Bei den Apple-Fans steigt das Fieber: Was das neue iPhone (vielleicht) kann

Bei den Apple-Fans steigt das Fieber : Was das neue iPhone (vielleicht) kann

Die Anzeichen verdichten sich, dass Apple-Chef Tim Cook am 12. September das neue iPhone 5 vorstellen wird. Bei den Mobilfunkanbietern sammeln sich bereits die Vorbestellungen. Das bisher aktuelle Modell 4S wird bald nur noch so viel wert sein wie eine Zeitung von gestern.

Den Namen dürfen Mobilfunkbetreiber nicht in den Mund nehmen — oder im Internet zeigen: Die beiden großen deutschen Anbieter Telekom und Vodafone mussten Webseiten vom Netz nehmen, die offen von Vorbestellungen für das neue iPhone 5 sprachen. Für die Apple-Zentrale in Cupertino gingen die Unternehmen damit zu weit. Wenn jemand das Recht hat, das iPhone 5 zu zeigen, dann ist es Tim Cook — und niemand sonst. Bei Telekom und Vodafone spricht man mittlerweile nur noch neutral von Premieren-Ticket oder Smartphone-Neuheit. Klar, weiß jeder, dass damit das neue iPhone gemeint ist. Aber offen sagen darf man es nicht. Apple weiß eben, wie man einen Hype inszeniert.

Es ist pure Technik-Erotik, bei der nur gerade so viel Informationen preisgegeben werden, dass die Phantasie beflügelt wird und die Ungeduld immer mehr wächst — auf diesen einen Moment, wenn endlich das Smartphone den Blicken preisgegeben wird und man es berühren darf. Es sind diese Erwartungen, die den Apple-Aktien-Kurs in die Höhe schießen ließen: Am 21. August erreichte der iPhone-Hersteller einen Börsenwert von 624 Milliarden Dollar. Damit war das Unternehmen das wertvollste aller Zeiten.

Nur eins darf sich Apple am 12. September nicht erlauben: wie im vergangenen Jahr mit dem 4S zu enttäuschen. Nicht nur, weil man damit die Fans vor den Kopf stoßen würde. Der große Konkurrent Samsung hat mit dem SIII ein Smartphone auf dem Markt, das in vielen Belangen dem iPhone den Rang abläuft. Tim Cook muss ein Modell auf den Markt bringen, dass zumindest mit dem SIII gleich zieht. Und die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Wenigstens nicht nach den halbwegs verlässlichen Gerüchten, die durchgesickert sind — und die von den Apple-Fans interpretiert werden wie die uralten Schriften längst vergangener Völker.

Das Vier-Zoll-Display

Derzeit hat das iPhone ein 3,5-Zoll-Display. Samsung dagegen bietet beim SIII gleich 4,8 Zoll mit einem brillanten AMOLED-Display. Das erreicht zwar nicht ganz die überragende Schärfe des Retina-Touchscreens eines iPhones. Aber die Darstellung ist farbintensiver und kontraststärker. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Tim Cook darum beim iPhone 5 auf die moderne In-Cell-Technologie setzen. Bei der befindet sich die berührungsempfindliche Sensorik direkt in der LCD-Schicht — und nicht mehr in einem gesonderten Panel. Dadurch würde das neue iPhone um mindestens etwa einen haben Millimeter dünner werden und statt 9,3 nur noch 8,8 Millimeter, vielleicht sogar nur 7,9 Millimeter schmal sein. Auf jeden Fall wird man mit dem Galaxy SIII und seinen 8,6 Millimeter in etwa gleichziehen. Zumal das immer noch unübertroffen scharfe Retina-Display durch diese eine Schicht weniger deutlich an Brillanz gewinnen wird.

Eine andere Frage ist, wie sich mit vier Zoll Diagonale die Auflösung ändert. Derzeit liegt sie bei 960 mal 640 Bildpunkte. Das ist zu wenig für ein größeres Display. Im Raum stehen 1136 mal 640 Pixel. Damit würde das iPhone 5 bei gleicher Breite etwas höher werden. Das bedeutet aber auch, dass die bisherigen Apps nicht mehr das ganze Display ausfüllen würden. Zumindest so lange nicht, bis die Entwickler die Anwendungen angepasst haben. Das aber lässt Zweifel an den Gerüchten aufkommen.

Zumal Apple damit das SIII mit 1280 mal 720 Pixel nicht übertreffen könnte — und auch nicht in den HD-Bereich vorstoßen würde. Genau das aber wird man schon aus Marketing-Gründen wollen. Zumal der wahrscheinliche A5X-Prozessor im iPhone 5 auch keine Probleme mit der HD-Darstellung hätte. Der hat zwar gegen den Trend nur zwei Rechen-Kerne statt vier, dafür aber vier Grafik-Engines. Damit muss das Smartphone nicht unbedingt langsamer sein als die Konkurrenz, eher wird die Bewältigung großer Pixelmengen sogar noch schneller vonstattengehen.

Eine Frage des Gewichts

Da durch die In-Cell-Technologie eine Schicht im Display verzichte werde kann, würde auch etwas Gewicht eingespart werden. Ein größeres iPhone müsste darum nicht unbedingt schwerer werden. Das kann sich Apple auch nicht erlauben. Das 4S ist mit 140 Gramm schon jetzt schwerer als das größere Samsung SIII mit 133 Gramm. Jedoch haben die Südkoreaner dies nur durch den Einsatz von Kunststoff geschafft. Ein iPhone wirkt darum immer noch wertiger. Wenn eine größere 5er-Version aber zu schwer werden würde, wäre das ein deutlicher Rückschritt bei der Handlichkeit des Handys.

