Jessica Beinecke ist in China ein Star US-Blondine erklärt Amerika

Washington · Zweimal nimmt sie Anlauf. Ihr verlegener Blick verrät, dass es ihr unangenehm ist, aber was soll‘s, es muss raus. "Du hast einen, ähm …", sagt Jessica Beinecke und streicht mit dem Zeigefinger über die Fläche zwischen Oberlippe und Nasenspitze. "Einen, ähm …", wiederholt sie, "also, du hast einen Popel dort hängen." "You have a booger right there."

Jessica erklärt den Chinesen die Welt
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So etwas steht in keinem Englischbuch, und genau das erklärt Jessica Beineckes Erfolg. Locker und gestenreich bringt die 25-jährige Amerikanerin chinesischen Schülern bei, wie man sich mit einem "cute guy" zu einem Rendezvous verabredet und dass ein "tough cookie" kein altbackener Keks ist, sondern ein Mensch, der sich nicht unterkriegen lässt.

Was sagt man, wenn sich die Oberarme anfühlen wie Wackelpudding? "Jiggly", antwortet Beinecke, lässt ihre Puddingmuskeln schwabbeln und macht ein betrübtes Gesicht. "My arms are jiggly."

Eine Lektion dauert maximal vier Minuten

Während des Unterrichts sitzt sie in ihrem Washingtoner Wohnzimmer, auf dem Tisch zwei Laptops, das Gesicht einer Webkamera zugewandt. Keine Lektion dauert länger als vier Minuten, fünf sind es jede Woche, und ihre Fangemeinde zwischen Harbin und Hongkong wächst und wächst.

Auf dem chinesischen Videoportal Youku wird Beineckes Show pro Monat rund eine Million Mal angeklickt. Bei Weibo, der chinesischen Variante von Twitter, folgen ihr mehr als 100.000 Fans. Die Aktivsten lassen sie mit schöner Regelmäßigkeit wissen, für welche Lebenslage sie gerade das passende Wort suchen. Cool soll es klingen, Slang muss es sein. Für den Rest gibt es ja Lehrbücher.

OMG. Da steckt alles drin.

Der Titel der Sendung ist so amerikanisch wie Baseball, Hollywood oder Halloweenmasken. "Oh My God", gern auch abgewandelt zu "Oh My Gosh". Mal bedeutet es Staunen, mal pures Erschrecken, manchmal auch nichts. Man braucht sich nur zehn Minuten neben einen Washingtoner Pausenschulhof zu stellen, schon begreift man, wie gründlich der Spruch den lautmalerischen Alltag amerikanischer Teenager prägt. Bai Jie, so Beineckes chinesischer Name, hat die dazugehörige Abkürzung gewählt, um ihrer Serie ein Erkennungszeichen zu geben. OMG.

Dass sie fließend Mandarin spricht, hilft ganz gewiss. Außerdem entspricht sie ziemlich genau dem Klischee, dass man in Asien und wohl überhaupt im Ausland von einer Amerikanerin hat. Bai Jie ist blond, hat blaue Augen und strahlend weiße Zähne und strahlt jene unkomplizierte Fröhlichkeit aus, die ihre Landsleute gern mit dem Wort "bubbly" beschreiben. Sprudelnde Lebensfreude.

Sie stammt aus der Provinz

Die Slang-Lehrerin stammt aus einer Kleinstadt in Ohio, dem Inbegriff für tiefste Provinz. An der Universität in Athens, Ohio, studierte sie Kommunikationswissenschaften und Chinesisch, eine Sprache, für deren verschiedene Tonhöhen sich das musikalische Mädchen sofort begeistern konnte. 2007 folgten neunmonatige Praktika in Übersee, in Peking und Huangzhou in der Nähe Schanghais.

Für eine englischsprachige Zeitung schrieb sie dort launige Kolumnen über die Höhen und Tiefen und Tücken des Fremdsprachenlernens. Und so aufgekratzt, wie sie in China mit Gleichaltrigen sprach, witzelte und kicherte, macht sie heute Online-Fernsehen.

Das Gegenteil der Tigermom

Zurück in den USA, fing Beinecke bei Voice of America an, dem fürs Ausland produzierenden Rundfunksender. Ihre OMG-Show wird finanziert von ihrem Arbeitgeber, dessen Direktor David Ensor von einem Musterbeispiel für gelungenen Kulturaustausch spricht. Wenn man so will, ist das "All-American Girl" die Antwort auf Amy Chua, jene Tigermutter, die vor Jahresfrist mit einem Pädagogikbuch für große Aufregung sorgte.

Darin gab die Tochter chinesischer Einwanderer, eine Rechtsprofessorin aus Yale, den Amerikanern den guten Rat, ihre Kinder nicht schon beim kleinsten Anlass zu loben, sondern sie durch konsequente, notfalls drastische Strenge zu Höchstleistungen anzuspornen. Sonst lande die US-Nation bald im Mittelfeld, abgehängt von den aufstrebenden Asiaten.

"Fantabulous"

Zwischen Miami und Seattle quittierte man es mit einer Mischung aus öffentlicher Empörung und stiller Bewunderung, irgendwie traf es einen Nerv. Nun trägt die Jessica-Beinecke-Story dazu bei, das angekratzte Selbstbewusstsein wieder zu stärken. Siehe da, bei jungen Chinesen ist Amerika keineswegs der alte, sieche, dem Niedergang geweihte Uncle Sam! Neulich ging es bei OMG um Vokabeln, die höchstes Lob ausdrücken. Sehr angesagt ist "fantabulous", eine Paarung aus fantastisch und fabelhaft. Landestypischer Überschwang, ausgesprochen authentisch.

(pst)
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