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Kühles Kalkül: Twitter liebt den Hass

Kühles Kalkül : Twitter liebt den Hass

Seit elf Jahren geht Twitter nicht konsequent gegen Trolle und Hetzer vor – weil es seit elf Jahren rote Zahlen schreibt und auf jeden Klick angewiesen ist.

Seit elf Jahren geht Twitter nicht konsequent gegen Trolle und Hetzer vor — weil es seit elf Jahren rote Zahlen schreibt und auf jeden Klick angewiesen ist.

Alexandra Brodsky, 26 Jahre alt und Jura-Absolventin der Elite-Universität Yale, verstand die Welt nicht mehr. Die Amerikanerin jüdischen Glaubens hatte Verherrlicher des Holocaust an Twitter gemeldet, und die an sie gesendeten ungeheuerlichen Fotomontagen ihrer Person mit Judenstern selbst veröffentlicht, um auf das Problem hinzuweisen. Twitter ließ die Neonazis ("Willkommen im Trump-Amerika. Bis bald im Lager!") zunächst unbehelligt — und sperrte den Account des Opfers. Erst nach massiver Berichterstattung wurde die Sperrung aufgehoben. Eine Erklärung oder gar Entschuldigung der Firma blieb aus.

Das ist einer von vielen Fällen dieser Art. Sie sind das Gegenteil von irrelevant. In Deutschland mag Twitter ein Nischenphänomen sein, in den USA aber gibt es 50 Millionen Nutzer, weltweit fast 320 Millionen. Das Unternehmen steht am Wendepunkt: Es ist mit knapp elf Milliarden Dollar bewertet, aber chronisch unprofitabel und gewinnt seit zwei Jahren kaum noch Nutzer hinzu. Der Aktienkurs hat sich seit dem Börsengang im November 2013 mehr als halbiert. Angebliche Kaufinteressenten wie Facebook und Disney winkten ab. Ein "Newsweek"-Reporter ätzt, nun könne die chinesische Regierung Twitter übernehmen und dann abschalten — "aber wenn die Chinesen die USA destabilisieren wollen, wäre es vielleicht ein besserer Plan, es weiter laufen zu lassen, so dass Donald Trump und Kanye West weiter twittern können."

Das ist natürlich Polemik. Ein neutraleres Fazit wäre: Auf 140 Zeichen ist selten Platz für Fakten und fast nie für Zwischentöne. Indem Twitter diese Begrenzung erzwingt, befördert es die Über-Vereinfachung des Weltgeschehens. Kontext wird zum Ballast, der abgeworfen wird. Es gehe um "die Inszenierung des Augenblicks, historische, soziale, faktische Hintergründe werden egal, die Wahrnehmung des Moments entscheidet. Die Pose wird Politik", analysiert Netz-Experte Sascha Lobo. "Das Abwägen, das Warten auf Fakten, das Einordnen neuer Wendungen wird übersprungen, weil das alles dem goldenen Sofort umständlich im Weg steht."

Impulsivität wird belohnt, Krassheit gewinnt. Auf dem virtuellen Marktplatz überschreien Männer mit extremen Meinungen und Megaphonen die Gemäßigten, und diese können nicht mal weghören, den Lärm kaum effektiv stummschalten. Die Twitter-Maschine wird zunehmend nicht mit Hashtags geölt, sondern mit Hass. Fast regelmäßig bilden sich dort virtuelle Mobs, werden nach Anschlägen Rachegelüste bedient mit der Veröffentlichung von Fotos und Namen, teils auch Adressen angeblicher Verdächtiger, die oft unschuldig sind. Twitter garantiert keinen Mindeststandard an Kommunikationskultur — und frustriert Nutzer, die freiwillig Beweise sammeln.

Lindy West hat Twitter trotzdem intensiv genutzt, jahrelang. Die 35-jährige Amerikanerin engagiert sich gegen Sexismus, Rassismus und Diskriminierung Übergewichtiger, was sie gleich mehrfach zur Zielscheibe macht. Dennoch genoss sie die guten Seiten des Diensts, dessen Nutzer oft eben auch Solidarität, Liebe und Humor predigen, kluge Artikel teilen und Widerstand gegen Diktaturen organisieren. Nach wie vor glaubt West an Twitters Potenzial für transparenten Dialog zwischen Machtlosen und Mächtigen. Doch trotz alledem hat sie jetzt aufgegeben und ihren Twitter-Account gelöscht. Nicht wegen der unzähligen Beleidigungen, Vergewaltigungs- und Morddrohungen, sondern wegen des Nichtstuns der Twitter-Oberen, das lange grob fahrlässig war und das man nach elf Jahren, mutwillig nennen muss.