Der erste Eindruck

Um zudem noch mehr Gewicht zu sparen und weiterhin wertiger als die Konkurrenz zu wirken, könnte die bisherige Rückseite aus Glas durch "Liquidmetal" ersetzt werden. Der Marken-Name steht für eine Zirconium-Legierung, die derzeit vor allem in Sportgeräten wie Skiern oder Tennisschlägern eingesetzt wird — oder auch bei Gehäusen von noblen Uhren. Das Material sieht nicht nur sehr wertig aus, sondern ist auch leichter und widerstandsfähiger als beispielsweise Titan oder Aluminium.

Nach Angaben des Branchendienstes Techradar aber hat Apple bereits 2010 vom Hersteller Liquidmetal eine Exklusiv-Lizenz zur Verwendung der Legierung erworben. Vielleicht in weiser Voraussicht. Das würde zu Tim Cook passen, der bereits in der Vergangenheit frühzeitig Verträge ausgehandelt und Weichen gestellt hat, die sich erst später als grundlegend für den Erfolg von Apple erwiesen haben.

Nano-Sim-Karten und gebogener Touchscreen

2011 hat Tim Cook mehrere hundert spezielle Glasschneide-Maschinen angeschafft, um gebogene Displays herzustellen. Bislang aber gibt es kein Apple-Produkt, das davon profitiert hätte. Das könnte sich nun ändern: Mit einem größeren Touchscreen würde ein gebogenes Display Sinn machen, weil sich das größere Handy besser an das Gesicht schmiegt. Den Preis für die neuen Dimensionen könnte dafür aber der Dock-Connector bezahlen. Der Branchedienst TechCrunch zumindest geht von einem kleineren 19-Pin-Anschluss anstelle des bisher üblichen 30-Pin-Connectors aus. Damit aber würde Apple viele Kunden und Hersteller von iPhone-Accessoires vor den Kopf stoßen. Und selbst wenn, wird man einen Adapter anbieten. Fast fest steht dafür, dass im Smartphone nur noch Platz für eine Nano-Sim-Karte ist. Die ist deutlich kleiner als die bisherigen Micro-Sims. Tatsächlich haben europäische Netzbetreiber zuletzt solche Mobilfunkkarten im Nano-Format bestellt. In großen Mengen.

An der Kamera auf der Rückseite wird sich dagegen vermutlich kaum etwas ändern. Mehr als acht Megapixel und Videos in HD-Qualität sind auch nicht wirklich sinnvoll. Höchstens der Kamera-Sensor-Chip könnte ersetzt werden — gegen einen, der die Bildqualität noch einmal steigert. Eher wird man die Auflösung der Front-Kamera erhöhen. Mit 0,3 Megapixeln (640 mal 480 Bildpunkte) für Videotelefonate hinkt sie technisch etwas hinterher. Das S III dagegen bietet da 1,9 Megapixel. Das ist die Richtung, in die sich auch Apple bewegen wird. Erst recht mit Blick auf das neue iOS 6, das Facetime Mobile über das Mobilfunknetz und nicht mehr nur über WLan bieten soll.

LTE noch vor Samsung?

Dazu passt, dass das iPhone 5 den schnellen Übertragungsstandard LTE unterstützen wird. Vielleicht wird Apple dieses Mal sogar Rücksicht nehmen auf Deutschland und auch in den LTE-Frequenzbändern senden und empfangen, auf die Mobilfunk-Anbieter bei uns setzen. Wenn das iPhone dann am 12. September auf den Markt kommt, würde man in Deutschland vor Samsung liegen: Die Koreaner werden erst im Oktober ein SIII mit LTE an Bord anbieten.

Finger-Abdruck-Sensor für sicheres Bezahlen

Sicher ist auch, dass Apple einen NFC-Chip einbauen wird. Mit der "Near Field Communication" ist das Bezahlen per Handy möglich. Etwas, das langsam an Fahrt gewinnt. Und mit dem neuen iOS 6, das mit dem iPhone 5 kommt, wird das Handy Apples Passbook-App unterstützen. Damit kann man nach Aussagen aus Cupertino das iPhone nutzen, um "in ein Konzert zu gehen oder in einem Hotel einzuchecken". Apple könnte damit dem bargeldlosen Bezahlen per Smartphone einen zusätzlichen Schub verleihen. Zur Sicherheit des Systems könnte im Home-Button auch ein Fingerprint-Scanner integriert sein. Tim Cook hat erst im Juli für 356 Millionen Dollar Authen Tec gekaut — ein Unternehmen, das eben auf genau solche Finger-Abdruck-Sensoren unter anderem für Smartphones spezialisiert ist.

Sollte Apple alle diese Erwartungen erfüllen und ein zum SIII konkurrenzfähiges Produkt vorstellen, könnte das Tor zu neuen Dimensionen aufgestoßen werden. Analysten rechnen mit insgesamt rekordverdächtigen 250 Millionen Smartphones aus Cupertino bis zur Vorstellung der nächsten Generation. Und weil das iPhone für etwa 50 Prozent des Umsatzes verantwortlich ist, würde das Apple in neue Höhen katapultieren. Die magische Grenze beim Börsenwert von 1000 Milliarden Dollar — Tim Cook könnte sie hinter sich lassen.

(jov)
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