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Präsidentenwahl in Berlin: Twitter-Alarm in der Bundesversammlung

Präsidentenwahl in Berlin : Twitter-Alarm in der Bundesversammlung

Bei der Wahl von Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten sind Twitter und das Internet abermals brisantes Thema. Bei der Stimmenauszählung galt Handy-Verbot, Politiker twitterten derweil fröhlich aus dem Plenum. Ein kleiner Internetstar wurde ein Nutzer, der unter dem Falschnamen "Joachim Gauck" Nachrichten in die Welt schickte.

Im Vorfeld hatte Martin Delius, einer der beiden Piraten in der Bundesversammlung, bereits angekündigt, dass er bei der Bundesversammlung alles twittern werde, was ihm in den Sinn kommt. Und das obwohl im Vorfeld erneut mehrfach von einem Twitter-Verbot in der Bundesversammlung die Rede war.

Besonders streng galt dies für die Helfer, die die abgegebenen Stimmen auszählten. Seitdem vor drei Jahren die CDU-Politikerin Julia Klöckner bei der Wiederwahl von Horst Köhler schon vorab das Ergebnis ausgeplaudert hatte, sind Handys im Umfeld von Bundespräsidentenwahlen nicht mehr gerne gesehen.

"So - ich habe Gauck gewählt"

Aus dem Plenum heraus wurde am Sonntag dennoch fröhlich gezwitschert. Unter dem Tag #bv15, eine Abkürzung für die 15. Bundesversammlung, ist am frühen Sonntagnachmittag die Hölle los. Auch diverse Zahlen über vermeintliche Wahlergebnisse kursierten, ohne sich freilich erhärten zu lassen. Unter den Absendern fanden sich gleich mehrere namhafte Politik-Twitterer.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Bätzing aus Neuwied/Altenkirchen berichtete: "So — ich habe Joachim Gauck gerade gewählt".

Piratenpolitiker Delius erläuterte, warum er Gauck seine Stimme verweigerte: "Es ist ein Statement. Wir machen nicht mit nur um mit zu machen. :)", schrieb er über den Kurznachrichtendienst, noch während die Versammlung auf das Ergebnis wartete.

Auch Fotos werden in die Welt geschickt

Der CDU-Abgeordnete Thomas Jarzombek vermeldete: "Lammert spricht. Ihn hätte ich mir auch gut als Bundespräsidenten vorstellen können" und "Kreuz ist gemacht".

Die stellvertretende Vorsitzende der Linken, Halina Wawzyniak, bewertete Lammerts Rede als "launisch". Sie dankt ihm via Twitter, dass er "nochmal erwähnt" habe, dass der Bundespräsident für fünf Jahre gewählt werde.

Andere schickten vor Beginn der Versammlung Fotos aus dem Plenarsaal. CDU-Wahlmann Peter Tauber lichtete seinen blauen Wahlausweis ab, Piratin Katj Dahte fotografiert das Buffet, Pirat Delius machte eine Aufnahme von seinem Platz in der Menge.

Tauber nimmt später die Gelegenheit wahr, um noch einmal eine Anspielung auf die Twitter-Aufregung bei der Wahl von Köhler zu machen: "Tja. Ich kenne das Ergebnis. Aber keine Sorge. Ihr erfahrt es gleich. Und verkündet von Lammert ist das würdevoller als per twitter", lautet seine Mitteilung.

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Ärger fraglich

Dass die so mitteilungsfreudigen Abgeordneten und Wahlleute aus der Bundesversammlung nun mit Ärger rechnen müssen, erscheint wohl doch eher fraglich. Verraten wurde vorab nichts Staatstragendes, die Wahl Gaucks und seine Rede vor der Bundesversammlung überstrahlte den Sonntag.

Zudem ist einmal mehr deutlich geworden, wie sehr Twitter bereits zum Alltag gehört, und damit ist ausdrücklich auch der politische Alltag gemeint. Es sind schließlich nicht nur Piraten, die sich so an die Netzöffentlichkeit wenden, sondern auch gestandene Politiker sowie nicht zuletzt Regierungssprecher Steffen Seibert, die Twitter bewusst als aktuellen und direkten Kanal nutzen.

"Joachim Gauck" twittert auch

Für netztypischen Unterhaltungswert sorgte derweil ein Nutzer, der am Sonntag unter dem Namen "Joachim Gauck" die Nutzer mit ironischen, aber frei erfundenen Kommentaren zum Verlauf der Bundesversammlung auf dem Laufenden hielt. Dort hieß es unter anderem: "991 Prozent. Tolles Ergebnis." oder "Eigentlich bin ich nur wegen der Blumen Präsident geworden."

An anderer Stelle schrieb der Nutzer "Nach der Wahl kriegt jeder Brot und Wein"- eine süffisant-bösartige Anspielung darauf, zu welch überirdischen Lichtgestalt viele Joachim Gauck bereits gemacht hatten.Satire, darauf versteht sich das Internet.

Ärger um Lammerts Netz-Kritik

Ärger bahnt sich beim Thema Twitter hingegen von anderer Seite an. So hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Rede vor der Bundesversammlung abermals Kritik am Internet geübt. Schon nach dem Mini-Eklat um Köhler hatte er zu den Twitter-Gegnern gezählt.

Am Sonntag sagte Lammert nun mit Blick auf die Affäre um den zurückgetretenen Christian Wulff: "Es gibt durchaus Anlass für selbstkritische Betrachtungen, nicht nur an eine Adresse", und zielte damit unter anderem auf die massive Kritik im Internet ab.

Lammert fügte hinzu: "Manches war weder notwendig noch angemessen, sondern würdelos. Von der zunehmenden Enthemmung im Internet im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität gar nicht zu reden." Im Netz löst das wenig überraschend Ärger, aber auch Spott aus. Pirat Martin Delius schrieb daraufhin: "Das ist schon lustiger als gedacht."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Twitter-Fotos bei der Bundesversammlung 2012

(pst)