nicht mehr sehr lange in den Suchergebnissen stehen werden. Die Websites liefern keine echten Inhalte, Schlagwörter werden wirr aneinander gereiht, und viele Nutzer werden vermutlich nicht lange auf den Websites verweilen. So etwas strafen Suchmaschinenbetreiber für gewöhnlich ab, die Seiten verlieren ihre gute Position in den Treffern.

Ein Google-Sprecher teilte auf Anfrage unserer Redaktion zu dem konkreten Fall mit: "Google wurde mit dem Ziel gebaut, stets die bestmöglichen Suchergebnisse zu liefern, aber das gelingt uns nicht immer. Unser Team hat dieses Problem untersucht und festgestellt, dass einige der Seiten, die diese Bilder hosten, unsere Webmaster-Richtlinien verletzen." Man verbessere die Systeme ständig, um Nutzern die bestmöglichen Ergebnisse zu liefern. Und man nehme diese Angelegenheit sehr ernst, teilte der Sprecher weiter mit.

Doch wer steckt hinter diesen Manipulationen? Nach Recherchen unserer Redaktion sind es mindestens zwei Männer aus Bielefeld, die mit den Websites in Verbindung stehen. Auf sie sind zumindest Domains registriert, die immer wieder auf den Bildern zu lesen sind.

Einer der beiden Männer scheint sich selbst zum Umfeld der "Identitären Bewegung" zu zählen. Zumindest verlinkt er auf ihre Website. Die "Identitäre Bewegung" ist seit 2016 auch im Visier des Verfassungsschutzes. Sie hat französische Wurzeln und ist seit 2012 in Deutschland aktiv. Sie wendet sich gegen "Multikulti-Wahn", "unkontrollierte Massenzuwanderung" und den "Verlust der eigenen Identität". Es seien "Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" zu erkennen, sagte Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Im September führte unsere Redaktion bereits ein Interview mit dem deutschen Vorsitzenden der Bewegung.

Ob der Mann unter seinem richtigen Namen auftritt, lässt sich schwer nachprüfen. Folgt man den Spuren seines Namens, offenbart sich jedoch ein ganzer Mikrokosmos aus Verschwörungstheorien und gezielten Manipulationen. So bot er 2015 auf Facebook offenbar eine Software an, mit der er zehntausende Websites zu ebenso vielen Schlagwörtern automatisch erstellen könne. Bezahlung dafür wolle er nicht, nur einen Ort in London, an dem er schlafen und mit seinem Computer arbeiten könne.

Der Mann ist offenbar Kommentator auf diversen Nachrichtenseiten, betreibt einen Youtube-Kanal und bietet kostenlose Beratungen für Justizopfer an. Dabei gibt es scheinbar zahllose Seiten unter seinem Namen. Dort ist teils von "Vernichtungslagern" und "Todeslisten" in Deutschland die Rede. Zur Finanzierung seiner diversen Online-Auftritte nutzt er offenbar Provisionslinks auf Online-Shops. Angeboten werden hier auch Hieb- und Stichwaffen.

Der Mann wurde nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Bielefeld im Dezember 2016 wegen Verleumdung und Gewaltdarstellung zu einer Geldstrafe verurteilt. Dieses Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig, da der Verurteilte Berufung eingelegt habe.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz gab zum konkreten Fall keine Auskunft. Generell beobachte man solche Manipulationsversuche allerdings.

Mit Material von dpa.

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