Total digital Alles hört auf mein Kommando

Meinung · Früher schleppten Menschen Kerzen mit sich herum, um ihr Haus zu beleuchten, heute müssen sie zum Lichtschalter rennen – außer sie verfügen über Sprachsteuerungs-Systeme. Wie dieser technologische Schritt gerade weiterentwickelt wird.

Es wäre töricht zu meinen, der Lichtschalter an der Wand sei die letzte Stufe der technologischen Evolution.

Es wäre töricht zu meinen, der Lichtschalter an der Wand sei die letzte Stufe der technologischen Evolution.

Foto: dpa-tmn/Soeren Stache

Gestern ist mir etwas Dämliches passiert. So dämlich, dass ich davon vermutlich noch nicht einmal meinen besten Freunden erzählt hätte. Warum also nicht gleich eine Kolumne darüber schreiben?

Als ich nach einer langen Dienstreise spät Abends mein Hotelzimmer betrat, rief ich wie selbstverständlich: „Alexa, Licht an!“. Natürlich geschah nichts und ich brauchte einige Sekunden allein mit mir im Dunkeln, bis ich begriffen hatte, dass man Lampen außerhalb meiner Wohnung normalerweise per Hand mit einem Lichtschalter bedient.

Für gewöhnlich wäre das Thema damit beendet gewesen. Doch dann lag ich schlaflos auf dem Bett und begann zu grübeln. Wieso ist es eigentlich „normal“, dass man aufstehen und einen Lichtschalter drücken muss, der sich am anderen Ende des Raumes befindet? Wieso war es lange Zeit „normal“, eine Kerze mit sich zu tragen, wenn man nachts das stille Örtchen besuchen wollte?

Die Menschheit hat eine lange Reise hinter sich seit der Zähmung des Feuers bis hin zum Ringlicht für Video-Konferenzen im Home-Office. Doch es wäre töricht zu meinen, der Lichtschalter an der Wand sei die letzte Stufe der (techno-) logischen Evolution.

Noch rechtzeitig vor Weihnachten ist jetzt „Matter“ gestartet, ein neuer Industrie-Standard, auf den sich Apple, Google, Amazon, Philips und sogar Ikea nach langem Konkurrenzkampf um die Vorherrschaft in unseren Häusern verständigt haben. Er soll dem Smart-Home endlich zum weltweiten Durchbruch verhelfen.

Ein mit dem „Matter“-Logo gekennzeichnetes Gerät lässt sich im heimischen Netzwerk integrieren, und zwar unabhängig davon, ob man es über Siri (Apple), Alexa (Amazon) oder den Google-Assistenten steuert. So lassen sich wie bei mir zuhause nicht nur die Lampen, sondern auch die Heizung, das Rollo oder der Fernseher über Sprachbefehle bedienen, und das egal von welchem Hersteller.

Einmal eingerichtet fühlt man sich dabei anfangs noch wie Captain Kirk auf der Brücke von Raumschiff Enterprise: Alles horcht auf mein Kommando!

Doch dann passiert etwas Eigenartiges. Nach nur wenigen Wochen hat man sich an diese neue Technologie gewöhnt, ganz so, als hätte es sie schon immer gegeben. Heute bin ich der Dumme, der sich über die altmodischen Lichtschalter an der Wand wundert. Ich hoffe, dass schon bald dem Rest der Welt ein Licht aufgeht.

Unser Autor ist Blogger und Digitalexperte. Er wechselt sich hier mit der Start-up-Gründerin Felicia Kufferath ab.

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