Anfang Februar nun versprach Jack Dorsey, der Chef und Gründer von Twitter, eine "komplett neue Herangehensweise an Beschimpfungen bei Twitter", inklusive einem "offeneren Dialog über jeden Schritt auf diesem Weg". Sichtbarste Maßnahme bislang ist eine zwölfstündige Verbannung auf eine virtuelle stille Treppe für Trolle: Nachrichten von auffälligen Nutzern sind zwölf Stunden lang nur noch für ihre Follower sichtbar, nicht aber für nicht mit ihnen verbundene potenzielle Opfer.

Zuvor hatte das Nichtstuns bei Twitter System: Zunächst delegierten die Manager die Verantwortung für die Sauberhaltung des Systems an die Nutzer. Und auch wenn diese dann aktiv wurden, wurden Hetzer wohl nur selten sanktioniert. Bei einer Umfrage von Buzzfeed mit 2700 Teilnehmern berichteten 90 Prozent derjenigen, die Beiträge gemeldet hatten, dass nichts geschehen sei. In knapp drei Prozent der Fälle seien die gemeldeten Accounts gelöscht worden. Von knapp 1500 Beschwerdeführern durften ganze fünf ihre Kritik näher erläutern.

Twitter selbst schweigt zu alledem beharrlich, gibt keine offiziellen Zahlen oder konkreten Erklärungen zu seiner Politik heraus. Stattdessen verweisen Sprecher auf die konzerneigenen Richtlinien. Darin werden Spam und Terror-Propaganda verboten, ebenso Drohungen und Belästigung "aufgrund von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, nationaler Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht, Geschlechtsidentität, religiöser Zugehörigkeit, Alter, Behinderung oder Krankheit".

So weit die Theorie. Die Praxis könnte davon kaum weiter entfernt sein. Dabei liegt ein effektives Vorgehen gegen jene, die Hassbotschaften über Twitter verbreiten, auf der Hand: Nutzer könnten etwa die Möglichkeit bekommen, ihre Identität verifizieren zu lassen, wie es bei Prominenten längst passiert - und zugleich die an sie adressierten, potenziell unerwünschten Äußerungen nicht registrierter Nutzer standardmäßig zu blocken (was bei Facebook einigermaßen klappt). So würden als verletzend gedachte Botschaften ihre Adressaten seltener erreichen und öfter ungehört verhallen. Weil solche Maßnahmen aber nicht getroffen werden, werden die Probleme nicht kleiner, im Gegenteil: Heerscharen computergesteuerter Accounts ("Bots") nehmen Vertreter ungeliebter politisch-gesellschaftlicher Meinungen teils unter Trommelfeuer.

Dass Twitter weitermacht wie bisher, lässt nur einen Schluss zu: Die Manager des Dienstes, die stets beteuern, die Welt verbessern zu wollen, lieben den Hass. Nicht, weil sie selbst Rassisten wären. Im ideologiefreien Raum Twitter blühen die extremsten Ideologien, weil sie verlässlich emotionale Reaktionen aller Art provozieren, die ihrerseits Reaktionen provozieren und deshalb für Twitter bares Geld wert sind. Protest gegen Rassismus ist genauso gut fürs Geschäft, und am allerbesten sind Shitstorms — egal, ob sie sich gegen Nutzer richten, die zum Massenmord aufrufen, oder gegen solche, die mit Engelsgeduld Fake-Statistiken über Ausländerkriminalität korrigieren.

Twitter denkt nicht in Kategorien wie "Rassist" oder "Troll". Es kennt nur User, und mehr User sind besser als weniger User. Content ist Content, ein Tweet ist ein Tweet ist ein Tweet. Eine Morddrohung ist für Twitter nur genauso lange schlechter als ein harmloses Witzchen, solange sie weniger Interaktionen der User provoziert. Ansonsten ist sie besser.

Twitter-Chef Dorsey hatte zum Jahreswechsel öffentlich gefragt, welche Verbesserungen sich die Nutzer wünschen. Die drei populärsten Antworten darauf stammen von einer Nutzerin namens Amber Discko. Es sind konkrete Vorschläge für einen besseren Schutz der Nutzer vor Belästigung. Dorsey ging halbherzig darauf ein. Umso konkreter und inbrünstiger wandte sich ein fremder User an die Frau — per Privatnachricht: "Okay, Madame, lass uns direkt zum Punkt kommen: Was könnte ich tun, damit du dich umbringst?"

(tojo)